Werkschau Nachwuchskurzfilm #4 – Kurzvorstellung: “Wir schwimmen” von Georgia Bauer & Rahel Jung

Lesezeit: 7 Minuten

Diese Reihe hat sich zum Ziel gesetzt, einen Blick auf die Szene des deutschen Kurzfilm-Nachwuches zu werfen und die Werke junger Filmschaffender einzuordnen und ihre ersten Schritte in der Filmlandschaft mit diesen Texten zu ergänzen. Der Versuch dieser Reihe ist es, eine persönliche Handschrift aus ihren von mir gesammelten Werken zu extrahieren und ihre persönliche Weltsicht, die Vision du monde, sichtbar für interessierte Leser*innen zu machen.

In dem kommenden Format der Kurzvorstellung (in der es statt um ein ganzes Oeuvre nur um ein singuläres Werk von Filmschaffenden gehen soll) steht dabei  der Kurzfilm “Wir schwimmen” von Georgia Bauer und Rahel Jung im Mittelpunkt.

Biographische Einordnung

Georgia und Rahel sind beste Freundinnen. Während ihrer Schulzeit entdeckten sie ihre Leidenschaft für das Medium Film und drehen seit Sommer 2016 gemeinsame Kurzfilme. Ihr miteinander als Filmemacherinnen formulieren sie folgendermaßen:

“Unsere Zusammenarbeit ist egalitär in allen Bereichen, was bedeutet, dass jeder Schritt von der Idee zum fertigen Film gemeinsam gegangen und im Gespräch erarbeitet wird. Am Ende wissen wir gar nicht mehr, was von wem stammt. Nie von jemand drittem ans Filmemachen herangeführt, können wir unsere Filme sehr frei drehen. Am Anfang waren es nur wir beide und das Handy und so haben wir uns eine sehr simple Machart zu eigen gemacht – wir arbeiten ohne Drehbuch, unseren Freunden als Darsteller, Improvisation, ohne künstliches Licht, so gut wie ausschließlich mit Handkamera…”

Das Ziel ihrer Filme ist es nach eigener Aussage, “kleine zwischen zwischenmenschliche Emotionen in Bildern” einzufangen und zu versuchen jungen Mädchen, wie sie es sind, still – mit ihren Filmen – nah zu sein. Am Anfang ihrer Filme würde dabei stets ein Gefühl, ein Thema oder Text stehen, zu dem die beide gemeinsam recherchieren und sich Gedanken machen würden. Daraufhin würden sie alle relevanten Fakten und Facetten für sich stichpunktartig notieren und für diese jeweils Bilder versuchen zu finden. Daraus würde eine Vielzahl an Bildern entstehen, die sie zu einer Geschichten zusammensetzen würden. Sie betonen dabei, dass ihre reduzierte technische Ausstattung sowie das Fehlen eines konkreten Storyboards ihnen dabei helfen würden, ihren Dreh möglichst spontan zu halten, sodass sie frei auf Schauspieler, Situation und neue Ideen gehen eingehen könnten. Ihre Schauspieler, das sind übrigens meistens etwa sie selbst oder Freund*innen aus der Schule oder Umfeld. Da die beiden bis zur Postproduktion keine exakte Struktur ihrer Bilder festlegen, bleibt die Abfolge der Bilder meist auch bis zur Montage offen, die dadurch auch einen wichtigen Arbeitsschritt für die beiden darstellt. So viel zur Arbeitsmethode, die hinter ihren Filmen steckt. Genaue filmische Vorbilder können die beiden des Weiteren nicht bestimmen.

Seit dem Beenden der Schule absolviert Georgia einen Freiwilligendienst im Leo Beck Institute London und der Association of Jewish Refugees und Rahel Praktika im Cineclub Alphaville und der sog. „Italy Movie Platform“ in Rom für ein Jahr.

