Werkschau Nachwuchskurzfilm #6 – Im Interview: Jil Wende

Lesezeit: 15 Minuten

Diese Reihe hat sich zum Ziel gesetzt, einen Blick auf die Szene des deutschen Kurzfilm-Nachwuches zu werfen und die Werke junger Filmschaffender einzuordnen und ihre ersten Schritte in der Filmlandschaft mit diesen Texten zu ergänzen. Der Versuch dieser Reihe ist es, eine persönliche Handschrift aus ihren von mir gesammelten Werken zu extrahieren und ihre persönliche Weltsicht, die Vision du monde, sichtbar für interessierte Leser*innen zu machen.

In dem Format des Interviews, in dem vor allem ein Gespräch mit den jeweiligen Filmschaffenden über ihre Filme und ihre Zukunftspläne stehen soll, geht es dieses Mal um die passionierte Jungdokumentarfilmerin Jil Lea Wende, ihren ersten fiktiven Kurzfilm “Slave Trade” sowie ihre kommenden Projekte, unter anderem ein Dokumentarfilm, der in Nepal gedreht wird. 

Jil Lea Wende

Biographischer Abriss: 

Jil Lea Wende wurde am 13.10.1999 in Berlin geboren. Bereits seit ihrem 5. Lebensjahr entdeckte sie ihre Leidenschaft zum Film. Durch die Kinder-und Jugendcastingagentur „Rietz“ wurde sie in mehrere Filmproduktionen als Schauspielerin vermittelt. Das Thema Film ließ sie seitdem nicht mehr los. Ihr Weg führte sie weiterhin zu UNICEF, wo sie von 2014-2016 das UNICEF Junior Team in Berlin leitete. 2018 arbeitete sie für die NGO “ONE” und setzte sich in der Politik für die Stärkung der Kinderrechte und den Kampf gegen extreme Armut ein. Ab 2019 begann ihr Engagement fürbenachteiligte Kinder im Süden von Nepal, wo sie filmisch den Alltag mehrere Familien in extremer Armut begleitete.

Im Jahr 2018 drehte Jil ihren ersten eigenen Kurzfilm „SLAVE TRADE“, an dessen Filmprojekt über 70 Personen beteiligt waren. Im Mai 2019 reiste sie zusammen mit ihrer Freundin Annika Rothe zum Recherche Dreh nach Nepal, welcher von der Filmwerkstatt Kiel unterstützt wurde. Der 70-80 -minütige Dokumentarfilm „Sapana“ wird im Frühjahr 2020 im Rahmen des Hauptdrehs entstehen und wird begleitet von den Produktionsfirmen „CV Films“ und „Herrmannfilm“ Berlin.

 Dokumentarfilm bedeutet für sie Freiheit, denn es öffnet ihr die Tür, über alle wichtigen Thematiken und aktuellen oder bereits vergangene Geschehnisse, die entweder der breiten Bevölkerung verschwiegen wurden oder bisher noch nicht die notwendige Aufmerksamkeit bekommen haben, aufzuklären.

Vorbilder

Wessen Fotos, Filme und Überzeugungen sie dabei besonders beeindruckt haben, sind die der US-amerikanische Fotojournalistin Lynsey Addario, die für sie eine unglaublich große Leidenschaft in sich tragen würde sowie Menschen in Kriegsgebieten, die sonst von niemanden gehört werden würden, eine Stimme geben würde. Weitere große Vorbilder für sie sind die beiden Dokumentarfilmer Michael Moore, an dem Jil besonders schätzt, dass er für die Regierungen unbequeme Thematiken hinterfragt und der syrische Regisseur Talal Derki, der nach Jil Wende sich in seinen Filmen seinen größten Ängsten stellen und es schaffen würde, den Zuschauer in eine für ihn völlig fremde und neue Lebenswelt eintauchen zu lassen. Das wichtigste am Dokumentarfilm ist für Jil, dass man überall, wo man ist, auf verschiedene Menschen trifft, die ihre eigene Geschichte in sich tragen, die nur darauf warten würden, gehört zu werden. Sie möchte Menschen und vor allem Kindern eine Stimme geben, die kaum von ihrer Umwelt wahrgenommen werden.

