Uta Hörmeyer: “Den Spaß am Schreiben nie verlieren”

Lesezeit: 7 Minuten

Ein Stipendium für die renommierte Drehbuchwerkstatt München zu bekommen ist schwer. Uta Hörmeyer hat es geschafft und ist dabei nicht den geradlinigen Hochschulweg gegangen. Sie studierte an der größten selbstorganisierten Filmschule Europas, der Filmarche, danach war sie an der Skript Akademie. Mittlerweile hat sie Erfahrungen als Regisseurin, Drehbuchautorin, Regieassistentin und Produzentin gesammelt. Nach eigener Aussage muss sie trotzdem noch viel lernen und Kontakte knüpfen. Uns hat sie verraten, wie sie das macht. Außerdem befreit sie die Branche von ihrem romantischen Scheinbild und erklärt, warum sie einen Zweitjob außerhalb der Filmwelt sucht.

BEnow: Wir befinden uns gerade in der Staatsbibliothek Berlin, ein Ort an dem Du häufig arbeitest. Was genau machst Du hier?

Uta Hörmeyer: Ich bin fast jeden Tag hier um zu schreiben, es ist wie mein Büro. Danach brauche ich manchmal zwei bis drei Stunden um wieder runter zu kommen. Als wäre da ein Motor angeschmissen worden, ich stecke in meiner Welt und spinne weiter. Manchmal muss man es aber auch einfach ruhen lassen.

Uta Hörmeyers “Büro“: Die Berliner Staatsbibliothek
Uta Hörmeyers “Büro“: Die Berliner Staatsbibliothek

An welchen Projekten arbeitest Du aktuell?

Ich habe gerade mein Debüt-Projekt „Die Überflüssigen“ fertig geschrieben, das ist ein Near-Future-Science-Fiction-Ding. Dabei geht es um die absolute Verwertung des Menschen und die Frage, ob Widerstand in einem totalitären System möglich ist. Außerdem schreibe ich an einer Jugenddrama-Serie und es gibt eine Zusammenarbeit mit der Münchner Drehbuchautorin Marianna Ölmez. Wir kennen uns seit der Drehbuchwerkstatt und telefonieren jeden Freitag für zwei bis drei Stunden und sammeln Ideen.

Wie inspirierst Du Dich? Hast Du bestimmte Themenfelder, die Du wichtig findest?

Mich interessieren starke Frauenfiguren. Das Jugenddrama, an dem ich arbeite, handelt z.B. von vier jungen Ladies, die über YouTube berühmt werden wollen. Manchmal interessiert mich ein Phänomen, wie z.B. die vielen YouTuber_innen. Ich kann das nicht ganz verstehen, versuche es aber (schmunzelt). Das Thema Arbeit ist mir auch wichtig. Ich war selbst in prekären Lebenssituationen unterwegs und musste gucken, wie ich mir mein Schreiben finanziere. Ich schöpfe viel aus dem Alltag, viel von Leuten, die ich kennenlerne und spannend finde. Sie fließen dann in meine Figuren ein.

Die Momente, dass man die Chance hat jemanden zu überzeugen, kommen wirklich.

Viele haben ein sehr romantisches Bild des Drehbuch schreibens: Mit einer dampfenden Tasse Tee am Fenster sitzen, hinaus schauen und inspiriert schreiben. Wie ist es wirklich?

Selbst wenn du Deinen ersten oder zweiten Film gemacht hast, heißt das nicht, dass es immer weiter geht. Erfahrene Autoren_innen sagen, dass es keinen Garanten gibt – bis auf ein paar Ausnahmen natürlich. Der Rest muss kämpfen. Im Studium wurde gesagt, man sollte schon bevor man sich der Produktionswelt zuwendet, seine 30-40 Exposés fertig haben. Doch mir fehlte die Routine und es war schwer, die Ideen präzise zu formulieren. Ein ganz wichtiger Punkt sind gute Log Lines (Anm. d. Red.: wenige Sätze, die eine Geschichte anreißen und neugierig machen sollen). Die Momente, dass man die Chance hat jemanden zu überzeugen, kommen wirklich. Ich war auf Filmfesten, wo man Produzenten_innen vorgestellt wird. Wenn man seine Idee pitchen kann, bitten sie vielleicht darum, ihnen das eigene Exposé zu schicken. Netzwerken ist das A und O.

