Werkschau Nachwuchskurzfilm #1: Lotta Schwerk & Fion Mutert

Lesezeit: 14 Minuten

Eine Einführung, was man nun im kommenden erwarten darf: Diese Reihe, die ich programmatisch als “Werkschau Nachwuchskurzfilm” tituliere, hat sich dazu verpflichtet, den deutschen Kurzfilmnachwuchs zu fördern, ein Blick auf diejenigen zu werfen, die noch ganz am Anfang einer (möglichen) Karriere stehen. Denn zu wenig wird über diesen Nachwuchs geschrieben. Jetzt folgt die Offensive. Im Blickpunkt dieser Reihe sollen Kurzfilmarbeiten von jungen Filmschaffenden stehen, die ihre ersten oder zweiten Schritte, frei oder an einer Hochschule, wagen und bei denen ich eine Tendenz einer Handschrift erkenne. Es geht um nichts anderes als die Entdeckung von Auteur-Tendenzen innerhalb des Kurzfilms, der mir immer noch unterrepräsentiert ist und seine Verwertung allerhöchstens auf Kurzfilmfestivals findet. Über diese Filme und Filmemacher*innen wird spärlich, höchstens als oberflächlicher Stichpunktbericht beim Filmfestival, geschrieben, aber bis dato gibt es wenige, die sich in die Tiefen der Schaffenswerke der Künstler*innen wagen, um ihre persönliche Vision, die Vision du monde, durch ihre Filme hervor zu schälen. Ich möchte es demnach nicht anders halten als André Bazin, der einst schrieb:

“Die Politique des Auteurs besteht kurz gesagt darin, die persönlichen Faktoren in der künstlerischen Schöpfung als Bezugspunkt zu wählen und dann anzunehmen, dass dieser sich von einem zum nächsten fortsetzt oder sogar weiterentwickelt.”

Mich interessieren diese Erkenntnisse. Denn wer schreibt mit der Kamera wie ein Federhalter? Meine Aufgabe ist es mit dieser Reihe, Filmemacher*innen für interessierte Leser*innen zu begeistern, von denen ich selbst – durch Festivals – fasziniert oder gar begeistert war, in denen ich diesen persönlichen Bezug zur Welt in den Filmen erkennen konnte. Mir ist natürlich bewusst, dass die Auteurtheorie in der Filmwissenschaft heute als romantisierend und veraltet angesehen wird und ein Film immer auch ein Produkt verschiedener Faktoren und Menschen ist, die sich mit einbringen. Ich denke aber gerade im Nachwuchsfilm, der noch nicht von kommerziellen Gedanken infiziert ist, ist es ertragreich eine solche Reihe zu vollziehen, denn hier können die Filmemacher noch ganz bei sich und ihren Themen sein, eigene Stile entwickeln, sich ausprobieren, ohne Furcht zu haben, verschmäht zu werden. Zumindest in der Theorie. Dies soll auch kein filmwissenschaftlicher Aufsatz werden, sondern eine bunte Mixform aus Essay und Filmkritik mit vielen (angerissenen) Gedanken und Assoziationen, die mir gerade hinsichtlich der Filme entspringen.

Diese Reihe ist Work-in-Progress, immer bemüht zu ergänzen, neues zu finden, zu notieren und notfalls auch zu revidieren. Es ist ein komplett subjektiver Erfahrungsbericht, der Lob, aber auch Kritik aussprechen soll, wenn ich es für nötig halte. Niemand soll sich von mir angegriffen fühlen, ich gebe nur meine Meinung wieder. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen nur weil ich nicht über ihn schreibe. Manchmal wird es Zeit brauchen bis mich das Werk eines Filmschaffenden infiziert. Eine vollständige Aufarbeitung des Schaffens wird nicht immer das Ziel sein, vereinzelt werde ich mich Puzzlestücken oder besonders bemerkenswerten Werken widmen, in denen ich Verbindungen erkenne. Es gilt wie immer: Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich hoffe, ich habe jetzt keine falschen Erwartungen geweckt. Sehen Sie diese Reihe vielleicht auch einfach als Tagebuch, wo ich für mich interessantes notiere und markiere. Sie können sich davon nehmen, was sie wollen, verpflichtet sind Sie zu nichts. Nun, bleibt mir am Ende dieses Textes nur noch eines zu sagen: Viel Spaß. Und Amen!

