Nachgefragt: Eric Hegmann über Online Dating heute

Online Dating
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Eric Hegmann, Paarberater, Single- und Parship-Coach, Autor, Chefredakteuer beziehungsweise-magazin.de, arbeitet seit über 25 Jahren für Online Medien und hat Dating-Angebote selbst mitentwickelt. Nun spricht der Experte für Dating- und Beziehungsangelegenheiten mit BEnow über Online Dating heute.

BEnow: Was halten Sie von Online-Dating?

Eric Hegmann: „Online Dating bietet die einmalige Chance, außerhalb des persönlichen Trampelpfades von Freundeskreis, Arbeitsplatz oder Ausbildung und Freizeit, Kontakte mit Menschen zu knüpfen, denen man sonst nie begegnet wäre. Wir sind heute bald 24/7 online, es wäre ein Trauerspiel, würden wir dort, wo wir uns aufhalten, nicht auch Liebe finden können.“

Wie, würden Sie sagen, hat sich Online Dating zeitlich gesehen entwickelt?

Eric Hegmann: „Aus dem CB Simulator bei Compuserve, einer reinen Chatroom-Anwendung entwickelte sich eine Art Kleinanzeigen und Kontaktanzeigen-Markt bis hin heute zu mit Algorithmen gesteuerten Partnervorschlägen. Und gerade als alle über Datamining sprachen und sich fragten, wann denn Google Partnervorschläge anbieten wird, was gewiss eine höchst interessante Sache wäre, kommt Tinder als heterosexuelles Me Too-Produkt der schwulen App Grindr auf den Markt und reduziert die Matching-Daten auf das absolute Minimum und ist ungeheuer erfolgreich damit. Es kommt immer anders als man vermutet. Ich bin sehr gespannt, wohin sich der Markt zwischen Wearables, Geo-Daten und VR-Räumen hin entwickeln wird.“

War es damals beliebt oder misstrauten die Leute der “neuen” Methode der Partnersuche eher? War es vielleicht doch ganz anders?

Eric Hegmann: „Heute kennt jeder mindestens ein Paar, meist sogar deutlich mehr Paare, die sich online kennengelernt haben. Vor 20 Jahren war das eine Nachrichtenmeldung wert. Was den persönlichen Blick darauf betrifft: Es wird immer Menschen geben, die Innovationen als Chance und welche, die sie als bedrohlich erleben. Und beide Seiten haben Recht. Es kommt darauf an, was der Einzelne daraus macht. Ghosting, Benching, Breadcrumbing und wie die vielen Kunstbegriffe heute für schlechtes Benehmen in der Kennenlernphase heißen mögen, gab es schon immer. Spannender wird sein, ob die Romantisierung der Liebesbeziehung, die es ja erst seit knapp 200 Jahren überhaupt gibt, weiter voranschreiten wird oder ob es eine Renaissance der Vernunftehe geben wird. Um es ganz deutlich zu sagen: es gibt so viele Singles, weil die Anforderungen an Partner und Beziehungen schwer erfüllbar und unrealistisch geworden sind. Über die Hälfte der Tinder-Mitglieder leben in Partnerschaften. Ist das die Schuld des Mediums Internet?“

Wie, denken Sie, wird sich Online-Dating im Zuge der Modernisierung verändern?

Eric Hegmann: „Die Grenzen zwischen online und offline haben sich bereits stark vermischt und dies wird weitergehen. Die Freundschaftsanfrage bei Facebook vom Freund eines Freundes oder wenn sich ein Chat oder ein Gespräch aus einem Posting bei Instagram entwickelt: Ist das bereits Online Dating? Das muss jeder für sich definieren. Die Kontaktaufnahme und die Partnersuche über das Internet ist jedenfalls da und geht auch nicht wieder weg.“

Eric Hegmann
Eric Hegmann hat Dating-Angebote mitentwickelt (Foto: Kathrin Stahl)

Worin sehen Sie die Gefahren bei der Partnersuche im Netz?

Eric Hegmann: „Liebe lässt sich überall finden, aber nicht überall ist es gleich wahrscheinlich. Manche Singles erkennen die großen Unterschiede zwischen einzelnen Angeboten nicht und fischen im falschen Teich. Die Anzahl der Anbieter heute ist unübersichtlich groß und nicht sofort wird klar, ist dies nun für Singles, die eine Beziehung suchen, für Menschen in Beziehung, die eine Affäre wünschen oder ein Kennenlern-Portal für Menschen in einem ganz anderen Alter als man selbst. Die größte Gefahr ist für viele Singles wohl die Enttäuschung der Erwartungen. Das fängt beim Anbieter an und geht über die möglichen Kontaktanfragen bis zu den ersten Treffen. Diese Angst scheint mir auch immer größer zu werden. Manche Singles berichten in der Beratung über Körbe wie über traumatische Erfahrungen.“

Wie hoch schätzen Sie die Erfolgschancen vom Online-Dating ein und was kann die Erfolgschancen erhöhen?

Eric Hegmann: „Nicht das Medium bestimmt die Erfolgsquote, sondern der Single durch seine Persönlichkeit und seine Aktivität.“

Welche Alternativen zum Online-Dating würden Sie empfehlen?

Eric Hegmann: „Das ist individuell verschieden. So wie nicht jedes Angebot für jeden Single passt, ist nicht jede Strategie der Partnersuche für jeden gleich geeignet. Ausprobieren und mutig sein.Wieder mehr lächeln, freundlich und neugierig auf andere Menschen zugehen. Immer noch ist der Freundeskreis der beste Kuppler, denn Freunde von Freunden liegen vermutlich mit uns auf einer ähnlichen Wellenlänge.“

Können Sie allgemeine Tipps für Singles, die online oder “draußen” auf Partnersuche sind, formulieren und wenn ja, welche wären das?

Eric Hegmann: „Ich wundere mich, eine solche Frage heute zu erhalten, vor 15 Jahren war sie üblich, doch weshalb sollten offline Partner attraktiver oder unattraktiver sein als online? Denn darum geht es doch bei der Partnersuche: Einen Menschen finden, der mich mit meinen Stärken und Schwächen annehmen mag, mit dem ich gerne und hoffentlich auch lange in der Zukunft viel Zeit verbringen möchte, mit dem sich eine Partnerschaft auf Augenhöhe entwickeln lässt. Unabhängig ob online oder offline gilt deshalb: Seien Sie selbst die liebenswürdige Person, die Sie sich zum Partner wünschen.“

Eine bessere Strategie auch das Leben selbst und die Liebe zu meistern, gibt es wohl nicht. Daher können wir uns zukünftig auf weitere Fortschritte in Dingen Partnersuche und Dating freuen oder greifen eben auf die inzwischen herkömmlichen Möglichkeiten wie das nette Café nebenan, diverse Apps wie das genannte Tinder oder auch Facebook und Skype zurück. Egal welche Methode nun bevorzugt wird: Menschen lernt man sowohl online als auch offline kennen.