Ein Graffiti-Künstler erzählt: Das ist der Kick beim Sprayen

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Was treibt Graffiti-Künstler an? Wie kommt man zum Sprayen und wo setzt man sich selbst Grenzen? Wir haben einen Sprayer aus Berlin gefragt, der anonym bleiben möchte.

Wer ist dein Vorbild?

“Moses, ursprünglich aus Hannover. Aus Berlin sind Monte und Berlin Kidz, aber das sind dann schon wieder ganze Gruppen. Monte ist ein Typ, der vor grob zwanzig Jahren extrem viel Westberlin zerstört hat. Man muss einfach mal S-Bahn fahren und die Dächer und Vorsprünge von irgendwelchen Häusern, die nicht die gleiche Höhe haben, ansehen. Da wirst du entweder Monte oder 75 sehen.

Und die 75 Gang ist halt so das, was er auch gemalt hat. Und das find ich einfach krass, die alten Pieces zu sehen, wie sie seit zehn, zwanzig Jahren ihren Platz in der Stadt haben. Ja, Monte ist mein Vorbild, weil er seine eigenen Spots hat. Moses, weil ich seinen Style feiere und Berlin Kidz, weil sie Pichação nach Deutschland gebracht haben. Pichação ist ein südamerikanischer Style, bei dem die Schrift verschnörkelt an Heavy Metal angelehnt ist.

Meine Vorbilder sind im Prinzip nur die Leute, die man nicht übersehen kann. Ich habe dann Respekt vor der Arbeit, weil ich einschätzen kann, wie viel Zeit und Planung da reinfließt.”

Was bricht deiner Meinung nach einen moralischen Ehrenkodex, wenn es das überhaupt gibt?

“Es bricht einmal einen gesellschaftlichen Kodex, weil man teilweise privates Eigentum beschädigt, wenn man so will. Aber ich finde, wenn man etwas anmalt und dabei die Funktion überhaupt nicht verändert, dann ist es eigentlich gar kein Problem daran zu malen. Innerhalb der Szene gibt es eine gewisse Staffel. Zum Beispiel ist ein Tag die niedrigste Form von Graffiti. Einfach nur ein Wort in Linien, wie man es auch mit einem Stift schreiben könnte.

Ein Throw-Up ist eine simple Form von einem Graffiti, bei dem vielleicht zwei Farben benutzt werden. In erster Linie geht es um den Schriftzug und nicht so sehr um den Effekt oder den Style. Die nächste Entwicklung ist ein Bombing. Das ist auch vereinfacht, mit drei, vier Farben, füllt aber schon mehr Fläche und ist etwas komplexer.

Die meisten Sachen, die an Zügen sind, sind solche Bombings. Die besseren Sachen würde man dann als Piece bezeichnen. Ein Piece sind nicht nur Buchstaben, sondern auch Background und man hat nicht nur zwei, drei Farben, sondern auch durch Abstufungen von Farbtönen kommt es zu ein bisschen Tiefe und zu Effekten.

Die einzige Steigerung von einem Piece wäre dann, was man auf Englisch Mural nennen würde. Irgendwie eine komplette Brandschutzwand, wie man das in Berlin ja auch oft findet und meistens nicht illegal, sondern geplant und mit Gerüsten und Erlaubnis. Und das ist dann so die Endstufe, auf der es um Qualität und Kunst, wie es von der breiteren Masse verstanden wird, geht und nicht so sehr um Zerstörung. Wichtigste Regel: Was Höherstehendes darf über das Niedrigere gemalt werden, aber nicht andersherum.”

Wie bist du darauf gekommen?

“Angefangen hat es so, als ich 13 war, also vor zwölf Jahren. Das ist schon quasi die Hälfte meines Lebens. Da bin ich auf die Oberschule gekommen und war dann in einer neuen Klasse und hab auf einmal ganz viele neue Leute kennengelernt. Und einer von denen, mit dem ich dann über die ganze Oberschule hinweg befreundet war, hat damals im Unterricht immer gezeichnet.

Wahrscheinlich hatte ich allgemein auch ein Auge dafür entwickelt, weil das in Berlin auch so präsent ist, dass man als neugieriger Mensch das irgendwann hinterfragt: Wie kommt es überhaupt dazu, dass hier alles so vollgemalt ist? Das ist ja schon beachtlich, von der Menge her. Und in dem jugendlichen Alter fängt man vielleicht auch an, eigenständig zu denken.

Auf jeden Fall habe ich das bei dem gesehen und das hat mich begeistert und dann habe ich am Rand des Blattes – oder wo immer auch noch Platz war – irgendwelche Buchstaben gezeichnet. Dafür muss man auch nicht besonders kreativ sein, aber man kann sich das ausdenken, man ist frei.”

Was ist etwas, das du selbst nie machen würdest?

“Mich selber offensichtlich in Lebensgefahr begeben. Also ich meine – ein bisschen Gefahr ist ja beim Sprayen immer dabei. Aber wenn man dabei versucht, sein Umfeld im Blick zu haben, dann ist es sogar okay, wenn man ein bisschen Gefahr in Kauf nimmt. Aber Hausfriedensbruch oder irgendwo drüber klettern, wo man runterfallen kann, sowas würde ich nie machen. Weil es das einfach nicht wert ist. Kein Spot, kein potenzielles gutes Gefühl sollte man gegen potenziell körperliche Schäden irgendwie eintauschen wollen. Das ist dann irgendwie zu selbstzerstörerisch.

Der Thrill ist wie harte Drogen nehmen für andere, zum Beispiel. Ich habe in letzter Zeit eher drüber nachgedacht, warum malt man überhaupt Graffiti. Womit könnte ich das vergleichen? Ich selber nehme keine harten Drogen, ich kiffe nur und trinke ab und zu ein Bier, ansonsten habe ich noch nie irgendwie Koks oder sowas genommen. Aber, die Leute, die sowas schon genommen haben, erzählen mir von so einem kurzen Moment, wo man sich richtig krass zufrieden und richtig krass mächtig fühlt.

Aber malen ist für mich von der Wirkung her wahrscheinlich wie für andere die Drogenwirkung. Weil ich mich in dem Moment und kurz davor und kurz danach auf jeden Fall auch in so einem Sonderzustand befinde, in dem ich mich jetzt nicht mächtig, sondern eher sehr intensiv fühle. Dann kommt man in so einen richtig krassen Modus. Wenn man dann anfängt zu malen, wo es dann darum geht, gut und schnell zu sein und nicht gesehen zu werden und diese Angst, erwischt zu werden, aber auch dieser außergewöhnliche Moment, wo man auf alles scheißt, ist vielleicht vergleichbar mit dem Rausch durch eine krasse Droge.

In dem Moment denke ich auf keinen Fall an Uni oder meine Ex-Freundin. Dann denke ich nur noch an den Moment, in dem ich mich gerade befinde. Und ich denke, die meisten Leute, wenn sie morgens aufstehen, sind nie in solchen Momenten, sondern putzen sich die Zähne oder essen Toast, aber sie denken die ganze Zeit über andere Sachen nach. Was sie machen wollen, was sie noch nicht gemacht haben. Sie regeln ihren Alltag im Kopf. Und dieses Graffiti ist halt so weit von diesem Alltag entfernt.”

Bereust du etwas im Bezug auf das Sprayen?

“Also, ich bin erst so seit einem guten Jahr wieder aktiv. Ich habe immer wieder Pause gemacht. Was ich höchstens bereue ist, dass ich nicht früher wieder damit angefangen habe.”