Werkschau Nachwuchskurzfilm #3: Lasse Holdhus – Das Abenteuer Erwachsenwerden

Diese Reihe hat sich zum Ziel gesetzt, einen Blick auf die Szene des deutschen Kurzfilm-Nachwuches zu werfen und die Werke junger Filmschaffender einzuordnen und ihre ersten Schritte in der Filmlandschaft mit diesen Texten zu ergänzen. Der Versuch dieser Reihe ist es, eine persönliche Handschrift aus ihren von mir gesammelten Werken zu extrahieren und ihre persönliche Weltsicht, die Vision du monde, sichtbar für interessierte Leser*innen zu machen. In dem kommenden Text geht es um die Kurzfilme von Lasse Holdhus.

Biographische Einordnung: Lasse Holdhus wurde am 29.08.1991 in Stavanger, Norwegen geboren. Als Kind und Jugendlicher spielte als Darsteller in dem lokalen Theater in Stavanger (Rogaland Theater) mit. Seit 2010 ist er als Film-Regisseur beschäftigt, und begann 2013 sein Regiestudium an der Deutschen- Film und Fernsehakademie Berlin (DFFB).

Lasse Holdhus

Ähnlich wie es schon oft in den letzten Artikeln passiert ist, geht meine Faszination stets mit einem Film einher, der mich am Ende des jeweiligen Screenings atemlos zurücklässt und beginnt in mir zu rattern. Auch bei Lasse Holdhus gab es diesen Film, den er damals beim Berliner Filmfestival achtung Berlin als Vorfilm von Joya Thomes “Königin von Niendorf” vorstellte. Dieser seiner Filme war “Beschwerden eines Jünglings”, ein erfrischend vitaler Coming-of-Age-Film, der – wie es schon der Titel sagt – um die Befindlichkeiten eines Jungen in der Pubertät zwischen überschwänglich-frechen Humor und leichter Wehmut kreist. Mich beeindruckte und inspirierte diese Leichtigkeit, mit der Lasse diese Geschichte arrangierte wie auch sein Spiel mit den Stimmungen und Schwingen von Szene zu Szene, die jede ihren eigenen Charakter zu haben, insgesamt aber doch homogen, erschienen. So verfolgte ich über die kommenden Jahre das Schaffen von Lasse weiter und stellte schnell fest, dass ihm – ähnlich wie mir – etwas an diesem Genre, dem Coming-of-Age-Film, zu liegen scheint. Denn die meisten Filme sind thematisch in diese Sparte einzuordnen.

Lasse vermittelt seine persönlichen Inhalte über dieses Genre. Denn wie er meint, wären die Gefühle in der Jugend besonders stark und deshalb würden wir uns später noch sehr intensiv an sie erinnern. Folglich ist dieser Artikel an der Oberfläche auch erstmal mehr thematisch denn stilistisch orientiert. Denn hinsichtlich seiner stilistischen Umsetzung hat sich noch keine Homogenität eingestellt. Lasse Holdhus ist immer noch bestrebt darin verschiedene Stile und Herangehensweisen für sich ausprobieren. Wenngleich wir doch über den Verlauf dieses Textes bemerken werden, dass da doch immer bestimmte Stilmerkmale gibt, die immer wieder in großer Häufigkeit in Lasses Filmen auftauchen werden. Für Lasse bildet der Kurzfilm mittlerweile eine Spielwiese, um zu spielen. In diesem Sinne versucht er auch so viel wie möglich zu filmen, um zu sich beziehungsweise einen bleibenden Stil zu finden. Lasse stellte in einem Gespräch mir gegenüber die Frage, wie gut man als Regisseur werden kann, wenn man zweimal im Jahr für maximal für sechs Tage (Anm d. Red. Das entspricht etwa der Produktionszeit eines längeren Kurzfilms) drehen würde und sonst mit anderen Tätigkeiten beschäftigt wäre? Wie könnte man dann heranreifen? Und was würde man dann in den übrig gebliebenen ca. 350 Tagen im Jahr machen?

Lasse hat eine große Zahl an Regisseur*innen, die ihn inspirieren und die uns helfen dürften, eine Linie in seinem Schaffen zu entdecken. Ich werde diese Regisseure nun im folgenden notieren, ohne einen allzu breiten Kommentar dazu, wo man sie in Lasses Schaffen findet, denn das ist jedem selbst überlassen, die Fußstapfen zu sehen, die ich für die interessierten Leser*innen ausbreite: So sind es nämlich einmal die aktuellen Filme von Hong Sang-soo, Ruben Östlund, natürlich die des norwegischen Regisseurs Joachim Trier oder die des ebenfalls norwegischen Regisseurs Dag Johan Haugerud, die Lasse bewundert. Aber auch der Mumblecore, in Amerika oder Deutschland, interessiert ihn. Und dann wären da noch “Raus aus Amal” von Lukas Moodyson oder die Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl (Stichwort: Tableaus), die Lasse mir gegenüber als einige von vielen weiteren Werken hervorhob.

In diesem kleinen Aufsatz über seine Kurzfilme soll jeder seine Werke zunächst als stilistisch geschlossenes Werk und somit für sich gesehen werden, um abschließend vielleicht doch noch einmal zu notieren, was sie eint. Es soll also über den Text eine Ahnung vermittelt werden, die im letzten Teil zur kurzen Reflexion des geschilderten Stils führen soll. Beginnen werde ich dabei mit Lasses Frühwerken aus seiner Heimat Norwegen. Dort werden ich nicht alle seine Filme besprechen, die er gemacht haben, sondern selektieren und Ausschnitte nehmen, die am ehesten die Essenz seiner früheren Übungsfilme in Norwegen erfassen und uns auch helfen spätere Filme und ihre Geschichte vielleicht besser zu verstehen und im Kontext von Lasses Schaffen einzuordnen. Seine Arbeiten an der dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin) werden dagegen chronologisch und vollständig bis zum aktuellen Stand besprochen. Also verlieren wir keine Zeit und stürzen uns in seine Filme!

