WERKSCHAU NACHWUCHSKURZFILM #8: Das Genrekino von Jonathan Behr

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Diese Reihe hat sich zum Ziel gesetzt, einen Blick auf die Szene des deutschen Kurzfilm-Nachwuches zu werfen und die Werke junger Filmschaffender einzuordnen und ihre ersten Schritte in der Filmlandschaft mit diesen Texten zu ergänzen. Der Versuch dieser Reihe ist es, eine persönliche Handschrift aus ihren von mir gesammelten Werken zu extrahieren und ihre persönliche Weltsicht, die Vision du monde, sichtbar für interessierte Leser*innen zu machen. In dem kommenden Text geht es um die Kurzfilme von Jonathan Behr.

© Kristin Kumria

Biographischer Abriss: 

Jonathan Behr wuchs in einem kleinen Dorf in den Ausläufern des Schwarzwalds in der Nähe von Karlsruhe auf. Er interessierte sich schon früh für Mythen und Geschichten. In jungen Jahren war es sein Traum Archäologe zu werden, als Kind, das unter den wachsamen Augen von den Filmen von Steven Spielberg aufwuchs und Filme wie Indiana Jones in sich aufsog. Als er aber feststellen musste, dass man in der Realität keine Nazis in diesem Beruf bekämpft, wandte er sich anderen Dingen zu. 

Während der Schulzeit begann Jonathan in einem Programmkino – mit analoger Filmprojektion – als Filmvorführer zu arbeiten. Dadurch verbrachte er viel Zeit im Kino. Prägend als Filmemacher war für ihn der Besuch der Mitternachtspremiere des ersten “Herr der Ringe” Films von Peter Jackson mit seinen Vater, als 11 Jahre alt war. Er konnte sich schon früh für phantastische Literatur und Filme begeistern, die er mit Freunden schaute und mit denen auch eigene Live-Rollenspiele spielte. Für letztere schneiderte Jonathan dann auch die Kostüme und baute die Requisiten.

Noch heute dauert diese Liebe zum phantastischen Kino an und so zählen zu Jonathans prägenden Filmen natürlich der “Herr der Ringe” von Peter Jackson, “Indiana Jones und der letzte Kreuzzug” und “The Fall” von Tarsem Singh. Er schätzt Kino in großen Bildern, das amerikanische phantastische Blockbusterkino, das von Regisseuren wie George Lucas und Steven Spielberg mitgestaltet wurde. Spielberg zählt er auch – neben David Fincher, dessen Düsternis ihm besonders gefällt – zu seinen Lieblingsregisseuren. Da wir im Falle von Jonathan Behr aber auch viel über das Horrorkino sagen werden, sei auch darauf verwiesen, dass besondere Werke im Horrorgenre für ihn einmal der ikonografische “Shining” von Stanley Kubrick, aber auch “Babadook” von Jennifer Kent sind. Wer die Filme und ihren Schwerpunkt kennt, wird diese Gewichtung, unterhaltsames Genrekino mit Anspruch zu verbinden, auch in Jonathan Behrs Filmen wiederfinden. Denn für ihn schließen sich Unterhaltung und Intelligenz nicht aus. Jonathan Behr versucht dies in seinem Genrekino zu kreuzen und versucht Genres zu bedienen, die man im deutschen Kino nicht so häufig sieht. Er bedient sich dabei klassisch amerikanischen Mechanismen, wofür er auch auf ehrlichen Pathos zurückgreift, der seiner Meinung nach nicht verpönt werden muss. Jonathan Behr reflektiert diese Mechanismen des amerikanischen Kinos aber auch und übernimmt sie nicht nur, wie viele andere dieser Tage, die nur zitieren, aber deren Werke Eigenständigkeit oder besser gesagt ein eigenes Anliegen, eine eigene Geschichte, vermissen lassen. Dieses Anliegen, mit der Form des Genres etwas zu sagen oder auszuprobieren, das fühlt man in seinen Werken. 

Sein Weg führte ihn schließlich nach dem Abitur zu einem Studium der Audiovisuellen Medien an der Hochschule der Medien in Stuttgart, wo erstmals filmische Erfahrungen sammelte und sich in einer Findungsphase für sich selbst begab, was er selbst machen wollte. Er fand Regie interessant, aber auch die anderen Werke interessierten ihn. Er studierte von 2010 bis 2016 sowohl Bachelor als auch Master an der Hochschule der Medien und schrieb in seiner Masterarbeit u.a. über die Urängste im Horrorfilm.

Es folgten von 2012 bis einschließlich 2016 zahlreiche Erfahrungen in Production Design oder Art Department bei Kurz- wie auch Spielfilmen sowie u.a. eine Anstellung als Praktikant, später dann als Setdresser bei Jim Jarmuschs “Only Lovers Left Alive”. Irgendwann folgte der Moment, in dem Jonathan dachte, dass er mehr Einfluss auf die Filme, an denen er mitwirkte nehmen wollte und so lehnte er seine Zusage für einen Studienplatz im Fach Szenenbild an der Filmakademie Ludwigsburg ab, um es nochmal mit Regie zu probieren. Beim dritten und damit letzten Anlauf an der Filmakademie schaffte er schließlich den Sprung an die Filmakademie mit seinem Kurzfilm “Fremde”, wo er ab Herbst 2016 weiterhin erfolgreich Filme drehen würde, die auf zahlreichen Filmfestivals laufen würden.  Auf diese Filme, die vor und an der Filmakademie entstanden sind, soll es nun im folgenden gehen. Dazu gehen wir zunächst einen Schritt zurück und schauen auf Jonathans Debüt als Kurzfilmregisseur, das er an der Hochschule der Medien absolvierte.