Die Filme von Lotta Schwerk und Fion Mutert

Biographische Einordnung: Lotta Schwerk wurde am 30.11.1998 in Berlin geboren. 2012 lernte sie Fion Mutert in der Kinderjury der Berlinale kennen und seitdem machen die beiden zusammen Kurzfilme. 2016 absolvierten sie beide ihr Abitur in Berlin.

“Wir leben in einer Traumwelt und wenn wir erwachsen werden, werden wir dort rausgerissen.” 

Das ist der erste Satz, den wir in einem Lotta Schwerk und Fion Mutert Film vernehmen. Und es sind diese Worte, die sich durch ihr ganzes bisheriges Schaffen ziehen werden. Das erste Mal bin ich den Filmen von Lotta Schwerk (Regie) und Fion Mutert (Kamera) durch die Werkschau Jugendtheater im Theater unterm Dach begegnet, wo die Filme der beiden in einem Sonderprogramm liefen.

Schnell hatten mich ihre Filme infiziert. Denn ihre Filme zeigten für mich eine enorme Reife. Sie verweigerten (vielleicht nicht bewusst) den erzählerischen Konventionen und konnten dadurch eine eigene Sprache finden, die, wenn man den Vergleich unbedingt braucht, ein bisschen an die Frühwerke von Xavier Dolan und Sofia Coppola (Lick the Star) erinnern. Als Vorbild für ihre Filme diente zudem die norwegische Coming-of-Age-Serie “Skam”, die sich auch um die alltäglichen Probleme von Jugendlichen dreht. Lotta und Fion machen auch stets ausschnitthafte Filme aus dem Leben von Jugendlichen. Ihre Filme, wohl auch, weil sie selbst noch Jugendliche sind, stellen Coming-of-Age-Filme durch und durch dar. Es geht immer um das Heranwachsen ihrer Protagonisten und die Beschäftigung alltäglicher Nöte, die vielleicht für Erwachsene banal erscheinen mögen, aber für Jugendliche von großer Gewichtung sind. Ihre Filme, und das habe ich über die Zeit von vielen Leuten gehört, besitzen eine Freiheit, die sich viele junge Filmemacher*innen nicht trauen, weil sie Angst haben aus dem konventionellen Rahmen zu fallen. Sie trauen sich, Filme aus sich selbst heraus zu machen. Lotta und Fion intellektualisieren ihre Filme nicht übermäßig, es kommt einfach aus ihnen, diese Lust persönliche Lebensabschnitte in ihrer Jugend über den Kurzfilm wiederzugeben. Ihnen geht es mehr um das Persönliche denn um das perfekt Handwerkliche.

Folglich haben wir es bei ihren Filmen auch immer mit zeitgeistigen Generationsportäts zu tun, die bis dato weniger auf aktuelle Diskurse abzielen als denn auf eine emotionale Erfahrung, die geschildert wird. Die Diskurse werden höchstens am Rande gestreift oder sind tief in der Ideologie der Filme verankert, mit anderen Worten werden als selbstverständlich für die Filmschaffenden Lotta und Fion wahrgenommen (z.B. das Thema Homosexualität). Die beiden mögen auf den ersten Blick unscheinbar erscheinen, aber ihre Filme beweisen eine spannende künstlerische Ausdruckskraft, die intuitiv zu sein scheint. Ihre Filme haben schon früh zu sich selbst gefunden und so auch von selbst weiterentwickelt. Ihre Filme liefen bereits auf mehreren nationalen Nachwuchsfilmfestivals, u.a. regelmäßig dem FISH Festival in Rostock oder dem Bundes.Festival.Film. Ihr erfolgreichster Film in dieser Hinsicht ist “Was wir wissen”, der u.a. beim achtung berlin Film Festival als auch beim Interfilm Festival in Berlin zu sehen war und zahlreiche Preise gewinnen konnte. Aufgabe dieses Textes wird es sein, die Filme von Lotta und Fion zusammenzutragen und über die einzelnen Merkmale ihres Stils zu sprechen. Die Filme werden nacheinander rezensiert. Am Ende werde ich nochmal darauf zu sprechen kommen, was ihre Werke eint.