Rückblick

Bevor wir mit Jil Wende aber über ihre zukünftigen Projekte sprechen, schauen wir noch einmal zurück auf das, was sie bereits gedreht hat: Den fiktiven Kurzfilm “Slave Trade”, der sich mit dem Thema Menschenhandel beschäftigt und Jils erste Erfahrung im fiktiven Film als Filmregisseurin war. Ihr Team bestand dabei aus knapp 20 Personen im Durchschnittsalter von 18/19 Jahren. Insgesamt waren aber über 70 Personen, unter Einbeziehung der Statisten und der Postproduktion, an dem Projekt beteiligt. Aber das soll nur am Rande – als kleine Trivia zum Film – erwähnt sein. In diesem Erstling versucht sie ihr wichtiges Thema als Genrefilm, um genauer zu sein als düsteren Thriller, zu erzählen, der uns von einer jugendlichen Partynacht in eine Hölle stürzen wird. 

SLAVE TRADE [2018 | 15 Minuten]

Der Film beginnt im Untergrund, dort, wo uns der Film auch wenig später wieder führen wird, aber dort ist es noch ein anderer Untergrund, als der, den wir ihn später sehen werden. Denn zu Beginn befinden wir uns in einer U-Bahn-Station und verfolgen ein ganz gewöhnliches Treiben in der Hauptstadt Berlin, den Weg zweier jugendlicher Mädchen zu einer Party.  Es sind entsättigte und düstere Bilder, die uns schon zu Beginn eine gewisse Kälte vermitteln und sich durch den gesamten Kurzfilm ziehen. Was wir hier vor uns haben, ist erst einmal ein zeitgeistiger Film, der begleitet. 

Die Dialoge, die man dann zu Beginn hört, wurden improvisiert und die beiden Mädchen, die sich auf ihrem Weg treffen, reden also folglich etwas ziellos über irgendetwas auf ihrem Weg dorthin. Sowieso bleiben diese beiden Mädchen austauschbare Schablonen, die für ihre Generation stehen, aber mehr auch nicht. Sie treffen sich, tauschen ein paar Worte aus, trinken und machen sich weiter zur Party auf, oberflächliches, nichtssagendes wird bis dahin ausgetauscht. Dieser Moment vor der Party, das Treffen der Beiden, bildet dann auch den schwächeren Teil des Films. Die kommende Raveparty, in der die Lichter flackern, ist dagegen authentischer, stimmungsvoller.

Es ist keine Kinoparty, wie man sie zuletzt oft gesehen hat, wo alles auf Exzess und knallige Farben getrimmt ist. Das hier ist zurückhaltender, aber in seinem Arrangement sehr elegant. Hier beweisen Jil Wende als Regisseurin und ihr Team ihre Stärke, denn das alles ist greifbar und fokussiert bebildert, hier gibt es kein Tamtam, sondern, das was man braucht, eine grundlegend entspannte Atmosphäre, die von dieser Party entwickelt wird. Es funktioniert. Das zeigt sich auch in der konzentrierten Auflösung des Films, dem Staging der Komparsen im Hintergrund. Da wusste jemand, was er wollte und wie er es umsetzen wollte. Hier fließt der Film, wird beinahe schon dokumentarisch, auch wenn es keinen wirklichen Druck gibt. Aber man verfolgt das mit Interesse. Eine Freundin (Hanna Sklomeit) bändelt mit einem Jungen (Bjarne Meisel) an, die Andere ( Annika Baumann ) bleibt enttäuscht zurück. Diese Partyszene ist ein Ausschnitt aus dem typischen Leben einer jungen Teenagerin, so wahrscheinlich die Idee dahinter.