Black Mail [2010 | 5 Minuten]

“Blackmail” ist der erste richtige Kurzfilm für Jonathan Behr. Vorher hatte er zwar schon Amateurfilme für das Abitur gedreht, aber wie Film wirklich funktionierte, also wie man zum Beispiel Licht setzt, davon wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Durch sein Studium an der Hochschule der Medien in Stuttgart kam er also erstmals mit dem Handwerk in Berührung, wo er Teil des internen studentischen Fernsehens wurde. Die Idee zu dem Film, der Jonathan Behrs ersten Schritt im Medium Film darstellen sollte, kamen ihm und seinem Kommilitonen Jan Grundmann, weil an ihrer Hochschule der Medienethik Award verliehen wurde und die beiden ein filmisches Werk zum Thema beisteuern wollten. 

Von der Hochschule war dies zwar nur als Teaser gedacht, aber Jonathan wollte einen Film machen und entwickelte zusammen mit Jan Grundmann ein Konzept. Zur Entstehungszeit der Idee stand Jonathan – wie er meint, wahrscheinlich jeder Filmstudent zu diesem Zeitpunkt –  auf den Film noir, auf die kontrastreiche Schwarzweißfotografie, auf die betörende Dunkelheit dieser Epoche der Filmgeschichte. Auf der anderen Seite beschäftigen sich Jonathan und seine Kommilitonen zu dieser Zeit im Seminar mit der Filmgeschichte, um genauer zu werden, mit der Nouvelle Vague, die auch ihre Schatten über dieses Werk werfen würde. Der Inhalt des Films sollte sich – passend zur Medienethik – mit dem Thema Überwachung in Zeiten des Internets auseinandersetzen. 

Da Jonathan die Gefahr sah seinen Film durch schlechte Dialoge zu zerstören, fand er eine andere Herangehensweise für sich und entschied er sich dafür reines Kino zu machen, also einen Film ohne Dialog, nur mit Bildern, zu produzieren. Dieser Retro Noir, dessen Titel nicht nur zufällig an einen frühen Hitchcockfilm erinnert, in bestechendem Schwarzweiß fotografiert, lebt dabei mehr von atmosphärischer Beschreibung einzelner Segmente als durch eine konkrete Handlung, die bisweilen – aber das ist auch typisch Noir – diffus bleibt. Ein Unbekannter, ein Detektiv im Trenchcoat, nähert sich einem opulenten Herrenhaus. Draußen herrschen Schnee und Kälte. Dampf steigt aus der Gasse herauf. In der Ferne donnert es. Unheil zieht auf. Eine Familie sitzt beim Essen in einem dunklen Nichtraum in Low-Key-Beleuchtung, in der die weiße Tischdecke den Raum zu erleuchten scheint. Der Detektiv dringt in das Haus, beginnt es mit großer Akribie zu untersuchen und forscht nach Beweisen, während die Familie weiterhin am Tisch sitzt, nun aber eifrig in ihre Schreibmaschinen (natürlich eine Chiffre für etwas anderes: Die Computer) tippt. Schließlich konfrontiert der Detektiv den Herren des Hauses mit der Datenschutzerklärung und hält ihm vor, was er eigentlich unterschrieben hat, sein Haus wird von mehreren Detektiven durchforstet, nichts ist sicher, alles wird transparent bei diesem Einbruch in die Privatsphäre. 

Die Idee des Films ist originell, in der er Bilder aus dem Film noir verwendet, um chiffriert etwas über unsere aktuelle Zeit zu erzählen. Dieser Home Invasion Film stellt einen warnenden Kommentar zum Datenschutz dar, den wir viel zu leichtfertig aus unseren Händen geben. Die Detektive stehen, das macht der Film mit Bandagen sehr deutlich, für Google und Facebook. Die Message des Films ist damit klar, wird mit dicken Strichen zementiert, was ihn und seine Pointe, auf der er aufbaut, schlussendlich auch etwas platt erscheinen lässt. Der Film ist dabei ein jazziges Werk, das in der Form spielerisch Nouvelle Vague und Film noir kreuzt. Die Form spielt die Kernrolle des Films. Es geht in diesem Film um das Ausprobieren, das Spielen, das Regelnbrechen und Irritieren. Ähnlich wie die Musik des Film erscheint er nahezu in Improvisation entstanden zu sein. Es ist ein ruckartiges Erlebnis, das keine Einheit findet und stilistisch droht auseinander zu fallen. Aber das ist eben auch die Qualität des Films, das Element des Überraschenden. Ein Film, dem man anmerkt, dass da einfach jemand machen wollte und ein lustvolles Spiel mit der Form anzettelt, das hektisch und abgedreht ist, aber auch originell ist. Der Film ist ein Gimmick, eine kurze Spielerei an Film, eine schlichte Fingerübung, in der Form erprobt wird. 

Jonathan Behr selbst gab zu Protokoll, dass dieser Film ziemlich auf die Fresse wäre, in dem Sinne wie er das Thema behandelt. Wichtig war ihm aber eine Mischung aus Genre und Thema zu vollziehen, sodass man beide Dinge zusammenbringen würde. Jonathan lernte des Weiteren mit diesem ersten Gehversuch, was es bedeutet beim Film miteinander zu kollaborieren, ein Team zu sein. Denn jeder aus seinem Team zahlte Geld in den Film, um ihn zu realisieren. Es entstand ein Gemeinschaftsgefühl, denn für viele beim Dreh bedeutete es das erste Mal in solch einer Gemeinschaft zusammenzuarbeiten. Wenig Schlaf und viel Euphorie hieß dieser Film für sie alle. Diese erste Erfahrung trägt Jonathan weiterhin in seinem Herzen.