Fühlt sich die Branche eher klein oder groß an? Der Vorteil an einer kleinen Branche wäre, dass es leichter ist, zu bestehen, weil du fast jeden kennst. Ist sie groß, wäre es leichter, Fuß zu fassen, aber schwerer sich zu halten.

Für mich fühlt sich die Branche im Moment groß an, weil ich letztes Jahr in München war und jetzt in Berlin wieder so viele neue Menschen kennenlerne. Es gibt Vernetzungen, aber trotzdem ist Berlin noch mal anders. Es besteht die Gefahr, dass du untergehst. Jedes Jahr kommen durch die Hochschulen wieder fähige Leute auf den Markt. Momentan wollen z.B. viele Leute Serien machen, es gibt einen richtigen Boom, aber de facto wenige Auswertungsplätze. Es gibt nicht viele Sender, die eigene Serien produzieren. Das Verhältnis zwischen Leuten, die schreiben wollen und den Umsetzungsmöglichkeiten stimmt nicht.

Uta Hörmeyers Traum ist es, eigene Filme zu produzieren
Uta Hörmeyers Traum ist es, eigene Filme zu produzieren

Was auch eine Geldfrage ist. Welche Rolle spielen Streamingdienste für Dich?

Ich persönlich schaue nur online und weiß nicht, wann ich das letzte Mal vor dem Fernseher saß. Das ist nicht mehr unsere Generation, wir schauen anders. Auch Als Drehbuchautorin habe ich Streamingdienste im Auge. Allein die Entscheidung, ob du für Pay- oder Free-TV produzierst ist relevant, wenn du mit deinem Konzept beginnst, um zu wissen wie gewaltvoll es sein darf, welche Rolle Sex spielt, wie komplex die Geschichte ist und so weiter. Aber die wenigen deutschen Serien, die für Streamingdienste gedreht wurden, sind sehr teure Produktionen von bekannten Filmemachern_innen und Autoren_innen. Der Markt mag sich öffnen und verändern, deshalb schreibe ich Konzepte und habe Ideen parat, aber ich gehe nicht ans Eingemachte, bevor ich nicht Geld dafür bekomme.

Du hast auch als Regieassistenz gearbeitet, produziert, selbst Regie geführt. Bist Du so breit aufgestellt, um Dich vor den Unsicherheiten der Branche zu schützen?

Meine Priorität ist das Schreiben und mein Traum wäre es, alle zwei Jahre einen eigenen Film zu machen und Regie zu führen. Wenn ich momentan eigene Filme mache, buttere ich da viel rein und verdiene nicht genug, um mich über Wasser zu halten. Am Set als Regieassistenz zu arbeiten ist anstrengend. Das sind schnell Zwölf-Stunden-Tage und ich brauche dann erst mal eine Pause. Früher oder später werde ich mir eine halbe Stelle suchen müssen, um ein regelmäßiges Einkommen zu haben.

„Bücher inspirieren mich“ Uta Hörmeyer in der Staatsbibliothek Berlin
„Bücher inspirieren mich“: Uta Hörmeyer in der Staatsbibliothek Berlin

Siehst du einen Zwiespalt zwischen Dir als Dienstleisterin und den Projekten, die Herzenssache sind?

Auf jeden Fall, aber ich mag die Atmosphäre am Set: wie in einem Flow. Es muss nicht mein Herzensprojekt sein, wenn das Team cool ist und ich etwas lernen kann, habe ich auch schon gewonnen. Momentan stehe ich an einer Umbruchstelle und habe die Überlegung, in einem Zweitjob etwas ganz anderes zu machen. Ich würde gerne in einer Bücherei oder Bibliothek anfangen. Ich umgebe mich wahnsinnig gerne mit Büchern, sie inspirieren mich.