Lars & Esklids Night Out [2012 | 17 Minuten]

Dieser erste Kurzfilm, ein Übungsfilm, der wie gesagt in Norwegen entstanden ist, aber nicht Lasses ersten filmischen Output bildet (vorher hatte er Kurzfilme an der europäischen Oberschule European Film College gedreht), beginnt mit einem Bild, das überhaupt nichts mit dem folgenden Film zu tun hat. Ein junger Mann, der nicht mehr im Film auftauchen wird, sammelt Müll auf. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie erinnerte mich dieses Bild an eine Impression aus einem Film von Joachim Trier. Gezeigt wird ein Park, an dem wir am Ende des Films wieder landen werden, und man spürt schon in diesem ersten Bild, dass wir uns in Oslo befinden. Mehr sagt dieses absurde Bild aber wahrscheinlich nicht aus.

Dann beginnt die Geschichte eines Besuches: Ein junger Mann, Lars (Joachim Joachimsen), sitzt im Bus und muss bemerken wie eine junge Frau sich von ihm weg setzt, ein anderer, Esklid (Magnus Rostad), streitet mit seiner Freundin. Sie wirft ihm vor, dass er sich nicht für ihr kommendes Kind interessieren würde und deshalb nicht mit zum Ultraschall gekommen wäre. Diese beiden Stränge werden zusammenlaufen, denn der eine ist des anderen Bruders und so will Esklid sich lieber mit seinem Bruder treffen als denn über das erwartete Kind zu sprechen. Der Film erzählt die Beziehung zweier Brüder und ihrer männlichen Ängste gegenüber den Frauen und der Verantwortung, die sie ihnen zumuten. Lars ist der Schüchterne, Esklid der Verwegene. Während Esklid ein Kind erwartet, kümmert sich Lars daheim um das Kind seiner Freundin. Beide versuchen über das gemeinsame Wochenende darüber hinwegzukommen. Sie treffen sich, müssen sich aufeinander abstimmen, austauschen und betrinken. Sie reden über die Frauen und ihr Leben. Sie spotten und reflektieren, versuchen sich souverän zu geben, beweisen aber ihre Abhängigkeit, in dem sie über nichts anderes reden können als ihr Leben mit den Frauen. Sie beklagen sich oder versuchen sich rausreden, dass sie unter dem Pantoffel stehen und wollten doch eigentlich unabhängig sein.

Es ist dabei ein augenzwinkerndes Werk, das seine männlichen Figuren demaskiert, zwischen Frechheit und Sanftmut pendelt, ihnen aber auch Trost spenden will. Der Film beobachtet, fängt eine Art Gefühl des Suchens ein, das auch in den Erstlingen von Joachim Trier begraben liegt. Der Film ist betont ruhig inszeniert, dokumentiert die Gespräche seiner Figuren, in Restaurants, in Bars, auf der Straße, in der Nacht. Wir erleben den Streifzug zweier Brüder, der auch hin und wieder mit seinem Blick abschweift und Randbemerkungen zulässt. Da ist zum Beispiel eine skurrile Begegnung mit einem Mann (Lasse Holdhus), der seine Freundin an eine Frau verloren hat und die Welt nicht mehr versteht.

Der Film spricht den zentralen Konflikt seiner Geschichte der Brüder nicht aus, sondern bemerkt eher, dass es da unter der Oberfläche gibt, mit dem beide Figuren beschäftigt sind, wobei gerade Esklid als die Figur gezeichnet wird, die unter dem Druck der Schwangerschaft seiner Freundin leidet, was er durch sein Aufreißerimage versucht zu kompensieren. Im letzten Drittel wird der Film dann sehr sprunghaft, geht nicht mehr ganz zusammen und kommt aus seiner Umlaufbahn. Am Ende darf Esklid zwar sein Problem sehr gehetzt vom Drehbuch artikulieren, aber der Film löst seinen Konflikt nicht auf, sondern scheint mit den Schultern zu zucken und bricht dann einfach am Ende ab. Schnipp. Ende. Es ist letztlich kein ganz runder, oft witzelnder Film, ein dialoglastiger Talkie, der zurückhaltend zuhört und seine Figuren sitzen, reden, poltern, aufreißen und nachdenken lässt. Aber irgendwie steckt da ein Stück Leben drin, etwas, weshalb man gerne zuhört, bereit ist für dieses eine Mal zu folgen. Vielleicht sind es auch die authentischen norwegischen Gesichter seiner jungen Darsteller, allen voran Joachim Jochimsen, die diesen Film beleben.

Lasse disses his Girl [2013 | 4 Minuten]

Der zweite Film, der nun aus Lasses Schaffen aus Norwegen behandelt werden soll, stellt seinen Bewerbungsfilm an der dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie) dar. Es ist ein rotziger und frecher Nachtfilm, der uns durch die Straßen von Oslo treibt. Dieser Film ist noch von einer enormen Rohheit befallen und besitzt einen anarchistisch-frechen Gestus. Es gibt kein künstliches Licht, aber es gibt eine Handkamera, die zum Einsatz kommt. Es ist ein sehr direkter Film, der seinen Protagonisten Lasse (Lasse Holdhus) auf seinem Streifzug durch die Nacht begleitet. Besoffen streitet er sich zu Beginn mit seiner Freundin. Die lässt sich das nicht bieten und zieht ab. So versucht Lasse auf der Straße ein anderes Mädchen aufzureißen, benimmt sich erneut wie ein Arschloch und bekommt die Rechnung dafür. Am Ende landet er wieder, vollkommen komatös vor der Haustür seiner Freundin.

Lasses Film ist eine vulgäre Komödie, die ihren unausstehlichen Protagonisten fallen lässt. Viel erzählt uns der Film nicht, gibt uns aber innerhalb von 4 Minuten das Bildnis eines komplett egoistischen männlichen Arschlochs wieder, der gerne der große Macker wäre, der aber von den weiblichen Figuren immer wieder Kontra bekommt. Der Film schildert uns eine Situation, frei und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Nähe schafft der Film keine zu seinen Figuren, sondern ist einfach nur ihr teilnahmsloser Begleiter auf ihrer Reise durch die verbliebene Partynacht, deren peinlicher Ausklang im Zentrum steht. Ein bisschen mag man da an die Filme der Dogma95-Bewegungen denken. Für Lasse Holdhus bleibt es eine erste, ungeschliffene und schnell vergessene Übung, die sich am ehesten als frecher Kommentar zu seiner Generation und ihrer Männerfiguren lesen lässt. Mithilfe dieses Films würde ihn sein Weg nach Berlin führen, wo er sich weiter ausprobieren würde, aber auch immer wieder Filme machen würde, die immer auch an seine Kurzfilme aus Norwegen und ihre Ansätze erinnern werden.