Fremde [2016 | 16 Minuten]: 

Von den Anfängen kommen wir nun schon zum Abschluss von Jonathans Schaffen an seiner ersten Hochschule: “Fremde” stellt nämlich Jonathan Behrs Abschlussfilm an der Hochschule der Medien dar und basiert auf wahren Ereignissen, was zu Beginn in einer Texttafel verkündet wird. Wenn man jetzt noch weiß, dass der Film ein Horrorfilm ist, dann wird es interessant. Denn schon in dieser Hinsicht beginnt Jonathans Spiel mit den Erwartungen seiner Zuschauer, die diesen Film sofort ein Stückchen wacher observieren, obgleich solche Verweise im Genre – denken wir an Filme wie “Texas Chainsaw Massacre” – auch nichts mehr neues sind, aber genau darauf ist dieser Film auch aus, der uns aufzeigt zu welchen künstlerischen Höhen Jonathan Behr im Genrekino fähig ist. 

Basierend auf wahren Ereignissen, das meint in diesem Film, dass eine Freundin Jonathan erzählte, die im Asylantenheim gearbeitet hatte, was die dortigen Zustände sind und was eine Abschiebung für die Menschen dort bedeutet. Jonathan hatte bis dato keinen Bezug zu dem Thema, aber die Geschichten, die sie ihm erzählte, das traf einen Nerv bei ihm und ihm wurde schnell klar, dass die Ängste, mit der die Menschen dort zu kämpfen hätten, seiner Definition von Horror entsprechen würden. Sein Ansatz war es nun bei dem Film klassische Horrortropen zu bedienen, einen leicht trashigen Horror zu Beginn hinein zu geben, um die Zuschauer auf eine falsche Fährte zu locken und eben auch diejenigen zu erwischen, die sich sonst nicht mit dem Thema der Abschiebung beschäftigen würden, weil der Horrorfilm auch ein Genre für die Massen ist. Es war also so, als würde er ein trojanisches Pferd in seinen Horrorfilm schmuggeln (wie es die meisten guten Filme des Genres tun). Für Jonathan wurde dieser Film ein persönliches und dringliches Anliegen, für das er kämpfen musste, weil viele seiner Dozenten befürchteten, dass der Film zur Exploitation hinsichtlich seines Themas werden würde. Aber Jonathan setzte sich für seine Vision ein und durfte den Film realisieren. 

Eine maßgebliche Inspiration für “Fremde” war das koreanische Horrorkino, konkret der Film “A Tale of Two Sisters” von Kim Jee-woon, bei dem Jonathan die eleganten Kamerafahrten und die expressiven Farben faszinierten. In diesem Film wurde über farbliche und visuelle Brillanz Spannung erzeugt und das fand Jonathan markant, und auch entgegen der typischen Haltung, dass Horror immer nur düster und dreckig sein müsste. Weitere Vorbilder fand er in dem französischen Terrorkino “High Tension” von Alexandre Aja, dem amerikanischen Home Invasion Horror “The Strangers” von Bryan Bertino oder in Gore Verbinskis Remake von “The Ring”, der auf ikonografische Bilder setzte. In diesen Filmen lernte Jonathan wie die Kamera bedrohliches erzählen kann, Dynamiken über Räume erzeugt und wie man mit den Erwartungen des Zuschauers spielt, sodass diese immer erwarten, dass etwas passiert. Immer wieder lud er sein Team ein, um sich mit ihnen gemeinsam diese Filme anzuschauen und sie zu analysieren. All diese Filme finden sich auch mehr oder weniger in “Fremde” wider. Der Film benutzt sie, um eine eigenständige Sprache zu entwickeln, in der man zwar immer auch die Referenzen sehen kann, es aber nicht muss, weil dieser Film auch für sich funktioniert und für sich steht. 

Der Film beginnt mit kühlen und blaustichartigen Bildern, die wie aus einem Märchen entsprungen scheinen: Zwei Schwestern liegen nachts in ihren Betten und eine von ihnen erzählt eine Schauergeschichte, die sie in der Schule gehört hat, von Wesen, die in der Nacht kommen würden, um sie zu holen. Es ist ein mysteriöses Spiel, das der Film zu Beginn mit seinen Zuschauern treibt und bewusst Assoziationen zu den Monstern des Horrorgenres weckt. Dieser Einstieg ist sanft, einfühlsam werden die beiden zentralen Figuren etabliert. Die jüngere Schwester spricht ihre Ängste vor dem Schrecken aus, die ältere von beiden verspricht ihr Sicherheit. Jonathan Behr beweist, dass er die Mechanismen des Genres Horrorfilms verstanden hat, in dem er das Grauen schleichend kommen lässt. Zunächst wird dabei Unheil prophezeit, um daraufhin eine alptraumartige Montage, eine Art Vision, deutlich an Verbinskis “The Ring” angelehnt, folgen zu lassen, dass bald etwas vor der Tür stehen wird, das diesen Frieden stören wird. Diese in eindringliche Bilder gegossene Vision verweist auf den Schauer, der kommen wird und Jonathan Behr dreht sehr gezielt an den Schrauben seines Films, sodass täuschende Stille und Lautstärke eine Balance eingehen, die unheimlich ist. 