OKAY. [2014 | 4 Minuten]

Schon ihr erster Film gibt uns eine erste Ahnung, wohin ihre Reise hingehen wird. Den Rahmen bildet ein Gespräch über den Dächern Berlins zwischen einem Jungen (Jonas Medrow) und einem Mädchen (Emma Suthe), also einer Freundin und ihrem besten Freund. Es dämmert bereits. Es folgt ein assoziativer und farbenfroher Bilderreigen. Erinnerungsbilder werden aneinanderreiht. “Okay.” schildert die kurze Geschichte einer ersten Verliebtheit, die nicht erfüllt wird und hier über kleine Schnipsel prägnant verdichtet erzählt wird. Der Film funktioniert über seine Montage, deren Bilder von einer gefühlvollen, aber auch leichten und geschwinden Musik untermalt sind, die den Film antreibt. Die Montage ist das Herzstück des Films, vermischt vielleicht sogar Wirklichkeit und Traumbilder. Das alles bleibt offen, höchstens anskizziert. Viel erfahren wir nicht über diese Figuren, sehr viel aber über ihre Gefühle, ihren Status Quo. Da öffnet sich der Film für sein Publikum.

Denn es ist ein Film über das Gefühlschaos in der Pubertät, über Freude und Verwirrung, über die erste Liebe – zu einem Mädchen. Da ist jemand in das Leben von Merlinchen (Emma Suthe), der Protagonistin, getreten – ganz plötzlich, ohne Vorwarnung. Sie wohnt jetzt  auch im Haus. Es wird gemeinsam Schokoladenkuchen backen, während die Gefühle Achterbahn fahren. Es wird aber schnell klar, dass sie nicht Merlinchen liebt, sondern einen anderen Jungen. Immer wieder werden die gleichen Bilder abgespult. Die Gefühle spielen verrückt. Unsicherheit und Angst bestimmen das Seelenleben, aber es gibt Freunde, gute Freunde, die für einen da sind, die Mut machen, die mitkämpfen. Es ist okay, anders zu sein und auch mal als Mädchen ein Mädchen zu lieben. Es ist ein sehr schlichtes, aber liebenswert naives Erstlingswerk, das gerade einmal kaum mehr als 4 Minuten dauert, aber es schafft eine gewisse emotionale Nähe zu seinen Figuren aufzubauen, die nicht charakterisiert werden, sondern die wir einfach nur in einem Strom der Bilder miterleben. Man muss aufpassen, denn dieser Film ist schneller vorbei als man denkt. In etwa genauso wie unsere Kindheit. Lotta realisierte “Okay.” im Alter von etwa 15 Jahren.

Wichtig scheint es mir nichtsdestotrotz zu bemerken (und vielleicht auch als Ermutigung an andere junge Filmschaffende), dass der Film nach Angaben von Lotta und Fion in verschiedenen Interviews ursprünglich eine Gesamtlänge von etwa 20 Minuten hatte, mit der die beiden sehr unzufrieden waren. Zu diesem Zeitpunkt war der Film anscheinend wesentlich konventioneller erzählt. Es war nicht das, was sich die beiden vorgestellt hatten. Erst ein älterer Bekannter Fions, selbst Filmemacher, brachte ihn darauf, dass er den Film noch einmal neu schneiden, alles zusammen schmeißen und sie sich an keine Regeln halten sollte. Diese Idee scheinen die beiden – glücklicherweise – beherzigt zu haben und für ihre weiteren Filme konsequent fortgesetzt haben.