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Kreuzpinkeln [2014 | 8 Minuten]

“Kreuzpinkeln” stellt die erste fiktive Kurzfilm-Arbeit von Lasse an der staatlichen Filmhochschule dffb dar. Der Film zieht durch sein Thema, die Beziehung zweier Brüder, eine Verbindung zu seinem norwegischen Frühwerk “Lars & Esklids Night Out”, dennoch gelingt ihm diese deutsche Variante oder deutsche Variation des Stoffes nicht so wie dieser, mag der Film dabei auch recht ähnlich aufgebaut sein. Das führt auch dazu, dass man bei diesem Film ein bisschen das Gefühl eines Selbstzitates hat. Ebenso wie man das Gefühl eines deutschen German Mumblecore hat, an dem sich Lasse Holdhus hier versucht.

Der Film schildert die schwierige Beziehung zweier Brüder, von denen sich einer in eine Frau hat umwandeln lassen. Sein Protagonist Norbert (Max Mauff, der in diesem Film den Look eines Charakters aus Joachim Triers “Reprise” hat) ist damit überfordert. Er ist ein unbeholfener Typ, der wie ein verlorenes Männlein, das in einem viel zu großen Wald steht, wirkt. Im Park begegnet ihm eine alte Freundin (Martina Schöne-Radunski), sie macht Jogging, er liest ein Kinderbuch. Beide verabreden sich und kommen so mit Norberts Bruder zusammen. Sie feiern zusammen. Norbert übergibt sich. Dann herrscht Stille. Norbert gibt schließlich zu, dass er das Kreuzpinkeln der beiden vermisst, aber diese Zeiten sind vorbei. Der Penis ist nicht mehr da. Nun ist alles anders.

Der Film beschreibt also die Entfremdung der beiden Brüder, tut dies aber auf eine sehr ulkige und seltsame Weise zwischen Absurdität und dann doch so etwas wie Melancholie, das sich in einer bizarren Form in den Film schiebt. Seine Figuren und wie der Film mit seinen Zuschauern spricht, ist überzeichnet, aber der Ansatz fällt hinsichtlich der gestalterischen Mittel dann doch anders aus. Der Film beginnt mit zurückhaltenden Tableaus und wird dieser statischen Herangehensweise auch treu bleiben. Die Optik des Films ist realistisch. Die Bilder sind sorgfältig eingerichtet, aber sie wirken auch leblos. Es ist dabei aber auch ein nüchtern bebilderter Film, der jederzeit arrangiert und künstlich anmutet. Etwas befremdet an diesem Film, der nur gezielt seine Kamera bewegt und vereinzelt mit den Kamerawinkeln experimentiert. Damit macht der Film zeitweise auch den Eindruck eines abgefilmten Theaters, denn der Blick der Kamera wird als Bühne verstanden, auf der die Figuren platziert werden. Das trifft vor allem auf die erste Hälfte des Films zu, die zweite Hälfte wechselt dagegen in eine (meist halbtotalig, alles sehende) Handkamera.

Deshalb wirkt der Film in seiner Umsetzung oft schwerfällig und gestelzt. Es ist ein Film, der durch seine Widersprüche interessant, aber nie wirklich schmackhaft wird. Dieses Werk spielt, flackert, springt und hüpft, fällt, steht wieder auf, überrascht, um dann aber doch zu enttäuschen. Es ist kein homogener Film, sondern Lasse Holdhus scheint mit diesem Film noch auf der Suche nach seinem Ausdruck als Regisseur zu sein. Seine Frechheit, die wir aus Norwegen kennen, ist da, aber die Geschichte wirkt inkonsistent und befremdlich. Ein Problem wird formuliert, angerissen, aber keine Antwort formuliert. Der recht trocken erzählte Film bricht im Moment der Artikulation des Problems ab. Jeder lebt am Ende für sich selbst weiter. Ironie und Inhalt spalten sich auf, finden in diesem Film nicht zusammen. Diesen Zwiespalt hat Lasse noch nicht auflösen können, mit seinem kommenden Film würde sich das ändern und Lasse beweisen können, was ihn als Regisseur auszeichnet und worin die Größe seines Kinos besteht, wenn es erst einmal zueinander findet.

Beschwerden eines Jünglings [2016 | 13 Minuten]

Was für ein Titel! Beschwerden eines Jünglings. Die Beschreibung eines Coming-of-Age-Film par excellence. Das weckt doch sofort Assoziationen Robert Musils großen Jugend-Roman “Die Verwirrungen des Jüngling Törless”. Ein gutes Vorzeichen sollte man meinen, denn es war Wim Wenders, der wohl einst meinte, dass wenn bereits der Titel eines Films großartig wäre, es der dazugehörige Film auch werden würde. Im Falle von Lasse Holdhus “Beschwerden eines Jünglings” sollte er damit recht behalten. Denn der Film stellt bis zu diesem Zeitpunkt seiner Filmographie seinen homogensten Film dar und wird vorerst auch zu seinem erfolgreichsten werden, der auf zahlreichen nationalen wie internationalen Filmfestivals laufen würde, wie dem achtung Berlin Filmfestival, wo ich den Film erstmals sehen und mich in diesen Film verlieben würde. Es ist das Porträt eines Heranwachsenden, der erste Erfahrungen mit der Liebe und der Sexualität macht, vermittelt als liebenswert-leichtfüßiger Sommerfilm.

Der Film beginnt dabei mit der Kontrastierung zweier Welten, zweier Umkleidekabinen, die von den Jungs und die von den Mädchen. Beides inszeniert als beobachtend aufgenommene und registrierende Tableaus, um mit den Mitteln der Kamera auch diesen Vergleich zu erzählen und zu verdeutlichen . Die Jungs (Bastian Gruhner & Daniel Michailidis) auf der einen Seite interessieren sich für ihr Aussehen, erproben ihre Lässigkeit vor den Badspiegeln und verraten sich gegenseitig Tricks und Kniffe, wie sie ihre Mädchen am besten zum Orgasmus führen. Sie protzen und prahlen, sehen sich als die großen Stecher und reden von ihren ehemaligen Gespielinnen aus Spanien, obgleich sie noch nie in Spanien waren. Coole Typen also, in deren Mitte ein kleiner blonder Junge (Alessandro Emanuel Schuster) mit einem kindlich strahlenden Gesicht Platz genommen hat und von seinem ersten Kuss träumt. Dieser Junge, Lars, wird der Protagonist dieser Geschichte sein.