“Fremde” ist stimmungsvolles Genrekino, das geschickt die Bewegungen der Figuren und die Kamera arrangiert, sodass es zu einem Genuss wird diesen Film auf seinen Pfaden zu folgen und seinem visuellen Zeichensystem zu erliegen, das in jeder Sekunde von einem wahren Verständnis für das Genre geprägt ist. Schauer entwickelt sich hier über Andeutungen, über Ahnungen und Zeichen, die sich zunehmend verdichten. Der Film verzichtet zum Großteil auf jegliches Poltern oder Jump-Scares, sondern hält sich zurück und baut vorsichtig seine Spannung auf. Es ist also ein Genrefilm, und das sieht man leider in deutschen Nachwuchsfilme viel zu wenig, der sich herantastet und jedes Detail sorgsam inszeniert. Es ist inspirierend und wohltuend diesen Film zu sehen, weil er die Topoi des Genres zwar referenziert und auf klassische Methoden verweist, sie aber auch gelungen mit neuem Leben füllt – und das ist leider etwas, das den wenigsten gelingt. 

Ursprünglich hatte Jonathan einen längeren Prolog geplant, in dem die Figuren noch ausführlicher etabliert werden und der Vater seine Kinder noch ins Bett bringt, um schließlich dort zu enden, wo der Film nun beginnt. Aber der Film kam nicht in Fahrt, damals noch vorhandene Jump Scares gaben dem Film keine inhaltliche Relevanz und so strich Jonathan einen gesamten ersten Akt aus dem Film und kürzte radikal, um uns zwar bedächtig, aber unentwegt in die Situation zu werfen und uns mit unseren eigenen Schlüssen zu konfrontieren, die die damalige Exposition wahrscheinlich breit getreten hätte. So fließt schließlich märchenhafter Horror in einen stilechten Home Invasion Film, der Druck macht, und in dem wir erkennen müssen, dass wir die wahren Monster sind und das Grauen menschlicher Natur ist. Damit läuft der Film auf eine gesellschaftskritische Pointe heraus, die das Genre nutzt, um menschliche Ängste/Urängste erfahrbar zu machen. Der Horrorfilm lockt uns auf eine falsche Fährte, läuft durch die Inszenierung wie ein geöltes Zahnrad und entpuppt sich schließlich als Finte, als menschliches Drama, als Kommentar zur Flüchtlingskrise, in dem man am Ende vom Pathos überwältigt wird. Dadurch eröffnet der Film uns eine neue Perspektive auf das Thema der Flüchtlingskrise und der Abschiebungen in Deutschland, der genuin und tatsächlich einzigartig ist. Das Risiko hat sich ausgezahlt, denn der Film lief auf aktuell etwa 50 Filmfestivals auf der ganzen Welt, darunter bei Nachwuchsfilmfestivals wie dem “up-and-coming-Filmfestivals” in Hannover oder dem “filmreif – Das Bundesfestival junger Film” in St. Ingbert, aber auch etablierten Festivals wie dem Landshuter Kurzfilmfestival, Tallinn Black Nights Film Festival oder der Genrenale. 

Dahin, wo es weh tut [2017 | 2 Minuten]

Nach seinem Studium an der Hochschule für Medien in Stuttgart und mit “Fremde” im Gepäck, bewarb sich Jonathan Behr nachdem er nebenbei auch noch ein paar Erfahrungen in der Branche bei verschiedenen Filmen im Art Department gesammelt hatte, ein drittes und letztes Mal an der Filmakademie Ludwigsburg und wurde in das Aufnahmeverfahren der Hochschule aufgenommen. Einer der Prüfungen, die es dort zu absolvieren gilt, um schlussendlich Teil der Hochschule zu werden, ist es einen Kurzfilm innerhalb von 72 Stunden herzustellen. Dabei standen Jonathan zwei Themen zur Auswahl: Etwa konnte er den Schmerz einer heftigen Trennung rhythmisieren oder komödiantisch eine sexuelle Standortbestimmung zeigen in einer Filmlänge 2-3 Minuten.

Jonathan entschied sich für ersteres und dachte sich, dass alle, die das lesen würden zunächst einmal von einer Beziehungstrennung erzählen würden. Deshalb wollte er das nicht machen und fragte sich, was wäre, wenn man es sehr wörtlich ist und der Film von der Trennung seiner Gliedmaßen handeln würde und er sich mit den Gefühlen dieser Trennung auseinander setzen würde, etwas, was für ihn wiederum auch sehr persönlich sein würde. 

Zunächst sehen wir Kinder auf einem Platz Basketball spielen. Ein Mädchen sitzt davon exkludiert, von einer Mauer getrennt von den anderen, wie in einem Gefängnis, am Rande. Neben ihr sitzt ihr Vater. Sie sitzt im Rollstuhl und ist von ihrem alten Leben getrennt, von den anderen Kindern getrennt, von ihrem Vater getrennt und schließlich auch von ihrer Fähigkeit zu laufen getrennt. Das Werk ist ein erklärender Film über Behinderung, der Erfahrungen beschreiben möchte und eine Suche nach Worten, den richtigen Worten anstellt. Die Situation des Films ist dabei sehr statisch: Im Vordergrund sehen wir die Kinder Basketball spielen, das Gitter dazwischen, im Hintergrund sitzen Vater und Tochter und reden miteinander. Der Film visualisiert dabei, was in seiner Protagonistin brodelt und bricht seine Struktur über die Montage auf. Immer wieder knallt der Basketball mit roher Gewalt an das Gitter, so wie die Wut, die in der Protagonistin schlummert und immer wieder entpuppt sich das, was wir gesehen haben als Imagination der Protagonistin: Der Wunsch endlich aufzustehen und wieder zu laufen oder der Wunsch dem Vater ihre Gefühle zu offenbaren. 