Die Filme

Betrachtet man nun alle ihre bisher entstandenen Filme (es sind genau Fünf an der Zahl) bekommt man den Eindruck von Versuchsanordungen, die immer mit der Form experimentieren und versuchen immer wieder einen neuen Weg zu finden. Nicht selten wurden ihre Werke deshalb auch oft als filmische Gedichte umschrieben, was wohl auch der Tatsache geschuldet sein mag, dass ihre Filme tatsächlich oft auf bereits existierenden Texten oder Gedichten (z.B. “Der Ausflug” nach Alfred Lichtenstein) basieren. Teilweise kommt man sich bei ihren Filmen wie in einem Experimentierlabor vor, wo es auch immer darum geht, den Objekten, ihren Filmen, eine besondere Form zu geben, die etwa assoziativ oder konfrontativ ist, das heißt, die Bilder oder Räume aufeinanderprallen dürfen. Mal sind die Produkte, die daraus entstehen spröde oder unterkühlt, dann aber wieder inbrünstig, gar luftig, mal in Schwarzweiß, mal in Farbe, mitunter wird der Text nur Untertitel wiedergegeben, beim nächsten Mal ist die Sprache essentieller Teil des Films und ihrer filmischen Interpretation eines Gedichtes als Beispiel.

Was man bei den Filmen von Rahel Jung und Georgia Bauer sieht, ist ein Wille zum Gestalten sowie eine Brüchigkeit der Form. Das Markante steht bei ihnen und ihrer Ästhetik über dem Schönen. Hinter jedem Bild steckt eine neue Idee. Ihre Filme sind reduziert und beschränken sich auf ganz bestimmte Bilder, um ihre Geschichten oder deren Gefühle zu schildern. Eine Suche zieht sich durch ihre Filme, die meist einen verschlüsselten Zugang haben. Ihre sämtlichen Kurzfilme sind dabei auf ihrem Youtubekanal (https://www.youtube.com/channel/UCx1qEoV5fFrL6U_tjNBo_Iw) zu finden. Für Interessenten sei gesagt, dass ihr wahrscheinlich zugänglichster Film, da vergleichsweise klassisch narrativ und geradlinig, “punktpunktkommastrich” ist, in der sich ein junges Mädchen, das selbst schon schwanger ist, sich mit einem Babysimulator in ihrer Schule konfrontiert sieht. Der Film folgt einem vergleichsweise dokumentarischen Duktus. Dennoch ist er keine leichte Kost.

Georgia und Rahel setzen sich gerne mit Inhalten auseinander, die ihre eigenen Lebenswelten berühren. Wir greifen uns nun einen ganz besonderen Film heraus, “Wir schwimmen, der genau die Abbildung ihrer Lebenswelten dokumentiert, aber sich in der Mitte ihres Schaffens (die beiden Extreme würden wahrscheinlich “Der Ausflug” auf der einen Seite und “punktpunktkommastrich” auf der anderen Seite bilden) einreiht, und den ich erstmals auf dem Filmfestival Jungundabgedreht in Hanau dieses Jahr sehen konnte.

Wir schwimmen [2018 | 5 Minuten]

Wenn man sich dieses Werk von Georgia und Rahel so anschaut, so weckt es zunächst einmal Assoziationen zu den Kurzfilmen von Lotta Schwerk und Fion Mutert, die uns ein ähnliches Gefühl vermitteln (und über die an anderer Stelle bereits als Abgleich hierzu ausführlich geschrieben wurde) wie “Wir schwimmen”. Dieser Kurzfilm ist ebenfalls ein fragmentarischer Stimmungsfilm, ein markant kadrierter Bilderreigen, der uns von der Freundschaft zweier Mädchen erzählt, die ihren vorerst letzten gemeinsamen Sommer verbringen, bevor sich die Wege beider trennen werden. Das Warum der Trennung ist dabei nicht von Relevanz. Oder erklärt sich für jeden Zuschauer von selbst. Der Film will definitiv nicht erklären, sondern er will ein Gefühl zu seinen Zuschauer*innen transportieren – und das im 4:3 Format. Es ist das Ende der Unschuld, das geheimnisvolle Ende der Kindheit, von dem der Film in seiner offenen Struktur erzählt, die sich lose von Moment zu Moment hangelt. Der Film stellt einen Übergang, eine Initiation, einen wehmütigen Augenblick des Abschieds für seine beiden Protagonistinnen dar, den es innerhalb des Films noch einmal mit Zweisamkeit zu genießen gilt bevor am Ende der vorzeitige Abschied voneinander stattfinden muss. Aber notfalls es gibt ja noch Skype, ein Versprechen, sich wieder zu sehen.