Auf der anderen Seite reden die Mädchen (Aurelia Schäfer & Sena Niebling) über die Experimente mit den Jungs und dem, was diese versucht haben, um sie heiß zu machen: Es soll alles nicht funktioniert haben, nicht gut gewesen sein. Damit findet eine Revision des Machotums der Jungen statt. Bei den Mädchen stehen dann Schminke und dicke Lippe auf dem Plan sowie der Hinweis immer ein Kondom dabei zu haben. Während die Jungen dann später im Sportunterricht bei den Liegestützen schwitzen dürfen, entspannen sich die Mädchen am Rande, weil es ihnen nicht gut gehen würden, sie Schmerzen haben würden, aber in Wirklichkeit keinen Bock auf den Sportunterricht haben. Da können auch die unbeholfen wirkenden Lehrer (Arno Sudermann) nichts mehr dagegen ausrichten, sondern sich dem nur hilflos beugen.

Es ist ein satirischer, aber auch geerdet erscheinender Blick auf die Schulwelt, die der Film etabliert. Und an diesem Beginn, seiner Abfolge der einzelnen Bilder und ihrer augenzwinkernden Gegenüberstellung, sieht man, dass die Inszenierung von Lasse Holdhus genau weiß, wo sie hin will. Lasse schafft Lebendigkeit, Empathie und Nähe für sein kleines Universum aufzubringen, das innerhalb weniger Minuten eingeführt ist. Dieses ganze Szenario erscheint uns von Beginn an herzlich und herzhaft. Das liegt an dem liebenswerten Blick auf seine erneut recht naiv-frechen Figuren, der Warmherzigkeit, mit der diese Geschichte arrangiert wird sowie an den hellen und leuchtenden Farben, die diesen Eindruck zementieren. In dieser ersten Hälfte geht es also um die Vorstellung eines Ensembles von drei Jungen und drei Mädchen, die im folgenden miteinander verzahnt werden.

In der zweiten Hälfte wird der Film beweglicher, arbeitet zunehmend mit einer Handkamera, die zum Begleiter des Ensembles wird, dennoch konzentriert sich die Kamera in der zweiten Hälfte auch mehr auf seinen Protagonisten Lars, der mit so deutlichen Farben, einem gelben Shirt und einem blauen Basecap, skizziert wird. Er sieht dabei nicht, was vor seinen Augen liegt, nämlich, dass da ein schüchternes und einsames Mädchen (Adele Matzat), Nora, in ihn verliebt ist, und lässt sich von den Anderen blenden. Da sind also zwei Universen, die sich kreuzen, aber nie zueinander finden. Lars möchte zu den anderen gehören, passt da aber irgendwie nicht rein. Er macht mit. Er bemerkt keck, dass sein Schwarm Luise aussieht wie Shakira und post mit ihr herum. Lasse bietet Typen als Figuren an und lässt sich mit ihnen durch den sommerlich entspannten Film treiben. Sie hängen gemeinsam ab und rauchen im Park unter der Nachmittagssonne.

Über den Verlauf dieser kurzen Geschichte muss Lars aber bemerken, dass dieses It-Girl, Luise, sich für ihr Handy interessiert, aber nicht für ihn. Er küsst sie, aber sie kann das nicht. Sie will ihn nicht – in einigermaßen nett verpackten Worten. Denn sie hat Augen für jemand anderen und so kommt es schließlich zur Konfrontation zweier Jungs, wo der Film erstmals sehr hektisch inszeniert wird und man ein bisschen die Orientierung verliert auf visueller wie auch auf narrativer Ebene, weil der Zorn des Protagonisten auf einen anderen Jungen auf zu losen Boden gepflanzt ist. Lars rastet aus. Wir können erahnen wieso, aber ganz verstehen wir es doch nicht. Die Kamera wird in diesem Moment der Konfrontation eruptiv, wirbelt herum. Das mag auf den ersten Blick zunächst irritierend sein, aber stilistisch ist es durchaus passend, um diese Passage des Films zu erzählen und zu visualisieren. Extreme Gefühle werden über eine extreme Form wiedergegeben. Das ist auch Teil des Spiels, das Lasse Holdhus mit diesem Film anzettelt, in dem jede Sequenz auch ihre eigene Sprache haben sollte. Diese Sprache hätte sich dabei aus dem Film und der Arbeit daran ergeben, und das fühlt man als Zuschauer auch, in dem wir eine Art Auf und Ab der Geschichte erleben, aber durch die Wahl der Mittel stets Teil der Geschichte und vor allem involviert sind. Am Ende schließlich kommt der Film wieder zur Ruhe. Lars ist allein und nur nur Beobachter aus der Ferne. Ein Fingerspiel orakelt dann noch einmal über die Erkenntnisse des Tages, Lars würde die Liebe entdecken, aber anders als er sich das gedacht hätte.

Damit sind wir am Ende dieses Film und seiner jugendlichen Suche angekommen, die aber längst noch nicht für seinen Protagonisten zu Ende ist, sondern eher wie eine Initiation in eine neue Welt mit ihren neuen Regeln ist. Es ist ein sehr typischer Coming-of-Age-Film, der mit großer Leichtfüßigkeit inszeniert, sich mit seinen Figuren bewegt und in seiner Ganzheit so ungezwungen und locker erzählt ist, dass es ein Vergnügen ist, Teil des Ganzen zu werden. Der Film erzählt uns von Jungen und Mädchen, von der ersten Verliebtheit, die er mit einem beinahe schon naiv-neugierigem Blick auf die Dinge dieser Welt erzählt. Manchmal erscheint der Film etwas elliptisch komprimiert (da merkt man dem Film an, dass er wohl ein paar Kürzungen hingenommen haben muss, weil nicht alles ganz sauber zusammengeht, aber wer will sich bei einem so schönen Film schon daran stören?), aber es bleibt ein wirklich schöner Stimmungsfilm, in dem sich am Ende auch ein leises Gefühl der Traurigkeit schleicht und damit das Lebensgefühl eines Heranwachsenden wiedergibt, ohne allzu stark einen zeitgeistigen Kommentar zu implementieren. Die Geschichte darf allgemein und folglich auch allgemeingültig eine Geschichte mit einem frechem Witz über die Beschwerden eines Jünglings sein. In seinem nächsten Film würde sich Lasse Holdhus einem ähnlichen Sujet verschreiben und erneut von den Schwierigkeiten des Heranwachsens berichten. Doch auf eine ganz andere Weise als in diesem Werk. Oder wie man so schön sagt: Auf den Aufstieg, folgt der Fall.