Danach kommt der Genrefilm – nach diesen 5 Minuten – hereingeplatzt und die beiden Mädchen werden in einen Lastwagen gezerrt. Es folgt das Abklappern von standardtypischen Thrillermotiven mit osteuropäischen Entführern, weinenden Mädchen, unheilvollen Drones und dunkle Räumen. Alles handwerklich schick für ein Kurzfilmdebüt gemacht, mit Ambition, aber inhaltlich auch alles ein bisschen abgedroschen und im Grunde genau das, was man erwartet: Thrill mit hilflosen Opfern, die eine Leidensgeschichte erleben, die der Film aber mit seiner Bedrohung im Hintergrund vergleichsweise zurückhaltend erzählt. Die bewusst angesprochene und damit “naivere” Zielgruppe des Films sollen aber auch Schüler*innen sein, die sich diesem Film laut Jil als Thema zur Gefahrenvorbeugung ansehen sollen, und folglich ist der Film auch bewusst plakativ, wenn die Entführer in  dunklen Abstellräumen an ihren leuchtenden Laptops sitzen, Telefonanrufe tätigen, um ihre Mädchen zu verkaufen – und alles undurchsichtig und vage bleibt. 

Halten wir fest: “Slave Trade” ist ein Messagefilm, der vor allem deutlich sein will und sich bei dem bedient, was zu erwarten ist. Er ist aber für ein Debüt zielgerichtet und geradlinig erzählt. Und das kann man  bei all der Kritik auch schon beachtlich finden. Der Film will auf seine Problematik hinweisen, verdeutlichen, dass es da eine Gefahr gibt. Es ist ein Film für die Menschenrechte im Gewand eines kalt inszenierten Genrefilms, eines Wechselbads der Gefühle – auf mehreren Ebenen übrigens auch. Denn vereinzelt Eindrückliches und Abgeschmacktes wechseln sich ab. Immer wieder gibt es Einstellungen, die für sich genommen, visuell wirkungsvoll erscheinen, auf der anderen Seite gibt es direkt darauf wieder Einstellungen, die platt wirken, wie in einem Fernsehfilm bebildert. Trotzdem muss man sagen, dass da etwas in diesem Film steckt, wenn man einzelne Elemente extrahiert und er uns von der Vitalität seiner Regisseurin und ihres Teams erzählt.

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Das Interview

Ich habe mich nun mit Regisseurin Jil Wende getroffen und über ihren Film gesprochen und nach ihren Ambitionen gefragt, um mehr über sie und ihre Vision als Regisseurin zu erfahren. 

RJ: Wie würdest du deine Erfahrung bei Slave Trade reflektieren? Was hast du gelernt?

JW: In erster Linie habe ich gelernt, immer zu versuchen, der eigenen Film-Vision treu zu bleiben und niemals zu sehr davon abzuweichen. Um eine Filmcrew für die verschiedenen Bereiche im No-Budget Rahmen aufzustellen, erfordert das einiges an Überzeugungskraft, damit sich andere Filmschaffende deiner Film-Vision anschließen und zusammen mit dir dasselbe Ziel verfolgen. Da das Thema Menschenhandel ein sehr großes und aktuelles Thema ist, jedoch kaum mediale Aufmerksamkeit erhält, fiel es mir nicht schwer innerhalb weniger Wochen ein großes Filmteam aufzustellen. Das Anleiten des Teams ist mir erstaunlich leicht gefallen, da ich großes Glück hatte, dass mein Filmteam jederzeit super motiviert war und wir im Gesamten gut harmoniert haben. 

Während den Vorbereitungen habe ich bereits gelernt, dass Filmemachen unglaublich viel Zeit in Anspruch nimmt und man dafür wirklich vollständig leben muss, denn man wird sehr schnell bemerken, dass einem wenig Zeit für andere Dinge übrig bleibt. Als die Dreharbeiten dann anfingen, lag eine pulsierende Energie und Spannung in der Luft, da wir wussten, dass wir ein Thema behandeln, unter dem sehr viele Menschen leiden und auf das dringend mehr Aufmerksamkeit gelenkt werden muss. 

RJ: Was waren die Herausforderungen des Drehs?