Wohin [2015 | 5 Minuten]

“Wohin” ist so etwas wie die Gegenthese zu ihrem vorherigen Werk. Nun geht es nicht mehr um die weibliche Perspektive, wie wir sie in “Okay” miterlebt haben, sondern um die eines Jungen, der wiederum in einen anderen Jungen verliebt ist, ihn interessiert anschaut und in ihm etwas besonderes sieht. Das schildert der Film zunächst einmal als vorsichtige Annäherung über Blicke. Ganz im Zeitgeist des aktuellen Coming-of-Age-Film, beginnt dieses Werk auch auf einer Party, wo sie sich das erste Mal sehen. Schnitt. Es ist ein bedächtig beobachtetes Werk, eine kurze, immer wieder durch Jump-Cuts unterbrochene,  Odyssee, durch das jugendliche Nachtleben: Party, Späti, Straße, alles ist hier drin. Es geht um Leo (Daniel Michailidis) und Tarik (Matthis Heinrich), ihre erste Annäherung, die zwischen den Zeilen verläuft. Es wird geraucht und getrunken. Man hängt gemeinsam in der Gruppe ab und chillt. Und es gibt ein Geheimnis, etwas, über das Tarik nicht reden will und der Film gegen Ende sehr konkret werden lässt: Tarik hat sich geoutet, wird von seinen ehemaligen Freunden als “Schwuchtel” gebrandmarkt und ausgeschlossen.

Der Zuschauer erlebt dies aber aus der Geschichte von Leo, der bewundernd zu diesem Jungen aufschaut. Der Film erzählt dies als Ausschnitt aus dem Leben eines Jugendlichen. Der Film ist konventioneller erzählt als sein Vorgänger, dennoch nicht weniger interessant. Hier beginnt sich das, was Lotta und Fions kommende Filme ausmachen wird, zu zementieren. Die Bilder sind anspruchsvoller geworden. Sie arbeiten mit natürlichem Licht, den Neonlichter der Geschäfte oder die der Straße, um die Figuren zu illuminieren. Diese Bilder geben dem Film etwas bodenständiges, realistisches, aber auch auf seine Weise etwas verzaubertes. Wir haben es hier nicht mit einem sozialrealistischen Blick zu tun, sondern etwas, das einen gewissen Zauber der Nacht einzufangen weiß, ohne, dass die Bilder das ausstellen. Es ist schlicht eine anziehende Nachtstimmung, die man über die Bilder mitbekommt und die vielleicht treffend für das Gefühl einer adoleszenten und abenteuerlichen (Party)-Nacht sind.

Es ist ein jugendlicher Blick, keine Sicht, die den jugendlichen Blick reflektiert. Die Filmemacher*innen sind auf einer Ebene mit ihren Figuren. Der Film lässt, was seine Geschichte und Figuren angeht, große Lücken und Leerstellen, die wir selbst füllen müssen. Das Werk erscheint wie ein Fragment, an dessen Ende man gemeinsam einsam unter den Lichtern der Großstadt sitzt. Der Film deutet nur an und erzählt nicht zu Ende, sondern endet vielmehr in der Mitte von etwas. Eine Konfrontation spart der Film bewusst aus. Es bleibt alles im Vagen und Verschwommenen. Das macht aber auch den Reiz des Films aus. Der Film erzählt von alten Freundschaften und neuen Feindschaften, von Homosexualität und vor allem über die Verlorenheit. Wie auch im Vorgänger endet der Film mit einem gemeinsamen Bild der beiden zentralen Figuren, die einander zu trösten scheinen. Nichtsdestotrotz wirkt dieser Kurzfilm bitterer bzw. tragischer als sein vermeintlich versöhnlicher Vorgänger. Denn die Nacht ist nicht vorbei, die jugendliche Suche (nach sich selbst) geht weiter.