Nachtfalter [2017 | 27 Minuten]

“Nachtfalter” setzt konsequent die erzählte Welt seines Vorgängers fort. Der Film erscheint wie das Gegenstück zu den “Beschwerden eines Jünglings”, ist sein misslungener Bruder im Geiste, ein Film, der durch sein Scheitern aber wiederum auch interessant wird. Es wäre gefühlt eigentlich ein Erwachsenenfilm, ein Werk, das auch die Geschichte eines 24-jährigen Pizzafahrers hätte sein können, behauptete Lasse einst mir gegenüber, aber letztlich zur Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen wurde, der sich zwischen zwei Frauenfiguren eingeengt sieht. Lasse setzte diesen Film mit 25 Jahren um. Und es scheint auch der Film zu sein, mit dem er, wie er selbst bekundet, aus der Jugend herausgeht, reflektiert, nachdenkt und vielleicht auch von dem erzählt, was er an Erinnerungen hat und das, was man über diese Zeit der Jugend erlebt und einen geprägt hat (Anm.: Auch wenn das Drehbuch dieses Films dabei nicht von ihm selbst stammte). Es ist ein am Ende diffiziler und schwieriger Film geworden, an dem man sich abarbeiten muss. Oder um es anders zu formulieren: War der Jüngling ein Film in Dur, so ist “Nachtfalter” definitiv ein Film in Moll. Inspiration für diesen Film bildeten Lynne Ramsays “Ratcatcher” sowie “Submarine” von Richard Ayoade, beide Filme lassen sich in diesem Film und seiner Ausrichtung erahnen.

Der Film erzählt von der jugendlichen Suche seines schüchternen und zurückhaltenden Protagonisten Benjamin (Niklas Post). Dieses Mal geht es aber weniger um das Schulumfeld, das nur angerissen wird als denn um die persönliche und alltäglich gezeichnete Lebenswelt seines Protagonisten, in der Wohnung seiner Mutter (vornehmlich: Küche und Bad) und auf den nächtlichen Straßen von Berlin. Traurigkeit liegt in den Augen des jungen Benjamin. In seinem Heim zuhause dominieren zunächst Schweigen und Stille. Seine Mutter (Elisabeth Müller) ist ein Wrack, eine blasse Frau, die kurz am Rande eines Nervenzusammenbruches scheint. Sie will gerne für ihren Sohn da sein, kann es aber nicht. Benjamin kümmert sich um seine Mutter, ist ein guter Sohn, hilft auch ihr bei der Anmeldung beim Online-Dating. Über Benjamin  und seinem Leben schweben die Gewitterwolken. In der Schule wird ihm ins Gesicht gefurzt, aber er wehrt sich nicht. Niemand wehrt sich gegen die Bullies. Es spricht ihn ein Mädchen an, Lulu (Emma Frieda Bürger), sie will Geschlechtsverkehr mit ihm. Sie ergreift die Initiative, denn wenn keiner mit ihnen will, können es sie es doch zusammen machen, könnten vielleicht sogar Freund und Freundin sein. Benjamin pendelt zwischen diesen beiden Frauenfiguren, die jede für sich seiner Aufmerksamkeit bedarf.

Der Film kann zunächst einmal als eine interessante Neuausrichtung von seinem Vorgänger betrachtet werden. Auch dies ist Porträt eines Heranwachsenden. Dennoch ist dieser Film im Gegensatz zu diesem vorherigen Werk schwermütiger, monotoner, breiter und  ausufernder. Alles wirkt in diesem Film so fade und niedergeschlagen (und vieles vor allem unmotiviert inszeniert), als hätte die Welt in diesem Film ihre Magie verloren. Es ist so, als hätte man die Figuren von Roy Andersson in die Realität geholt und dort im Regen stehen lassen. Diese Figuren wirken teilweise wie von einem anderen Planeten, da ihre Verhaltensweisen oder Depressionen nicht näher skizziert werden. Komisches und Schwermütiges vermischen sich innerhalb des Films auf eine sehr eigenartige Weise.

Der Film wirkt dazu festgefahren. Es ist ein beobachtender und zum Großteil statischer Stil, mit dem Lasse Holdhus diesen nichtsdestotrotz leisen Film umsetzt. Es ist kein wirklich psychologischer Film, der nicht ergründet, sondern nur wahrnimmt, dass da etwas mit den Figuren ist. Der Film schildert Situation für Situation. Dadurch entsteht keine klare Dramaturgie, sondern ein loses, bisweilen beiläufig arrangiertes Nebeneinander der Szenen. Der Film driftet unentschlossen hastig zwischen der Beziehung der Freundin und der Mutter. Es ist folglich eine Konstellation, die der Film verhandelt. Er skizziert vieles an und reißt vieles an, wirklich tiefgehend wird der Film aber nie. Es entsteht ein diffuser Eindruck. Man ist also als Zuschauer ähnlich hilflos wie der Protagonist. Der Film dreht sich im Kreis, kommt nicht vorwärts, ist abrupt und bruchstückhaft. Es gibt in diesem Film keine großen und kleinen Szenen, alles in diesem lethargischen und genügsam inszenierten Werk erscheint gleichförmig. Nur seltene Einzelmomente, die skurril augenzwinkernde Zusammenkunft auf zwei Schaukelpferdchen mit seiner vermeintlichen Freundin auf dem Spielplatz, ein einsamer Streifzug durch die Nacht oder die alptraumhaft expressionistische Sequenz, in der Niklas den verstörenden Selbstmordversuch seiner Mutter sieht, stechen in diesem knapp 30 minütigen Film hervor.