Folglich haben wir es hierbei mit einem Film im Schwebezustand zu tun, der uns nur Bruchstücke gibt, die wir uns selbst erarbeiten müssen und in denen wir uns bestenfalls selbst spiegeln müssen, weil das, was wir sehen, chiffriert und auf den ersten Blick banal bleibt. Wir beobachten diese Mädchen bei komplett alltäglichen Dingen, die aber durch die Gewissheit des Abschieds eine ganz neue Bedeutung erfahren und deren Leerstellen es für Zuschauer*innen zu füllen gilt.

Diese kurzen Augenblicke, die der Film also erzählt, sind wie Tropfen des Lebens, genommen aus seinem großen Fluss. Der Blick des Films ist dabei irgendwo zwischen Intimität und Distanz, weil dieses leise und überaus zurückhaltende Werk nicht viel von sich selbst preis gibt. Diese Sperrigkeit, die der Film anstrebt, ist dabei bewundernswert. Gesprochen wird nicht viel. Das meiste passiert einfach, ist Lauf der Dinge. Der Film schweigt bewusst zu seinem Publikum und nimmt ein formales Spiel mit Schärfen, Perspektiven und Tönen vor, sodass sich ein Dickicht aus Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung, Realität und dem, was vor seinen Protagonisten liegt, auftut. Es ist damit auch ein Spiel mit der Anordnung der Szenen, wodurch der Film ein kurzweiliges Spannungsfeld aufbaut und bisweilen den Zuschauer auch irritiert. Es ist das Leben in einer Blase, das der Film bebildert, die Rahel und Georgia aber noch nicht platzen lassen. Das Werk ist in seiner Form stark komprimiert. Das, was wir sehen, bekommen wir in innerhalb von 5 Minuten ausschnitthaft serviert. Die Herangehensweise von Georgia und Rahel ist dabei, über einen Blick auf die Details innerhalb des eigentlich Banalen zu versuchen das Wahrhaftige an die Oberfläche zu tragen. Damit schaffen sie ein reizvoll enigmatisches Werk, das eine Entdeckung wert ist. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, denn der vollständige Film ist auf Youtube zu finden oder in den kommenden Monaten auch beim 32. Bundesfestivalfilm in Hildesheim oder Der Werkstatt der jungen Filmszene auf großer Leinwand zu sehen:

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“Wir fänden es schön, wenn Film wieder zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis wird, den Weg zurück in die Kinos findet. Zusammen einen Film schauen und sich darüber unterhalten, anstatt sich zuhause alleine hinter dem Bildschirm zu verkriechen. Dadurch, dass es heute ein jedem möglich ist, einen Film zu drehen, existiert eine unglaublich reiche Vielzahl an verschiedenen Blicken auf die Welt. Jedoch schafft es leider noch immer vor allem eine bestimmte Sichtweise auf die große Leinwand. Wir träumen davon, dass eine weitaus größere Diversität an Blickwinkeln die allgemeine Öffentlichkeit erreicht. Wir beide mögen Filme, die versuchen, sich mit der Realität auseinander zu setzten und sich dabei aber ihrer manipulativen Kraft und ihrer Subjektivität bewusst sind und dies dem Zuschauer auch vermitteln.” – Rahel Jung und Georgia Bauer

Die Filmographie:

Solitude, 2016

Ausflug, 2017

punktpunktkommastrich, 2018

Wir schwimmen, 2018

Wer du bist, 2018