JW: Mir war es sehr wichtig, den Schauspielern genügend kreativen Freiraum zu lassen, damit diese ihre Rollen in den gewissen Situationen selbstständig spüren und dementsprechend authentisch agieren können. Denn die Herausforderung im gesamten Film bestand darin, dass wir eine Realität wiederspiegeln wollten, die wir jedoch nur in Form einer fiktiven Geschichte erzählen konnten. Inzwischen würde ich auch nicht wieder ein solch komplexes und aktuelles Thema in Form einer ausgedachten Geschichte erzählen, sondern würde versuchen, die Realität durch meine Kamera abzubilden. Der Film Slave Trade wurde an verschiedenen Orten gedreht, wodurch die Dreharbeiten für eine ständige Abwechslung gesorgt haben. Im Hinblick auf die Organisation war jedoch an sehr vieles zu denken. Im Nachhinein weiß ich, dass es wirklich wichtig ist, immer einen Plan B und C griffbereit zu haben und in gewissen Situationen spontan zu handeln. 

Eine weitere Erkenntnis, die ich während des Drehs machen durfte ist, dass ich gemerkt habe, dass der Beruf des Regisseurs einfach nur zu mir passen kann. Neben meiner generellen Filmleidenschaft bin ich ein absoluter Langschläfer, den nichts und niemand dazu bewegt, früh morgens aufzustehen. Während der Dreharbeiten blieb jedoch keine Zeit zum Ausschlafen und als um 6 Uhr früh der Wecker klingelte, war ich motiviert wie nie, was ich fast schon gruselig fand.  

RJ: Wie bewertest du persönlich nun das Endprodukt im Nachhinein? 

Mir war es wichtig einen Film zu machen, der meiner Generation die Augen vor der gefährlichen Thematik des Menschenhandels öffnet. Da ich mit diesem Film aufklären möchte, habe ich mir eine Geschichte überlegt, mit deren Charakteren sich Jugendliche gut identifizieren können, damit die Film-Aussage intensiver auf sie einwirken kann. Im Nachhinein fallen mir als Filmemacherin natürlich ein paar Dinge auf, die ich als Regisseurin oder wir als Team hätten besser oder anders machen können, doch im Gesamten bin ich mit dem Resultat zufrieden. Ich habe es für mich geschafft, meine Visionen und Bilder in meinem Kopf umzusetzen und auf die Leinwand zu bringen. Das ist für mich etwas Großes und macht mich stolz. 

RJ: Und wie war dann das Feedback zum Film? 

JW: Wir alle haben verschiedene Geschmäcker und natürlich war das Feedback dementsprechend zwar nicht identisch, jedoch im Großteil sehr ähnlich. Das erste Mal als der Film im Kino gezeigt wurde, habe ich eine Begeisterung im Kinosaal wahrgenommen und ausschließlich nur gutes Feedback vom Publikum bekommen. Das hat mich zugegeben schon etwas sprachlos gemacht, da es ja mein erstes Filmprojekt war und ich an diesem Film selbst erst in meiner Rolle als Regisseurin gewachsen bin. Die Wirkung im Kino hat die gesamte Stimmung des Films noch einmal zusätzlich unterstrichen und  ich habe einige Zuschauer wahrgenommen, die sich während der Filmvorführung an den Händen gehalten und mitgefiebert haben. Die anschließende Rückmeldung zum Film war hauptsächlich auf die Thematik des Menschenhandels bezogen, da einige Zuschauer wissen wollten, welche ähnlichen Fälle uns denn bekannt seien und wie man sich davor schützen könne. Ich war über diese bestehende Neugierde sehr froh, denn ich wollte mit diesem Film von Anfang an aufklären und zum Nachdenken anregen. Ich habe außerdem zum Film viel positives Feedback von prominenten Filmemachern bekommen. Außerdem berichtete mir einer meiner Hauptdarsteller, der parallel einen Dreh mit Iris Berben hatte, dass sich sie für das Projekt Slave Trade interessieren würde.

RJ: Aber warum interessieren dich eigentlich diese Themen so besonders, also die Menschenrechte oder vor allem auch die Rechte benachteiligter Kinder? 