Man kann so viel über diesen Film schreiben, so viel über sein Scheitern nachdenken. Das Problem liegt wahrscheinlich im Buch des Films begraben, vielleicht aber auch nicht. Lasse gab mir gegenüber zu Protokoll, dass er im nachhinein fand, dass seine Regie beim Film nie ganz deutlich gewesen wäre, und das stimmt, denn sein Film verschwimmt. Es ist ein brüchiges Werk in teilweise dunkel expressiven, dann wieder tristen Bildern. Der Film ist in seiner Natur bizarr und irritierend. Es ist schwerer und demnach ermüdender Film, ein seltsames, ulkiges Ding an Film hat Lasse Holdhus hiermit erschaffen. Aber machen wir uns nichts vor: Er hat auch interessante Einstellungen und reizvolle Ideen, die es zwischendurch immer wieder gibt, aber er kann es nicht homogen zusammenführen. Ein Film also, der keine Einheit findet, wankelmütig ist und schließlich auch keine Antworten gibt. Man ist am Ende ein bisschen ratlos, was man da gerade gesehen hat und was dieser Film eigentlich wollte. Ein Werk, das total neben der Spur ist. Ein Werk wie aus einer Schaffenskrise, aus einem künstlerischen Loch heraus geboren. Das macht ihn aber auf seine seltsame Art wieder fasziniert. Und trotz seines Scheiterns reiht sich der Film nahtlos in die restliche Filmographie seines Regisseurs Lasse Holdhus ein. Seine Weltpremiere feierte der Film übrigens auf dem 30. Filmfestival Dresden im Jahre 2018. Seitdem war der Film nur noch selten auf irgendwelchen Festival präsent. Mit seinem folgendem Werk, einer Art Geisterfilm, würde Lasse seine bis dato letzte Schaffensepisode betreten, in der die Filme wieder kleiner werden würden und sich vor allem auf die eindrückliche Schilderung ihrer konzentrierten Prämisse fokussieren würden, womit er zu einer neuen Vitalität finden wird.

Waldgeist [2018 | 12 Minuten]

Auch in diesem Film widmet sich Lasse Holdhus seiner Geschichte aus dem Blickwinkel einer Heranwachsenden. Der Film ist aber anders als seine vorherige Arbeit, ein komplett entschlankter Film. Auch thematisch wandelt der Film auf anderen Pfaden und nimmt Abschied von den alltäglichen Porträts seiner Protagonisten. Mit diesem Film erfindet sich Lasse Holdhus in gewisser Weise, seine Art Geschichten zu erzählen, für neu. Fangen wir also mit einer Einordnung des Stoffes und seiner Vorbilder an. Denn diese sind zahlreich lassen sich nicht nur in Film, sondern auch in Literatur und Illustration finden. Es ist ein grimmsches Werk, das von den Zeichnungen des norwegischen Künstlers Theodor Kittelsen inspiriert ist, der in seinen Darstellungen vor allem eine Vorliebe für die Illustrationen von märchenhaften und schauerromantischen Motiven pflegte. In seinen Bildern gibt es gespenstische Wälder und unheimliche Trolle, die seine Heimat Norwegen heimsuchen. Folglich haben wir es auch bei dem Film von Lasse Holdhus mit einem Film zu tun, der schauerromantische Ikonografien umsetzt. Es ist ein Film, der wie Lasse sagt, von norwegischer Folklore und Märchenbüchern durchzogen ist. Wenn man nun nach filmischen Vorbildern sucht, wird man fündig bei Murnaus “Faust” oder Sam Raimis “Evil Dead”, was aber dahingehend mehr auf die Nutzung von spielerischen Effekten als auf den Inhalt zurückgeht, wie zum Beispiel bei Raimi die wild gewordene Kamera, die durch die Wälder katapultiert wird. Lasse selbst nannte “Waldgeist” eine Variante von Lars von Triers “Antichrist” als Kinderfilm erzählt. Man darf dahingehend aber noch hinzufügen, dass der Film zwar ähnlich mit Symbolen und Zeichen spielt wie von Trier, aber dabei doch wesentlich zurückhaltender und leichter bekömmlich bleibt. Der Ansatz war es etwas für Kinder zu machen, aber die sollten sich dabei auch gruseln. Damit zeigt Lasse großes Vertrauen in die Aufnahmefähigkeit der Kinder.

Lasse wollte mit diesem Film eher einen liedhaften Film konstruieren. Liedhaft, also musikalisch, in dem Sinne, dass der Film vom Sounddesign und der Musik als Mittel zur Rhythmik getrieben werden. Es ist schließlich ein kleines Gedicht in audiovisueller Form geworden, in der eine Tochter ihre verlorene Mutter in den gruseligen Wäldern sucht. Wir haben es hier mit einer Art kleinem Rotkäppchen zu tun, das sich auf der Suche nach der Mutter im Wald verirrt. Das Kind selbst teilt sich uns über ein flüsterndes Voice-Over mit, was natürlich die Stimmung eines Geisterfilms noch bestärkt. Einst ging die Mutter in den Wald, erzählt sie, denn dort konnte sie frei sein. Doch eines Tages kam sie nicht wieder und zwar für immer. Dabei baut der Film eine mystische Erzählung über das Verschwinden auf, in der die Mutter selbst vielleicht ein Waldwesen, wenn nicht sogar eine Hexe als interpretiert werden kann.

Der Film gibt auf diese Frage, was die Mutter ist oder war, keine konkreten Antworten. Er bleibt komplett vage, gibt Andeutungen, bestätigt oder korrigiert sie. Wir können uns in dieses reizvolle Schauerstück fallen lassen. Nur der Einstieg, in der ein paar Kinder miteinander spielen, während unsere Protagonistin gedankenversunken und traurig abseits davon auf einem Baumstamm liegt, wird konkret. Dort fragen zwei Mädchen ihren Bruder Anton, ob seine Schwester ihre Mutter wirklich gefunden hätte? Dann deutet Anton an, dass sie tot aufgefunden hätte. Selbstmord (womit der Film eine interessante Verbindung mit seinem Vorgänger eingeht). Das macht der Film mit sehr deutlichen Mitteln und lässt Anton im folgenden auch eine Waffe auf seine Schwester richten, die Folgen davon werden später ebenfalls sehr konkret zu Tage treten wird.

Bei diesen Andeutungen belässt es der Film und beginnt eine Reise in die Untiefen des Waldes, in die sich seine Protagonistin vortastet. Das ist ein gespenstisches und effektvoll inszeniertes Werk, dessen Grusel ein schleichender und mysteriöser ist. Es ist ein hypnotisches Stück Kurzfilm, beinahe schlafwandlerisch und doch voller Gefahren. Der Film ist zwar still und ruhig, aber es brodelt in diesem Film. Etwas beobachtet die Protagonistin, die Kamera wird fast von geisterhafter Hand geführt. Ein schummriger Wind durchzieht den diesen Film, der sich Zeit für eindrückliche Beobachtungen des Waldes und seiner Details (z.B. Käfer) nimmt, dadurch bekommt der Wald einen eigenen Charakter, wird zu einem zweiten Protagonisten des Films. Wir nehmen an einer Odyssee durch ein verwunschenes Land teil. Die Kastanien beginnen sich zu bewegen, tiefer und tiefer dringen wir in den Wald, der mehr und mehr zum Leben zu erwachen scheint, ein Monster sein kann, das auch bereit ist, seine eigenen Kinder zu fressen.