Es ist der Wunsch nach Normalität, die der Film innerhalb seiner schlicht sentimentalen Geschichte ausformuliert. Es ist dabei ein sehr direkter Film, in our face, der sich uns komplett öffnet. Der Ball, der immer wieder an den Zaun knallt, spiegelt das Verbale, unterstreicht die Wucht der Worte, die einen therapeutischen Charakter haben, und diesen Film auch zu einer Artikulation des Schmerzes werden lassen. So stark diese Idee auch klingt, die Umsetzung dessen wirkt, wenn auch persönlich motiviert, angestrengt und Dialoge dieses immerhin prägnanten Talkies sind oft schmerzhaft platt. Es ist Jonathan Behrs ungewöhnlichster Film, weil er durch und durch Charakterfilm (oder eben affirmatives Gefühlskino) ist, der das Innere nach außen trägt, und dabei von einigen formal kraftvollen Ideen durchbrochen wird. Es ist ein argumentativer und gut gemeinter Film, der das Recht auf Selbstbestimmung verhandelt und kaum mehr als 2 Minuten andauert und demnach auch nur eine Oberfläche abbilden kann. Einzelne Ideen stechen hervor und der Film besitzt Energie. Aus der Distanz und im Gesamtwerk betrachtet zählt dieses Werk aber eher zu Jonathan Behrs uninteressanteren Werken. Er bildet die Ausnahme in der Regel. Für Jonathan persönlich stellte dieser Film aber einen Erfolg dar, er brachte ihn persönlich weiter, so konnte persönliche Gefühle in eine filmische Form gießen und sein auch taktischer Zug, etwas von sich bei diesem Projekt zu erzählen, brachte ihn schließlich in die Filmakademie Ludwigsburg, wo er sich zurück ins Genrekino begeben würde.

Follower [2018 | 10 Minuten]

“Follower” war der erste Kurzfilm von Jonathan Behr an der Filmakademie Ludwigsburg und es war ein Projekt, von dem niemand glaubte, dass der Film funktionieren würde. Am Anfang stand da aber noch die Idee einen Film zu machen, der nur mit GIFs erzählt ist, die in der Montage miteinander verzahnt werden sollten. Die Idee des Films verwandelte sich im Prozess immer wieder, wo die Ursprungsidee noch wesentlich komplizierter war, vereinfachte sich der Film von Mal zu Mal, aus der Wanderung einer Frau im Wald wurde schließlich eine Babysitterin als Protagonistin auserkoren, sodass am Ende ein Werk stehen sollte, das ausschließlich auf einem Handy spielt (und das war noch in einer Zeit bevor “Searching” erschienen war). Doch auch da gab es Vorbehalte gegen den Film, denn niemand würde ins Kino gehen wollen, um zu lesen. Jonathan Behrs Anspruch war es aber gerade das auszuprobieren und zu schauen, ob man es schaffen könnte einen guten Horrorfilm auf dem Handy zu machen, das heißt einen Film, der nur an der Desktopoberfläche existiert und das Räumliche fast komplett ausklammert. 

Die Geschichte dazu ist möglichst klassisch und schematisch gehalten, sodass man sie beinahe als den Scream-Prolog für die digitale Generation halten kann: Eine junge Frau babysittet in einem Haus, wartet auf die Ankunft ihres Freundes und vertreibt sich ihre Zeit in den sozialen Medien. Plötzlich bekommt sie einen Anruf von einem Unbekannten, der nicht antwortet, und schließlich auch einen neuen Follower, der ihr schaurige Bilder schickt und ihren Standort kennt. Der Film beginnt dabei wie ein klassischer Horrorfilm mit einer stilvollen Heranfahrt auf eine Tür, hinter der sich das Grauen verbirgt. Dies entpuppt sich aber als Finte, die bewusst auf den Vorgänger verweist (der Anfangsshot stammt aus dem Crowdfundingvideo für “Fremde” und scheint wie eine Antwort darauf zu sein; wichtig war es aber Jonathan keine direkte Szene aus dem Film zu nehmen, um sich nicht selbst zu zitieren), um uns dann auf die nächste Ebene zu hieven, in die sozialen Medien und die Ebene des Handykosmos abzudriften, in denen Chats, Sprachanrufe, Skype, GIFs, Handykameras, Netflix und Instagram auf der Tagesordnung stehen. 

Die Herangehensweise von Jonathan Behr und seinem Team war dabei schrittweise vorzugehen. Sie schlossen ihr iPhone an einen Mac an und nahmen die Takes über Quicktime auf, nutzen Photoshop und After Effects zur Unterstützung, sodass ihr Film im Pixar-Modus entstand: Sie drehten den Animationsteil (das übrigens an die 20 mal), sammelten Feedback vom Team, schauten sich das Material an und drehten es gegebenenfalls neu. Es fand also immer wieder ein Abgleich der Ideen statt, ob sie funktionieren oder nicht. Es wurde ausprobiert, angepasst, wieder getestet und geschaut, ob es geht. Einen sehr minutiösen Prozess stellte also die Entwicklung des Films dar.

