Wet T-Shirt-Contest: Der Ostermontag im katholischen Polen

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In Polen wird viel Wert auf Traditionen gelegt. Dementsprechend wird auch Ostern, als das wichtigste christliche Fest, nach bestimmten Regeln und mit gesetzten Bräuchen verbracht. Der lustigste verbirgt sich hinter der seltsamen Bezeichnung Śmigus-dyngus: Am Ostermontag bleibt niemand trocken und das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen.

Wir fahren für die Osterfeiertage fast jedes Jahr zu unserer Familie nach Polen. Sie leben in der oberschlesischen Region Oppeln. Meine Mutter besteht dann immer darauf, dass ich mich für den Gang in die Kirche herausputze: „Deine Oma bringt mich um, wenn du mit deinem ‚Döner Kebab’-Shirt zur Messe gehst.“

Widerwillig leiste ich jedes mal Folge und weiß, dass es ohnehin keinen Sinn macht, denn vor der Kirche warten randvolle Wassereimer auf mich. Egal ob 15 °C oder -2 °C, ich werde nass gemacht und mit mir auch alle anderen Mädchen und Frauen. Den ganzen Tag lang sind wir nirgendwo sicher: Ich bin schon im Fluss gelandet, wurde mit Wasserbomben beworfen und selbst als ich krank im Bett lag, landete ich in einer Badewanne voll mit kaltem Wasser.

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Śmigus-dyngus nennt sich diese Tradition oder auch lany poniedziałek, was so viel bedeutet wie „nasser Montag“. Ähnliche Rituale sind in Tschechien, der Slowakei und Ungarn zu finden.

Zur Jugendzeit meiner Eltern, also vor 30 bis 40 Jahren, waren es tatsächlich nur Jungen und Männer, die Mädchen und Frauen nass machten. Häufig bekamen sie im Gegenzug für diese Frechheit auch noch ein bemaltes Osterei geschenkt. Mittlerweile lassen sich die Mädchen und Frauen das allerdings nicht mehr gefallen. Die Emanzipation ist in Polen zumindest in diesem Punkt schon angekommen. Fleißig befüllen auch die Mädchen Wasserpistolen und so werden sich wahre Schlachten geliefert.

„Für die Jüngeren hat das vor allem was mit Flirten zu tun, ganz nach dem Motto: Was sich neckt, das liebt sich.“, erklärt mir meine Mutter. Die Pubertierenden freuen sich dabei ganz besonders über den Anblick ihres heimlichen Schwarms in nasser, am Körper klebender Kleidung.

Zurückzuführen ist der nasse Spaß schon auf das Mittelalter. In Schriften aus dieser Zeit soll die Tradition bereits beschrieben worden sein. Im Christentum datiert man den Ursprung des Rituals vor allem auf das Jahr 966, denn mit der Taufe des polnischen Königs Mieszko I. hat sich zu diesem Zeitpunkt ganz Polen zum Christentum bekehrt. Eine weitere Theorie beschreibt den Ursprung des Brauches als heidnisch: Zur symbolischen Reinigung wurden junge Frauen bei Frühlingsbeginn mit Wasser benetzt.

Dieses Jahr haben meine Familie und ich Ostern in Deutschland verbracht, weshalb ich mich in Sicherheit wog. Doch während die symbolischen Parfüm-Spritzer meines Vaters noch harmlos waren, begrüßte mein Bruder mich schon in der Tür mit einem Eimer voll Wasser. Ohne Rücksicht auf Verluste flutete er die halbe Wohnung. Das ist mit Sicherheit das schönste am Śmigus-dyngus: Man darf sich auch mit Mitte 30 noch benehmen wie ein Kind.