Die Natur ist für Lasse Holdhus in diesem Fall nicht nur positiv konnotiert, der düstere Film ist fern von jeglicher Aussteigerromantik, die das deutsche Kino ziemlich oft in letzter Zeit zu zelebrieren scheint. Denn auch das Böse scheint in dieser Natur zu leben. Der Wald lebt und das, was lebt, so scheint der Film zu sagen, ist ambivalent, hat stets auch zwei Seiten. Man lässt sich gerne in diesen Film fallen, in dem uns der Wind in den Schlaf singt, so wie die Mutter das Kind, und wir von einem schaurigen Kurzfilmkino träumen dürfen, das auf den ersten Blick vielleicht wie eine Fingerübung für Lasse Holdhus darstellt, aber auch seinen visuell kraftvollsten Kurzfilm, ein verführerisch performatives Werk, das einen in seine geisterhafte Filmwelt saugt. Auch auf zahlreichen nationalen wie internationalen Festivals kam dieses kleine Schauerstück gut an und lief im nationalen Rahmen unter anderem beim achtung Berlin Film Festival, dem Goldenen Spatz in Landshut, beim Filmsalat in Verden und dem studentisch organisierten Filmfestival Sehsüchte der Filmuniversität Konrad Wolf.

Epilog

Langsam nähern wir uns dem vorzeitigen Abschluss von Lasse Holdhus bisheriger Filmographie und kommen zu seinen Filmen, die in wenigen Wochen oder Monaten etwa ihre Premiere oder gar ihre Fertigstellung feiern werden. Diese beiden kommenden Kurzfilme setzen das Prinzip von “Waldgeist” fort. Es sind nicht mehr so sehr figurenorientierte oder narrative Werke, wie es “Jüngling” und “Nachtfalter” waren, sondern setzen sich mit ihrer zentralen Idee auf einer gestalterischen Ebene auseinander. Diese Filme bauen auf einer Prämisse oder Idee und nutzen diese um zu spielen, denn für Lasse steht mittlerweile fest, dass der Kurzfilm nichts anderes sein kann als ein Spiel für eine kurze Dauer, dessen Grundlage die jeweilige Idee ist, die es für ihn auszureizen und von der Form her auszuprobieren gilt. In diesem Geiste stehen die folgenden Kurzfilme, bei denen sich Lasse von all dem Ballast seiner früheren Kurzfilme befreit und einfach bereit ist kreativ zu sein und Spaß dabei zu haben.

Moonjump [2019 | 5 Minuten]

Die Idee von Moonjump ist folglich schnell erzählt: Ein kleines Mädchen (Marlene Letezki) versteckt sich nachts in einem verlassenen Schwimmbad und macht sich auf, um wie eine Astronautin in ihrer Montur vom Elf-Meter-Turm zu springen, um für sich eine ähnliche Grenzerfahrung zu machen wie die Astronauten beim Start einer Rakete. Sie macht sich bereit für eine große Mutprobe, die der Film in betörenden Bildern wiedergibt. Lasse Holdhus erzählt wieder einen Initiationsritus, ein Ritual eines Übergangs, von dem Urmotiv des Coming-of-Age-Film. Das Mädchen hat den Traum, Astronautin zu sein. Ihr Blick geht zurück zu der Zeichnung von Buzz Aldrin, als sie sich auf ihren Weg begibt. Mit dieser weiblichen Figur als Astronautin gibt der Film den Zuschauerinnen ein weibliches Vorbild, an dem sie sich orientieren können. Somit scheint das Anliegen des Films auch emanzipatorisch zu sein, denn er setzt sich für neue Rollenbilder ein, auch ein Mädchen kann die Sterne erobern (was letztlich auch nur eine Metaphern für die Verwirklichung eigener Träume steht).

Der Film ist ähnlich wie “Waldgeist” ein Werk, dessen Rhythmus von Sound und Musik bestimmt wird. Sie saugen uns leise in diesen eindringlichen, kleinen Film, der uns auf dem Off die typischen Kommentare von Kommandozentrale zuspielt, um den Start vorzubereiten. Die Form bestimmt den Inhalt, aber der Film schafft es diese kleine Idee mit großen Augen und gespannter Neugier zu erzählen. Es ist ein schlichter Film, man könnte ihm vorwerfen, dass ein One-Trick-Pony wäre, der vor allem auf einen markanten Kameratrick im entscheidenden Moment abzielt, aber der Film lädt uns ein, ein Stück Magie zu spüren, wenn der Sprung ins Wasser folgt. In diesem Augenblick wird das Wasser zu einem Erlebnis wie im All, ein Moment der Stille und des Schwebens. Es liegt ein Zauber in diesem Film, in den wir abtauchen und uns für wenige Minuten fallen lassen können. Die Faszination für das, was er zeigt, ist dabei aufrichtig, von echtem Staunen geprägt. Man fühlt sich wie in einem Traum, aus dem wir am Ende erwachen. Über diesen Film kann man nicht viel schreiben, denn man muss ihn erleben und das kann man erstmals auf dem 31. Filmfest Dresden in diesem April.

Warten [2019 | 8 Minuten]

Mit diesem bis dato zuletzt von Lasse gemachten Kurzfilm in seiner Filmographie kommen wir wieder zurück zu dessen Anfängen. Ein Kreis schließt sich mit diesem Film. Lasse spielt in dieser Komödie wie in seinen anfänglichen Werken erneut die Hauptrolle. Der Film erscheint wie eine Spiegelung seines Kurzfilms “Lasse disses his Girl”, seinem Bewerbungsfilm an der dffb, dem nun eine neue Perspektive hinzugefügt wird. “Warten” ist das Porträt eines Verlierers, der uns in Unterwäsche mit Tigerkopf in der ersten Einstellung begrüßt und uns davon erzählt, dass er auf die Antwort einer Textnachricht wartet, die er an eine Frau geschrieben hat, die er auf einer Party kennengelernt hat. Sein Blick ist in die Kamera gerichtet.