Würdest Du sagen, es ist schwerer als Frau in der Branche Fuß zu fassen?

Männer haben ihr Regiedebüt oft mit Ende 20, Anfang 30, Frauen eher mit Ende 30, Anfang 40. Es gibt viele Absolventinnen in den Regie- und Drehbuchjahrgängen, aber die Zahl derer, die sich im Markt etablieren, ist verschwindend gering. In den technischen Departments ist es ähnlich, ich glaube, dass es zu viele Vorurteile Frauen gegenüber gibt, die schwere Technik, Durchsetzungsvermögen oder ihre Größe “betreffend”. Und häufig sind es Frauen, die sich eine längere Auszeit nehmen, wenn sie sich für Kinder entscheiden. Die Filmbranche ist noch immer eine Männerdomäne und umso mehr Geld im Spiel ist, umso mehr wird überwiegend männlich besetzt. Aber jenseits vom Geschlecht, man muss von der eigenen Idee zu 150 Prozent überzeugt sein oder zumindest so auftreten.

Du hast an dem Filmarche e.V. Regie studiert, bist zur Skript Akademie und dann mit einem Stipendium an die Drehbuchwerkstatt München gegangen? Was hast Du aus dieser Zeit alles mitnehmen können?

An der Filmarche habe ich die Einstellung mitgenommen, wenn du was machen willst, musst du es selber machen. Dabei darf man sich nicht kaputt machen, schon im Kurzfilmbereich. Man hört immer digital ist alles möglich, es kostet nichts mehr – das stimmt nur bedingt.

An der Skript Akademie habe ich den Spaß am Schreiben wiederentdeckt und die dramaturgischen Grundlagen vertieft. Hier habe ich den Einstieg gewonnen, auch über die wohlwollende, freundliche und unterstützende Atmosphäre. In der Drehbuchwerkstatt habe ich gelernt, unter Druck zu schreiben. Jeder von uns zehn Stipendiaten_innen hatte einen Mentor_in, der oder die aus der Produktionslandschaft kam oder Autor_in war und alle zwei Monate wurde unser Stoff von allen Mentoren_innen besprochen. Du hast also von zehn Leuten Feedback bekommen und das war nicht ohne.

Uta Hörmeyer beim Filmfest München (Foto: Rubin B. Pisarek)
Uta Hörmeyer beim Filmfest München (Foto: Rubin B. Pisarek)

Wie unterschiedlich ist das Feedback ausgefallen?

Total! Zu lernen, wie wichtig der Geschmack in der Rezeptionsweise ist und wie unterschiedlich er ausfällt, war wichtig. Es ist schwer als Feedback-Geber_in seinen eigenen Geschmack zurück zu stellen und die Person und ihre Vision nicht zu vergessen. Das ist wirklich eine Kunst!

Kannst Du gut mit Kritik umgehen?

Früher hätte ich gesagt: Auf jeden Fall! Aber es ist unterschiedlich. Kritik ist wichtig, sie sollte nur konstruktiv bleiben. Fange mit Wohlwollendem an und bedenke, dass da Herzblut von deinem Gegenüber drinsteckt. Als Autor_in gibst du viel Preis, machst dich angreifbar. Ich kann Kritik gut annehmen, wenn jemand mir respektvoll gegenüber tritt. Merke ich, jemand will seinen Frust auslassen, z.B. weil ihn der Text geärgert hat, mache ich schnell dicht.

Welche Ziele und Wünsche hast Du für die Zukunft?

Ich würde gerne langfristig Geld mir dem Schreiben verdienen und meine eigenen Filme produzieren. Ich möchte mehr Erfahrung sammeln und mich selbstbewusster bewegen und den Spaß am Schreiben nie verlieren.

Vielen Dank für das Gespräch!