Anmerkung: Zur Entstehungszeit des Films war Sebastians Schippers “Victoria” sehr populär. Auch wenn es hier keine Plansequenzen gibt, sondern der Film mit vielen Jump-Cuts arbeitet und dadurch eine verdichtete Form von 5 Minuten erreicht, erinnern die Bilder bisweilen an dessen Richtung. Außerdem beginnen Fion und Lotta mit diesem Film ein neues Bildformat, 6:5, für sich zu etablieren, was sie auch im Nachfolger wieder einsetzen werden. Der Bildausschnitt ist kleiner und beschränkter als 16:9, betont ein Gefühl von Isolation und Einsamkeit.

Was wir wissen [2017 | 13 Minuten]

Mit “Was wir wissen” kommen wir nun zum Zentrum des Schaffens von Lotta und Fion. Es ist der Film, der mich stets am meisten beeindruckt hat, weil sich ihre persönliche Vision von einem Film hier am ausdrucksstärksten zeigt. Es zeigt sich daran, worauf sie ihren Blick richten, was ihnen wichtig ist. Und dort gibt es viel zu entdecken. Es ist ein Beziehungsfilm, eine Dreiecksgeschichte von einem Mädchen (Zöe, Marie Tragousti) zwischen zwei Jungs, dem Verwegenen (Bruno, Fabian Dämmich) und dem Schüchternen (Tomke, Joshua Krüger). Der Film bildet ein Wechselspiel, eine stetige Neuanordnung seiner drei Figuren. Zöe driftet von einem zum anderen. Es ist ein Hin und Her. Einen Plot gibt es nicht. Der Film wird von einzelnen Momentaufnahmen zusammengehalten. Es ist ein offenes Werk, dominiert von einer belebten Handkamera und natürlichem Licht. Daraus entsteht ein Gefühl der Alltäglichkeit, denn es sind keine ausgefeilt strukturierten Szenen, die wir hier sehen, sondern Fragmente aus der Wirklichkeitsfiktion der Filmemacher. Die Szenen wirken wie Puzzlestücke, die wir selbst zusammenfügen müssen. Denn ein ganzes Bild bekommen wir in diesem Film nicht präsentiert. Wir bekommen kleine Ausschnitte aus dem Leben der Protagonistin, in denen wir viel Raum zum Entdecken und vielleicht auch zum Rätseln haben.

Um etwas aus diesem Film mitzunehmen, muss man ihn selbst weiterdenken und mit eigenen Erfahrungen und Erinnerungen füllen. Man könnte dem Film natürlich auch vorwerfen, dass er nur Oberfläche ist, dass man nicht an die Figuren herankommt. Denn bis auf die Protagonistin, die feministische Tendenzen innerhalb der Schule zeigt und dass sie griechische Wurzeln hat, erfährt man nicht viel über die Figuren. Es kommt einem wie ein Spiel mit dem Zuschauer vor, der sich in die Figuren projizieren kann, weil sie fast komplett offen bleiben. Der Film bildet Typen ab, die zwar durch die Darsteller ein eigenes und individuelles Gesicht bekommen, darüber hinaus erfahren wir nur zwischen den Zeilen etwas über sie. Nah sollen sie aber an den Realitäten der Darsteller sein, sagen die Filmemacher. Der Film ist auf Augenhöhe mit seinen Figuren, das heißt auch, dass die hier erstmals auftauchenden Lehrerfiguren (namentlich: Nicolai Tegeler als Physiklehrer) zu Karikaturen in diesem Stück, zum Spott der Schülerinnen und Schüler werden, denen diese Lehrerfigur nichts entgegen zu setzen hat. Das gilt aber nicht für alle Erwachsenen-Figuren, die Mutter der Protagonistin, wird hingegen mit Respekt behandelt. Der Film driftet inhaltlich zwischen Schule und Freiheit. Er besteht zum Großteil aus Spielen zwischen den Jugendlichen. Als Beispiel, wer kann mit den meisten Marshmallows im Mund noch Wörter artikulieren? Einer dieser originellen Momente, in der sie die Figuren einfach tun und sein lassen. Zwischen dem Spaß passiert dann die leise Annäherung. Es ist ein Film, der den Moment, den besonderen Augenblick zwischen seinen Figuren auslebt, zwischen ihnen pendelt.  Mit diesem Film erlebt man wieder ein losgelöstes Treibenlassen, den jugendlichen Geist einer Suche.