Was daraus entstanden ist, ist dabei wieder ein Spiel mit Andeutungen, die sich langsam verdichten. Je weiter der Film voranschreitet, umso dringlicher und bedrohlicher wird er. Sie chattet mit ihrem Freund, um sich zu beruhigen, bekommt dann aber immer verstörendere Bilder von ihrem Stalker. Ihr Freund versucht ihr zur Hilfe zu eilen. Es entsteht ein subtiler Schauer, weil der Film über das Gefühl der Paranoia arbeitet, wir sind eingeschlossen im Gefängnis der sozialen Medien und dadurch auch hilflos, weil wir keine Räumlichkeit haben in diesem Film, erleben wir den Film unmittelbar und ohne Distanz. Er arbeitet mit der Angst verfolgt zu werden und zettelt ein unheimliches Wechselspiel zwischen Beunruhigung und Beruhigung an. Wir sind in der Perspektive des Mädchens, werden nicht daraus entlassen und sind im Grunde in ihrem Handy gefangen. 

Denn die meiste Zeit sehen wir tatsächlich nur den Chat mit ihren Freund und der Film schafft es – das beweisen seine zahlreichen Publikumpreise – uns in dieses Szenario zu involvieren. Es steckt also folglich Originalität in diesem sonst locker arrangierten Genrespiel, das digitale Nutzung von Medien miteinbezieht. Der Film konzentriert sich dabei auf seinen Thrill und beschränkt sich damit auf das Wesentliche, ist kurz und knackig erzählt und wird so zu einer spaßigen und kurzweiligen Fingerübung, in der man fast schon etwas enttäuscht ist, dass dieses Spiel nach 10 Minuten schon wieder vorbei ist (ob man einen Horrorfilm mit dieser Methode aber über die ganze Laufzeit tragen kann, muss an dieser Stelle noch angezweifelt werden). 

Der Film kann in Jonathan Behrs Schaffen als klare Fortsetzung von “Fremde” gelesen werden, nicht nur weil er zu Beginn auf diesen verweist, sondern auch, in dem versucht diesen klassischen Horror und dessen Mechanismen, die er bei seinem Vorgänger etabliert hat, in eine neue Sphäre (namentlich: Das Internet) zu bringen. Beide Filme lesen sich wie eine Einheit und versuchen etwas innovatives im Genre zu zeigen. Ist der Fokus bei “Fremde” eher inhaltlicher Natur, mag “Follower” dort eher schematische Skizze sein, an der man die Form erprobt. “Follower” ist schlussendlich ein kurzer, zeitgeistiger Film zum Gruseln, der sehr treffend Horror für eine junge Generation abbildet und beschreibt. Der Kurzfilm wurde hinsichtlich seiner Festivalauswertung noch erfolgreicher als sein Vorgänger “Fremde” und zählt aktuell 75 Filmfestivals auf seiner Screeningliste und darunter einige Brocken der Festivallandschaft wie der Berlinale, dem Genrefilmfestival Sitges Festival Internacional de Cinema Fantàstic de Catalunya oder dem Festival d’Animation Annecy. Weiterhin beim Kinder- und Jugendfilmfestival Schlingel, dem Goldenen Spatz, dem Kinofest Lünen und Baltic Art Filmfestival. Bei letzteren beiden wurde der Film als bester Kurzfilm ausgezeichnet. Außerdem war “Follower” für den deutschen Kurzfilmpreis 2018 nominiert und gewann auf zahlreichen weiteren Filmfestivals Publikums- (u.a. filmreif) oder sogar Innovationspreise (u.a. beim Göttinger Kurzfilmfestival).

Rosewood [2019 | 35 Minuten] 

“Rosewood” stellt die zweite Filmarbeit von Jonathan Behr an der Filmakademie Ludwigsburg dar und vereint auch das Team, das seine letzten Filme mit realisiert hat. Simon Schulz, der sich für das Drehbuch von “Follower” verantwortlich zeichnete, lieferte auch das Buch zu “Rosewood” und auch der Produzent von “Follower”, Jonas Sticherling, ist bei diesem Projekt wieder an Bord. Wichtig war es bei diesem folgenden Projekt, dass es ein Thema und ein Genre sein würde, auf das alles aus dem Team Bock hätten. 

Mit “Rosewood” begibt sich Jonathan Behr also nun auf neue Genrepfade, nachdem seine letzten Filme um das Horrorgenre kreisten, stellt sein neuester Film einen geradezu klassischen Agententhriller in der Tradition der Harry-Palmer-Filme aus den 60er Jahren oder eben von aktuellen Vorbildern wie Steven Spielbergs “Bridge of Spies” oder “Tinker Tailor Soldier Spy” von Tomas Alfredson dar.*

Und das ist alles (erneut) auch noch basierend auf wahren Ereignissen. Viel soll dabei an dieser Stelle nicht allzu viel über den Inhalt des Films verraten werden, weil der Film derzeit noch auf seine Welturaufführung wartet, die wahrscheinlich nicht mehr allzu lang auf sich warten lassen wird. Es sei aber auch in Hinsicht auf Jonathan Behrs Schaffen verraten, dass sich – wie die meisten seiner Filme – auch dieses Werk um die Themen Datenschutz und Privatsphäre dreht, nur in diesem Fall in Zeiten des Kalten Krieges, kurz vor dem Fall der Mauer, auf dem Höhepunkt des Spionagekrieges, in dem zwei Stasi-Agenten versuchen besondere Akten vor den Amerikanern zu bekommen. 