JW: Schon seit ich klein bin, setze ich mich für soziale Ungerechtigkeit ein und mache mich für benachteiligte   Menschen sowie die Kinderrechte stark. Ich finde es ungerecht, dass die reichsten 1% unserer   Weltbevölkerung über Krieg und Frieden, Armut oder Reichtum entscheiden. Der menschliche Egoismus steht   bei vielem im Vordergrund und die Zwischenmenschlichkeit wird oft vergessen. Doch wie wollen wir unsere Zukunft gestalten? Wollen wir wirklich, dass sich weitere Kriege über unseren Globus vollziehen und Menschen dazu zwingen, ihr Heimatland verlassen zu müssen? Trotz der Ungerechtigkeit, glaube ich an Gerechtigkeit und sehe in meiner Generation die Aufgabe,   die Zukunft in eine andere Richtung zu lenken. Kinder sind unsere Zukunft, gleichzeitig aber auch die Schwächsten unserer Gesellschaft. Um uns für eine bessere Zukunft einzusetzen, ist es also essentiell wichtig, dafür zu sorgen, dass Kinder sicher und liebevoll aufwachsen, denn sie sind es, die diese Werte an die nächste Generation weitergeben und die zukünftigen Entscheidungsträger sind.

Im Zentrum: Jil Wende und Annika Rothe

RJ: Und wie positionierst du dich in Bezug auf ein anderes wichtiges Thema unserer Zeit, den Klimawandel? 

Der   Klimawandel   ist ein sehr   dringendes und erschreckendes   Thema und es ist äußerst wichtig, dass wir unsere Umwelt bewusster wahrnehmen und uns für diese einsetzten. Schon bevor die Fridays For Future Bewegung in Deutschland startete, drehte ich für die Anfänge dieser Bewegung ein Video für Luisa Neubauer, die ich von ONE Campaign kannte. Als die Bewegung   dann richtig losging, war ich zu der Zeit in Nepal zur Entwicklungsreise für unseren aktuellen Dokumentarfilm über Kinder-und Frauenrechte unterwegs. Wir begleiteten den LiScha Himalaya e.V. medial dabei, als dieser Fridays For Future erstmalig mit über 900 Schülerinnen und Schülern   in einer abgelegenen Region im Süden Nepals einführte. Im Nachhinein fand noch eine große Umweltaktion statt, wo die Schüler Bäume und Blumen für die Bienen pflanzten. Berichtet wurde von dieser Aktion von UNICEF Youth, doch Luisa Neubauer sowie weitere aus den Leitungen der Fridays For Future Bewegung in Deutschland teilten diese Aktion nicht, was sehr schade war.

RJ: Was sind deine nächsten Projekte?

Derzeit   stecke ich   mitten in den   Vorbereitungen für   den Hauptdreh eines   Kino-Dokumentarfilmes   über die Kinder-und   Frauenrechte in Nepal,   wo ich erst kürzlich zusammen mit meiner Freundin Annika Rothe zur Entwicklungsreise in Nepal war. Der Film erzählt eine generationsübergreifende Geschichte von fünf starken Frauen in Nepal, deren verschiedenen   Lebenswelten bei der Thematik der Kinderehe aufeinandertreffen. Wir begleiten vier nepalesische Frauen der Chepang – die einstigen Ureinwohner Nepals -, sowie die deutsche Mitbegründering des LiScha Himalaya e.V.s Daniela Jährig,   die das Ziel verfolgt mit Hilfe von Schulbildung das zwanghafte Verheiraten der Kinder zu verhindern und sich für die Perspektiven junger Mädchen dieses Landes einsetzt. Parallel dazu bin ich dabei eine Plattform aufzubauen, um unserer Generation eine Stimme zu geben und helfe darüber hinaus beim Organisieren eines modernen Ballett’s.

RJ: Das klingt alles nach spannenden Projekten. Bleiben wir noch einmal kurz bei deinem Dokumentarfilm in Nepal. Was hast du vor Ort für Erfahrungen gesammelt? Wie unterscheidet sich zum Beispiel die Lebenswelt der Nepalesen von der unsrigen?