Der Protagonist, der die einzige Figur des Kurzfilms bleiben wird, adressiert uns. Sie hat noch nicht zurückgeschrieben, das macht ihn nervös. Sie hat noch nicht geschrieben, obwohl sie sich doch so gut miteinander verstanden hätten. Er erzählt uns, was bisher passiert ist. Er kann nur noch an sie denken und vertreibt sich die Zeit bis sie zurückschreibt. In mancher Einstellung, in der Dusche, lässt auch “Oh Boy” grüßen. Dieser Kurzfilm fällt ein bisschen aus dem Korsett der letzten Werke von Lasse und ihrer visuellen Ansprüche. Es ist ein zurückhaltend beobachtetes und von statischen Tableaus dominiertes Stück Film, das aber erneut den Ansatz von Lasse, den Kurzfilm als auf einer Idee basierten Spiels zu nutzen, fortsetzt. Es ist ein illustres Nebenwerk in seinem Schaffen, eine Auszeit. Der Film wirkt entspannt, lässt uns nah an seinen Protagonisten und erzählt uns situativ eine kleine Geschichte über das Warten. Nicht das Warten auf Godot, sondern das Warten auf eine Textnachricht, die Lasse Holdhus mit reichlich kleinen skurrilen Ideen und Einfällen füllt, die diesen leichten Film sympathisch machen, dessen Witz auch oft zwischen den Zeilen liegt. Lasse Holdhus beschreibt mit diesem Film die Existenz eines Mid20ers als ein ironisches Porträt der sozialen Hilflosigkeit. Diese Figur kann nicht weiterleben, ehe sie Gewissheit. Ihr Leben steht still und wir dürfen Teil dieses Ausschnitts aus ihrem Alltag werden. Folglich erzählt uns Lasse da doch etwas sehr wahres über seine Generation, die hier im Blickpunkt dieser Coming-of-Age-Geschichte steht. Die vorliegende Rezension des Films bezieht sich auf dessen Rohschnittfassung.

Rückblick

Wir haben nun gesehen, dass die Kurzfilme von Lasse Holdhus sich immer weiter entwickelt haben, manchmal bezogen sie sich auf vorhergehende Filme, manchmal wählen sie neue und eigene Wege. Seine Filme sind stilistisch sehr verschieden, dennoch kann man abzeichnen, dass Lasse eine Vorliebe für die Inszenierung für Tableaus hat, aber auch für eine direkt Handkamera. Sein Schaffen bewegt sich stets zwischen diesen Extremen, in seinen letzten Filmen scheint er aber zur Ruhe gekommen zu sein und arrangiert die Bewegungen und Fahrten weicher und eleganter (das kann aber auch mit den höheren Budgets der Filme zu tun haben, dass nun Dollys und Kräne möglich sind).

Derzeit erfindet Lasse seine Art Filme zu machen immer wieder aufs neue und das macht sie reizvoll. Wir konnten bemerken, dass viele Filme thematische Ähnlichkeiten haben und wie es scheint auf viele Werk auch eine Spiegelung geben muss (“Lars & Esklids Night Out” und “Kreuzpinkeln” oder “Beschwerden” und “Nachtfalter”). Seine Filme sind wie ein Balanceakt, tänzeln auf einer schmalen Linie, die zerreißen kann und so drohen sie oft zu fallen. Man weiß nie so recht, was man für einen Film bekommt, wo er seine Haken schlägt. Diese Filme kann man nicht immer in einen Kasten stecken. In vielen von ihnen steckt ein (oft auch irritierender) Eigensinn, ein persönlicher Ausdruck, in dem – so scheint es – immer auch etwas aufeinanderprallen muss, der Homogenität entgegenläuft. Seine früheren Filme bilden Beziehungsfilme, kleine Dramen, wo Nuancen und Gefühle erforscht werden. Danach werden sie zu typisch narrativen Coming-of-Age-Filme, die aber liebevoll die verwirrende adoleszente Welt wiedergeben. Schließlich sind seine neueren Filme nun mehr audiovisuelle Erlebnisse oder auch Formfilme. Und gerade seine letzten beiden Filme zeigen, dass da jemand mich sich im Reinen ist. Es sind entspannte Fingerübungen, aber sie zu sehen, das bereitet Freude – jeder auf seine Art. Für Lasse steht fest, er will weiter Filme drehen und zwar noch viele. Auf einen Erfolg zielt er dabei nicht unbedingt bei der Wahl seiner Stoffe ab, denn seiner Meinung wäre Erfolg nur zufällig. Gerade er schreibt er mit einer Autorin an seinem ersten Langfilm. Man darf also weiter gespannt sein.

Zum Abschluss dieses Textes möchte ich noch einen weiteren neuen Baustein dieser Reihe etablieren, der ein Blick in die Zukunft von den jungen Filmschaffenden sein soll. In diesem Teil der Rubrik wird jeder Filmschaffende gefragt, von was für einem Kino er träumt und was seiner Meinung nach das Kino leisten kann. Die Frage ist bewusst vage und offen gehalten, um jeden Filmschaffenden den Raum für kluge Gedanken zu ermöglichen und somit seine persönliche Sicht auf das Kino darzulegen. Gewiss hier wird es oft philosophisch werden, aber umso schöner wird es sein in 20 Jahren auf diese Statements zurückzublicken und über diese Vergangenheit, unser Jetzt, zu reflektieren zu können. Lasses Statement zur Frage lautete wie folgt:

Von was für einem Kino träumst du? Was ist für dich das ideale Kino? Was wünschst du dir vom Kino?

“Ich wünsche mir eine Vielfalt von Stimmen und eine Breite von kreativen Ausdrücken. Ich wünsche mir, dass diese Vielfalt sein Publikum findet, und dafür glaube ich, brauchen wir einen transparenten und interaktiven Dialog zwischen Filmemacher*innen und Publikum. Ich glaube und ich hoffe, dass das Publikum Lust hat das Kino mitzugestalten, und dass die Filmemacher*innen etwas mehr aus ihren Löchern kommen und sich in der Gegenwart umgucken und umhören, und ihr Publikum wahrnehmen.”  – Lasse Holdhus

 

Die Filmographie:

Mambo nr.6, 2011

Lars and Eskilds Night Out, 2012

Lasse disses his girlfriend, 2012

Kreuzpinkeln, 2014

Beschwerden eines Jünglings, 2016

Waldgeist, 2017

Nachtfalter, 2018

Moonjump, 2019

Das Warten, 2019