Der Film ist ein sorgsam inszeniertes und unterkühlt (in dem Sinne wie es auch die Filme von Jean-Pierre Melville sind) bebildertes Kammerspiel, ein Katz- und Mausspiel, das sich thematisch an dem Genre abarbeitet und bei dem man nicht weiß, wer die Katze ist. Es ist ein düsterer, beinahe zynischer und kalter Film, der undurchsichtige Figuren birgt, die nur anskizziert werden und dessen Plot wendungsreich arrangiert ist. Das Werk besitzt dazu eine enorme Informationsdichte, die er an den Zuschauer bringen möchte. Das beginnt schon mit dem Intro des Films, das mit Hilfe von Archivmaterial, Zahlen und aufwendigen Animationen den historischen Hergang der Geschehnisse rekonstruiert und uns damit in den Kontext der Geschichte setzen möchte. Dieser opulente Beginn gibt dann auch die Richtung für dieses ambitionierte Projekt vor, das wie ein kompliziertes Dickicht ist, durch das sich Regisseur und Zuschauer wagen. Nicht umsonst bezeichnete Regisseur Jonathan Behr das Drehbuch zum Film als ein wildes Tier, das man bezwingen musste. Es ist damit also auch sein forderndster Film, der viel Aufmerksamkeit vom Zuschauer einfordert. Gerade das bringt ihn aber auch in die Nähe von Alfredsons Agentenfilm. 

Der Film ist dabei stets auf vordergründige Spannung aus, lässt seinen Zuschauer im Dunkeln über die Absichten der Figuren, um ihn auf falsche Fährten zu locken, ein Verwirrspiel mit ihm zu spielen und ihn schlussendlich zu überraschen. Über den Bildern liegt ein Schleier der Melancholie und Schwere, die sich in Kälte und Schnee ausdrücken. Eindrücklich und definitiv eine Erwähnung an dieser Stelle wert ist das akribisch im Studio gestaltete Szenenbild des Films, das es schafft den verlassenen Räumen, in denen der Film spielt, eine eigene frostige Stimmung zu geben, die den Bildern des Films zugute kommt, und uns aber auch in die Zeit des Films versetzt, ohne aber, dass der Film jemals das Historische ausstellen würde. Das Szenenbild hat es geschafft, einen genuinen Ort zu kreieren, der Charakter besitzt und den die Kamera – gerade zu Beginn des Films – dankbar erforscht. 

Anmerkt sei aber ebenso, dass der Film zwar konzentriert ist und das dies auch seine Qualität ist, aber, dass wie der Film Bild an Bild, Einstellung an Einstellung reiht, grobschlächtiger ist als zum Beispiel in Jonathans “Fremde”. So prallen manche Ideen und Einstellungen aufeinander, sind eher für sich stehend als denn stilistisch in einem Fluss. Das heißt formal wirkt der Film zeitweise – und das fällt eigentlich auch nur auf, wenn man Jonathans andere Filme im direkten Vergleich sieht – heterogener. Man merkt, dass die Beschränkung des Raumes auch so einige Probleme in der Auflösung der Bilder provozierte. Das heißt nicht, dass der Film nicht funktioniert, das tut er nämlich. Er ist zwar sperrig, aber spannend erzählt. Die Größe seiner Vorbilder, die sehr präsent durch den Film wehen, die erreicht der Film natürlich nicht, obgleich man ihn große Ambition ansieht. Aber vielleicht ist es eben auch diese Ambition, die diese Schönheitsfehler nach außen hin so markant werden lassen. Denn wir haben es hier grundlegend immer noch mit einem deutschen Studentenfilm zu tun, und nicht mit einem Stück Hollywoodkino. Dass also der Vergleich – der Sprung von einem zum anderen – meinerseits auch irgendwo vermessen ist, sollte auf der Hand liegen. 

Abschließend kann man über “Rosewood” resümieren, dass der Film Jonathan Behrs aufwendigstes Werk darstellt, das mit hohen Production Value aufwartet, über dessen Bilder man stauen kann und Jonathan mutig seinen Weg weitergeht. Der Film lag mir in einer Preview-Fassung vor, die noch nicht den endgültigen Film widerspiegelt, der sich derzeit noch in der Postproduktion befindet. Eine Festivalauswertung steht demnach, wie schon gesagt, an dieser Stelle noch aus. 

*Eine große Inspiration bei der Arbeit an dem Film stellte für Jonathan aber ein ganz anderes Werk, nämlich David Finchers “Sieben” dar.

Zum Abschluss: Ein Querschnitt 

Ich habe nun viel zu den einzelnen Filmen von Jonathan Behr geschrieben, und wenn es eine Qualität gibt, die ich besonders an seinen Filmen schätze, so ist es erstmal seine handwerkliche Versiertheit, die sich durch seine Genrefilme zieht, aber eben auch, dass man seinen Filmen ansieht, das sich dort jemand gründlich und ernsthaft mit den Genres und ihrem Kern auseinandersetzt, die er durchspielt. Er respektiert das Genre, in dem er arbeitet, gewinnt ihm aber auch – etwa formal oder inhaltlich – neue Aspekte ab, die in unserer heutigen Zeit verankert sind (z.B. “Rosewood” ließe sich auch als Film über Whistleblower lesen). Damit besitzen seine Genrefilme auch immer Aktualität, stellen einen Einklang zwischen Tradition und Moderne her.

Thematisch ziehen sich dabei die Themen Datenschutz, Sicherheit und Privatsphäre durch alle seine Filme, mal mehr versteckt, mal weniger, aber doch irgendwie immer da. Weiterhin markant sind die kammerspielartigen Räume, in denen sich seine Filme zutragen: Das geht von dem dunklen Nichtraum in “Blackmail” zu dem Zimmer der Schwestern in “Fremde” oder der Wohnung in “Rosewood”. In dem durchdachten Art Design dieser verschiedenen Räume kann man auch Jonathans Erfahrungen im Art Department widergespiegelt sehen beziehungsweise mutmaßen, dass für ihn das Szenenbild einen nicht unwesentlichen Teil an der Arbeit bei seinen Filmen ausmacht.