JW: Mir ist aufgefallen, dass die Menschen in Nepal viel offener und umsichtiger miteinander leben und Probleme eher gemeinsam lösen als jeder für sich. 2015 gab es in Nepal ein starkes Erdbeben, wodurch sehr viele Menschen ums Leben gekommen sind und die Infrastruktur stark geschädigt wurde. Es ist erstaunlich wie positiv die Einheimischen mit dieser gewaltigen Naturkatastrophe umgegangen sind und innerhalb weniger Jahre ihr Land wieder aufgebaut haben. Dieses Gemeinschaftsgefühl in Verbundenheit mit der strahlenden Lebensfreude, welcher ich in Nepal dauerhaft begegnet bin, vermisse ich in Deutschland. Wenn man sich hier die Frage stellt, wann man zum letzten Mal so richtig glücklich gewesen ist, muss man etwas länger nachdenken. Dennoch haben wir hier die Möglichkeit unser Leben selbstständig in die Hand zu nehmen und Entscheidungen allein zu treffen.

In Nepal sind die Menschen in diesem Hinblick stark eingeschränkt, denn sie sind zu 100% von ihren Familien abhängig, da weder ein Rentensystem noch ein Gesundheitssystem existiert und ihnen die Familie die notwendige Sicherheit gibt. Hinzu kommt, dass bereits schon die Kinder früher als bei uns selbstständig sein müssen, um mit den Herausforderungen des Lebens in Nepal zurechtzukommen. Während unserer Recherche Reise ist uns in einer abgelegenen Region im Süden Nepals erschreckenderweise aufgefallen, dass Eltern ihre Kinder   aufgrund  von Existenzängsten   innerhalb der Familien   sehr frühzeitig zwangsverheiraten, da diese in extremer Armut leben und sich eine abgesicherte Zukunft für ihre Kinder wünschen.

Sunita, eine der Protagonistinnen des Dokumentarfilms, mit ihrer Schwester Sosika.

RJ: Und hat sich der Stoff über deinen drei monatigen Aufenthalt auch verändert? Das kommt ja öfters bei Dokumentarfilmen vor, dass sich neue Facette eines Themas auftun  und sich der Schwerpunkt vor Ort nochmal verschiebt. Wie war es bei euch?

JW: Wir   hatten das   Glück, dass wir   schon vor Beginn unserer   Recherche-Reise einen Ansatzpunkt für eine mögliche Story fanden. Dies war möglich, da ich vorher mit denGründern des LiScha Himalaya e.V.s, Daniela Jährig und Steffen Schöley, im Kontakt stand und sie uns bei der Ideenfindung halfen. So kannten wir schon die beiden Protagonistinnen und   deren   Lebensweisen   von Bildern und   Erzählungen, doch konnten   noch nicht einschätzen, ob sich diese vor der Kamera überhaupt öffnen würden. Am Anfang sah dies aus   tatsächlich sehr schwierig aus, da die Mädchen aus einer Volksgruppe namens „Chepang“ stammen, die an einem abgeschirmten Rand leben und für die wir als Europäer sehr fremd sind.

Unsere vielen Vorbereitungen vor Nepal halfen uns aber, vor Ort zu wissen, wo wir für unseren Film nun  ansetzten müssen. Am Ende war es alles nur eine reine Frage der Zeit, denn die Protagonistinnen und die anderen Einheimischen gewöhnten sich immer mehr an uns, sodass wir am Ende fast ein Teil ihrer Familie waren. Kurz bevor unsere Reise zu Ende war, begegneten wir dann einem Mädchen namens Sapana, die mit unseren bisherigen Protagonistinnen verwand war. Sapanas Geschichte ließ uns nicht mehr los und wir begannen unsere Filmidee zu erweitern. 

RJ: Ein Filmdreh in Nepal ist natürlich auch eine logistische Herausforderung, was zum Beispiel den Transport und die Technik angeht. Wie waren die Gegebenheiten vor Ort und wie habt ihr euch damit arrangiert? Und vielleicht dazu noch ergänzend, worauf sollte man deiner Meinung achten, wenn man im Ausland dreht?

JW: Wenn man im Ausland drehen möchte, ist es wichtig, sich darüber zu informieren, ob man eine Dreh-Genehmigung von der Regierung des jeweiligen Landes benötigt. Da wir in Nepal zum Recherchedreh waren, brauchten wir noch keine Dreh-Genehmigung. Bei unserem Hauptdreh, wenn wir wieder zurück nach Nepal reisen, benötigen wir jedoch eine und das kostet in der Regel Geld. Der Transport der Technik war unkompliziert und wir haben uns dazu entschlossen, die aufwendigere Technik erst für unseren Hauptdreh mitzunehmen.