Wir befinden uns innerhalb einer erzählerischen Blase, die behutsam auf ihre Figuren blickt, aber auch die Außenwelt und die Probleme aus zuklammern scheint. Alles in diesem Film wirkt wie in einem Schwebezustand. Verschlossen und bisweilen chiffriert muten viele dieser Momente im Film an. Wenn man aber bereit ist, seine Augen für diese Welt zu öffnen, dann öffnet sich auch mit ihnen die Tür in die irreal-adoleszente Welt der Filmemacher, die mit einem eigenen Blick diese beweglich gefilmten Momentaufnahmen beleben. Und das macht meiner Meinung nach die Magie des Films aus. Wir können uns in diesen Film für einen Moment fallen lassen und am Ende daraus wieder erwachen, denn es geht anstatt um inhaltliche Tiefe mehr um die Wiedergabe eines Gefühls, dem Gefühl von jugendlicher Freiheit, dem Gefühl vom Hier und Jetzt. Es mag ein diffuses, aber nichtsdestotrotz reizvolles Werk sein.  

Ninja Motherfucking Destruction [2018 | 11 Minuten]

“Ninja Motherfucking Destruction” (freilich der sperrigste, aber auch originellste Titel der Beiden) stellt bis dato ihren letzten Kurzfilm dar*. Man kann nicht viel anderes sagen, als über die vorherigen Film. Dieses Mal geht es um weibliche Freundschaft und das sexuelle Erwachen der weiblichen Figuren. Ansonsten setzt sich das Muster der beiden konsequent fort: Fragmentarisches Erzählen, das nur Bruchstücke zum Vorschein bringt. Nur anreißt, nicht auserzählt und mit vielen Fragezeichen zurücklässt. Sie erzählen immer noch vom gleichen. Die Methode ist die gleiche. Die Stagnation hat eingesetzt. Es gibt eine bemerkenswerte Party-Montage, die zwei tanzende Körper von einem Jungen (Maximilian Mundt) und einem Mädchen (Merle von Mach) mit einer Überblendung auf eine Freundin (Emma Suthe) der Beiden kreuzt, was wohl als Symbol der Eifersucht zu deuten ist. Genauer als das wird der Film nicht. Wirklich interessieren tut dieser vermeintliche Konflikt dann auch nicht mehr. Denn es geht, und da wird der Film noch einmal interessant, um eine Mädchengang (Emma Suthe, Merle von Mach, Marie Tragousti), die zusammenfindet, ulkiges und intimes durchlebt.

Der Film zeichnet sich vor allem über seine Intimität und seine Selbstverständlichkeit zu seinen weiblichen Figuren aus, die er liebevoll und mit großer Nähe umarmt. Die Nähe, die der Film zwischen diesen anonymen Figuren erzeugt, ist stark. Beim Rest – und nun muss ich auch mal nach so viel Lob kritisch werden – setzt jetzt mittlerweile doch schon der Ermüdungseffekt ein. Es gibt nächtliches Treiben, Partys, Momente der Zweisam- oder Dreisamkeit. Aber das Prinzip der Filme beginnt sich hier erstmals tot zu laufen. Es fehlt etwas – zumindest für mich. Vielleicht ist es tatsächlich eine Entwicklung, ein Schritt nach vorne, der mir hier fehlt. “Was wir wissen” war der Höhepunkt ihrer Geschichten, nun hat man das Gefühl einer Wiederholung, die natürlich das vorhergehende variiert, aber der Funke sprang bei mir nicht mehr so über wie vorher.