Dichte und Enge bestimmten damit seine Filme, ob räumlich oder eben auf dem Handy. Immer geht es also auch um ein Gefühl des Eingeschlossenseins oder des Gefangenseins (wie zum Beispiel bei “Dahin wo es wehtut”, wo die Protagonistin in ihrem Körper gefangen scheint). Schaut man sich auf der Ebene des Genres seine Werk an, wird man schnell feststellen, dass es sich bei den meisten seiner Filme um Home Invasion Filme handelt, in der meist feindselig gesinnte Eindringlinge in eine vermeintlich sichere Sphäre dringen, um im Umfeld des privaten Heims zu wüten.

Das passiert bei “Blackmail” in Form der zwielichtigen Detektive, in “Fremde” in Form der Polizisten, in “Follower durch den Stalker in den sozialen Medien, dessen Bedrohung sich in die Wirklichkeit verlagert und schließlich auch in “Rosewood”, wo die Stasi-Agenten, in diesem Fall ausnahmsweise die vermeintlichen Protagonisten des Films, Eindringlinge in eine fremde Wohnung, in der sich die Akten verstecken, darstellen. In diesem Film sind die Helden erstmals die Eindringlinge, die sonst in Jonathans Schaffen in das Leben der Protagonisten dringen. Interessant ist auch zu bemerken, dass damit “Rosewood” ein bisschen wie die Spiegelung von “Blackmail” wirkt, ein verlängerter Arm des ersten Kurzfilms, da beide Filme ein ähnliches Genres und deren Typen (Film Noir vs. Agententhriller, Detektive vs. Agenten, beide tragen aber Trenchcoats) bedienen, obgleich in “Blackmail” der Film noir nur Dekoration, während das Anliegen von “Rosewood” tatsächlich ernster, historisch fundierter ist. Trotzdem kann man diese beiden Filme lose miteinander in Verbindung bringen, wie man es auch mit “Follower und “Fremde” tun kann. Nur “Dahin, wo es wehtut” steht bislang allein im Schaffen seines Schöpfers dar – aber irgendwie passt das auch zu der Natur dieses besonderen Films.

Wir können also bemerken, dass sich Jonathan Behrs Schaffen eine feine, wenn auch dezent konturierte Linie zieht, die seine Kurzfilme bzw. Genrefilme untereinander verzahnt. Es bleibt zu hoffen, dass wir noch viele weitere seiner Filme zu Gesicht bekommen – und das zeitnah. Und in dieser Hinsicht gibt es auch schon Hoffnung: Denn derzeit arbeitet Jonathan – nach einem Anruf aus Hollywood – an der Langfilmversion seines Erfolgfilms “Follower”.  Man darf gespannt sein, inwieweit sich der Stoff durch die Länge verändert und was am Ende dahingehend für ein Film herausspringen wird. 

Filmstill aus “Fremde” (2016)

Von was für einem Kino träumst du? Was ist deine Vision für die Zukunft? Was wünschst du dir vom Kino?

“Also was ich mir vor allem wünsche (ich beziehe mich jetzt mal nur aufs deutsche Kino), ist mehr Kunstfertigkeit und mehr Mut zum Gefühl.

Gerade durch meinen Background aus dem Szenenbild frustriert mich dieses „Abfilmen“ hierzulande sehr. Filme sind in Deutschland oft sehr cerebral/intellektuell – was ja auch durchaus gut ist, solche Filme sind auch wichtig. Aber so etwas wie Farbkonzepte, Bildsprache, innovative Kameraarbeit sieht man hier doch selten. Ich habe das Gefühl, dass die Geschichte hier meistens über Dialog erzählt wird – es sind ja auch meisten Themenfilme – aber das ist eben eine Beschneidung dessen, was Kino ist. Da kommen natürlich noch so Probleme wie die Macht der Sender (weswegen wir die ganze Zeit TV-Filme im Kino sehen müssen) und das ganze Fördersystem mit rein.

Was ich außerdem vermisse, ist ein eigenständiges Genre-Kino in Deutschland. Genre wird hier oft mit Trash oder inhaltlicher Minderwertigkeit gleichgesetzt (ein Problem, das ja auch die Phantastin in der Literatur hat) – das deutsche Kino ist komplett im Realismus verhaftet – siehe Berliner Schule, Neuer Deutscher Film, Oberhausener Manifest. Dabei wird meiner Meinung nach außer Acht gelassen, dass Genre unglaublich intelligent gesellschaftskritisches, philosophisches oder subversives Kino hervorbringen kann – man denke nur an “Children of Men”, “Blade Runner“.

Und jetzt kommen wir zu den oben erwähnten Faktoren, nämlich dem langen Schatten der Nazis. Wir haben (möglicherweise zurecht?) Angst vor Gefühlen, vor immersiver Emotionalität im Kino – zu schnell ist oder fühlt man sich manipuliert. Ich frage mich tatsächlich, wie man damit umgeht, also mit der emotionalen Manipulation durch Filme.  Denn wenn man nicht gerade verfilmtes brechtsches, episches Theater macht, ist Film ja immer manipulativ. Wenn ich eine Geschichte erzähle, dann möchte ich ja, dass mein Publikum unterhalten ist und seine Gefühle steuern.” – Jonathan Behr