Bevor man jedoch seine Technik in ein anderes Land einführen möchte, muss man diese beim Zoll deklarieren lassen, um nachweisen zu können, dass man seine Technik nicht im Ausland erworben hat. Die Gegebenheiten vor Ort waren ideal zum Filmen. Jeder dem wir begegnet sind, wollte uns sofort bei unserem Projekt unterstützen und durch diese Offenheit der   Menschen, haben wir sehr viele Einblicke in die verschiedensten Lebenswelten bekommen. So wurden wir an einem Tag von buddhistischen Mönchen zu einer Teezeremonie eingeladen und haben am nächsten Tag die Zeit in einem Waisenheim und anschließend in unterschiedlichen Schulen in Katmandu recherchieren können.

Sunita, Sosika und ihre Mutter Dilmaya, die bereits mit 9 Jahren zwangsverheiratet wurde und nun vor der Entscheidung steht, ihre eigene 12-jährige Tochter zu verheiraten.

RJ: Abschließende Worte?

Mit meinen abschließenden Worten möchte ich mich noch einmal bei all den Menschen bedanken, die mich auf meinem Weg begleiten und immer hinter mir stehen. Für unser aktuelles Filmprojekt geht mein Dank und mein Respekt vor allen Dingen an Dani und Steffen vom LiScha Himalaya e.V., die Annika und mich wie ihre eigenen Kinder in Nepal aufgenommen haben und uns sehr eindrucksvolle Einblicke in die Arbeit ihrer Organisation gegeben haben. Es ist so faszinierend zusehen, was diese Beiden über die Jahre hinweg aus einer Vision heraus geschaffen haben und sich nun für die Chepang, die einstigen Ureinwohner Nepals, die von der damaligen Regierung zwangsumgesiedelt wurden und heute am vergessenen Rande der nepalesischen Gesellschaft in extremer Armut leben, aus voller Leidenschaft einsetzten. Darüber hinaus bedanke ich mich bei der Filmwerkstatt Kiel, die uns bei unserer Recherche Arbeit unterstützt haben. Ich hoffe sehr, dass wir mit unserem geplanten Dokumentarfilm „Sapana“ berühren können und den Frauen und Mädchen in Nepal eine Stimme geben können.

Von was für einem Kino träumst du? Was ist deine Vision vom Kino, was kann es sein und sollte es für dich sein?

Kino ist für mich ein magischer Ort, an dem ich mir aussuchen kann, in welche Filmwelt ich eintauchen möchte. Wenn wir ins Kino gehen, öffnen wir uns automatisch gegenüber neuen Lebenswelten und Sichtweisen der unterschiedlichen Protagonisten und erweitern somit unseren eigenen Horizont. Sobald wir uns mit einem Charakter identifizieren können, versetzten wir uns mitfühlend in seine Rolle und nehmen die Welt aus seinem Blickwinkel wahr. Das Besondere an Kino ist, dass man nicht allein, sondern zusammen mit anderen Menschen den Film auf sich einwirken lässt und man die emotionalen Hoch- und Tiefpunkte gemeinsam durchlebt. Jeder Film lässt uns abschließend die Zeit, alle soeben gesehenen Bilder und Inhalte auf uns länger einwirken zu lassen. Sobald der Film vorbei ist, trennt sich jedoch das Gemeinschaftsgefühl der Zuschauer und jeder begibt sich wieder allein in seinen Alltag zurück und die Filmbotschaften verblassen immer mehr. An dieser Stelle würde ich mir jedoch wünschen, dass das Kino die Zukunft von morgen aktiver beeinflusst und es gewisse Filme schaffen, uns zum gemeinschaftlichen Handeln anzuregen. Dafür sollte das Kino interaktiver werden, durch anschließende Podiumsdiskussionen, Fragerunden und/oder andere interaktive Aktionen. – Jil Wende