Man sollte mich nicht falsch verstehen, auch dieser Film hat seinen Reiz und seine originellen Momentaufnahmen, aber am Ende blieb ich enttäuscht zurück. Zu lose schien mir das dieses Mal alles zu sein. Es besteht die Gefahr, dass die Filme von Lotta und Fion zu Enigmen werden, die man als Außenstehende nur schwer einschätzen/verstehen/lesen kann, sodass man sich zu den Themen durchraten muss. Vielleicht liegt es auch an mir. Aber erstmals wünschte ich mir, dass der Film eine mehr dramaturgische Linie ziehen würden, auf der ich mich bewegen könnte, denn dieser Film geht schon sehr stark ins sprunghafte Erzählen, das so viel auslässt, dass man sich mühsam etwas zusammenpuzzeln muss. Der Unterschied zwischen “Was wir wissen” und “Ninja” besteht wohl darin, dass der erste vor allem durch seine Klarheit lebte, die durch die kontrastierende Montage kam, die schnell eine Dreiecksgeschichte erahnen ließ. Hier ist die Struktur zwar geradliniger, aber man rätselt lange, wo der Film hin will, was nun sein eigentliches Thema ist. Da war “Was wir wissen” mehr auf den Punkt gebracht. Nichtsdestotrotz zementieren die Beiden hiermit weiterhin ihren Stil. Es ist ein typischer Lotta Schwerk und Fion Mutert Film. Vielleicht tatsächlich zu typisch, zu erwartbar.

*Zumindest abseits vom offiziellen Kanon, auf Vimeo veröffentlichten die Beiden noch zwei weitere Shorts, denen sie aber selbst eine große Relevanz absprechen und nur aus Spaß veröffentlichten, weshalb diese Werke auch hiervon ausgeklammert werden sollen. Auch diese Filme, schlichte Fingerübungen, lassen aber ihre Handschrift und ihren eigenwilligen Zugang zu ihren Geschichten erkennen.

Famous Last Words: 

Abschließend bleibt also zu bemerken, dass sich die Handschrift von Lotta und Fion vor allem durch die elliptische Schilderung von Momentaufnahmen ergibt. Ihre Filme sind Puzzlestücke, die man selbstständig zusammenfügen muss. Sie handeln von jugendlicher Suche und den Nöten ihrer Generation, ohne aber zu reflektieren und Resümee zu ziehen, sondern sie beschränken sich in ihren Filmen eher darauf, Stimmungen denn Erkenntnisse wiederzugeben. Ihre Filme sind Filme von Freunden unter Freunden und das merkt man, denn die Filme haben einen sehr persönlichen Charakter. Ihre Filme zeichnen sich durch kleine Beobachtungen aus. Die Figuren tun oder sagen Dinge, die organisch originell sind oder wie die Figuren etwas tun, ist originell, dadurch lässt sich ein genuiner Blick der beiden Filmschaffenden auf ihre Filmwelt erkennen. Ihre Filme bebildern die Seifenblase des jugendlichen Heranwachsen, einen provisorischen Schwebezustand. Sie müssen aufpassen, dass ihre Filme nicht beginnen still zu stehen, denn bis jetzt zeichneten sie sich stets durch ihre (vorwärts ausgerichtete) Bewegung aus. Spannend bleibt auch zu fragen, wann die jugendliche Blase erstmals platzt und die Figuren mit dem Erwachsenwerden, dem Leben nach der Schule, nachhaltig konfrontiert werden. Einen Blick ist das Schaffen von Lotta und Fion auf jeden Fall. Und man darf gespannt nach vorne blicken, was als nächstes von ihnen kommt.

Zum Abschluss ein Überblick über die Filmographie der Beiden:

Okay., 2014

Wohin, 2015

Was wir wissen, 2017

Ninja Motherfucking Destruction, 2018

Tolga, 2018 (https://vimeo.com/263607540)

Scheißruhm, 2018 (https://vimeo.com/296404680)