Kommentar: Ein „historisch“ zu viel!

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Wenn massentaugliche Sportevents den richtigen Zeitpunkt bieten … für geschichtsträchtige Vereinnahmung, korrupte Sport-Funktionäre, politisches Image-Polishing für Dummies, falsches Heldentum und schwachsinnige Berichterstattung.

Bekanntlich war der 12. Juni 2018 ein historischer Tag. Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un hat sich bei seinem Gipfeltreffen mit US-Präsident Donald Trump zur „vollständigen Denuklearisierung“ der koreanischen Halbinsel verpflichtet. Entsprechende Aussagen enthält ein Dokument, das Kim und Trump zum Abschluss ihres Treffens in Singapur unterzeichnet haben. Dieses Treffen hat einen Nährboden: Die Olympischen Winterspiele 2018 in Südkorea. Dort zogen zuvor die Sportler von Süd- und Nordkorea unter einer gemeinsamen Flagge ins Stadion ein, und auf der Tribüne kam es zwischen Kim Yo Jong, der Schwester des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un, und Südkorea-Präsident Moon Jae-in zu einer ebenso historischen Begegnung, denn Kim Yo Jong ist das erste Mitglied der Kim-Dynastie, das Südkorea seit dem Waffenstillstand von 1953 besuchte. Der Olympische Gedanke, im friedlichen Wettstreit über alle Grenzpfähle hinweg um Verständnis zu werben, wurde insbesondere vom südkoreanischen Präsidenten mit Realität gefüllt. Nordkorea verstand es indes klug, sein Image gehörig aufzupolieren.

Doch leider steht dies im krassen Gegensatz zu jenen Ereignissen, die den Olympischen Geist in letzter Zeit eher verraten haben. Denn spätestens die ARD-Dokumentation “Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht” bringt 2014 einen Skandal ins Rollen. Die Indizien für ein staatlich gestütztes Dopingsystems in Russland verstärken sich. Ins Visier geriet auch Lamine Diack, der damals scheidende Präsident des Leichtathletik-Weltverbands IAAF. Er soll gegen Bezahlung die Vertuschung von positiven Dopingtests veranlasst haben. Der Skandal weitet sich nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi derart aus, dass Russlands Sportler nur ausgesucht und unter neutraler Flagge an den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang teilnehmen durften. Es mutet ein wenig bizzar an, dass zwei Gesichter des politisierten Megasportevents Olympia sich hier gleichzeitig offenbaren.

Apropos Russland: Schlimmer noch scheint es um das andere, weltweit größte Sportevent zu stehen: Die Fußball-WM. Nach der unter skandalösen Umständen erfolgten WM-Vergabe an Russland hat die Fifa zuletzt ihr Vergabeverfahren geändert und lässt künftig alle 211 Mitgliedsländer über eine WM-Ausrichtung abstimmen. Beim Votum für Russland (und Katar) waren nur die 24 Mitglieder des früheren Exekutivkomitees stimmberechtigt – doch weil es bei deren Abstimmung vermeintlich unsauber zugegangen sein soll, setzt man hier wieder mehr auf Fairplay. Die Fußball-WM findet trotz fragwürdiger Stimmabgaben und vorangehenden Ausschluss russischer Athleten von den Olympischen Spielen wegen Staatsdopings in Russland statt. Verstöße gegen Menschenrechte und die Milliarden schweren Wettgeschäfte verstärken noch den Beigeschmack mafiöser Korruption. Aber das WM-Fieber ist so schön! Moskau kommt medial als großartige, weltoffene und junge Metropole daher, dass lassen wir uns und die Russen sich mit ihren Image-Polishing doch nicht durch die paar Kleinigkeiten verderben. Besser kann Realsatire aber auch nicht sein. Oder wie es Hajo Schumancher kürzlich schrieb: „Im Schatten der globalen Inszenierung verschwinden die Realitätsreste.“ Der in Russland zu zwanzig Jahren Haft verurteilte ukrainische Regisseur Oleg Senzow ist wohl nicht ganz zufällig kurz vor dem WM-Start in einen Hungerstreik getreten. Er will so lange hungern, bis 63 ukrainische politische Gefangene in Russland freigelassen werden. Vor vier Jahren wurde Senzow auf der annektierten ukrainischen Halbinsel Krim von russischen Behörden festgenommen und später wegen “Terrorismus” zu 20 Jahren Gulag-Haft verurteilt. Er hatte seine Stimme gegen Putins Krim-Annexion erhoben. Aber vergessen wir solche Kleinigkeiten.

Apropos Katar 2022: Wussten Sie, dass es dort im Sommer sehr heiß werden könnte? Und zwar so heiß, dass Fußballspielen nicht möglich ist, ohne den Hitzetod der Spieler zu riskieren? Nun, sie vielleicht schon, aber die Fifa-Fünktionäre scheinbar nicht. Oder deren Verstand war vernebelt von den Aussichten auf Big-Business. Nu ja, da muss wohl noch umgeplant werden, was bei manchen Fußball-Ligen nicht gut ankommen wird. Das Endspiel der WM hier bei uns dann kurz vor Heilig-Abend? Beim Public Viewing droht Unterkühlung. Aber das ist eigentlich nicht das Schlimmste. Zwischen Saudi-Arabien und Katar war es zuletzt zu Konflikten gekommen. Neben Saudi-Arabien haben auch die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten Wirtschaftsblockaden über Katar verhängt und es somit isoliert. Aus dem Umfeld des saudi-arabischen Sport-Minister Turki Al-Sheikh ist jetzt zu hören, dass Katar der Entzug der Weltmeisterschaft 2022 drohe. Laut Informationen aus Saudi-Arabien wird die Fifa im Spätsommer eine entsprechende Entscheidung verkünden. England oder die USA könnten im Falle des Falles stattdessen als Ausrichter einspringen. USA? Isolieren die sich nicht gerade durch Handelskriege und „America first“ oder irgendwelche Tweeds? Und England? Könnten die sich das bei all den Brexit-Turbulenzen überhaupt noch leisten? Oder brauchen die das erst recht. Sie wissen schon … Image-Polishing und so. Das Unterkühlungs-Problem beim Public-Viewing hätte sich aber so oder so erledigt.

Apropos Fifa: Bei den vergangenen WM-Ausrichtern Südafrika und Brasilien lief doch auch schon so manche Kleinigkeit nicht gut. Sind nicht beide von einem Korruptionsskandal überschattet gewesen? Fifa-Funktionäre beschuldigten letztlich sogar Südafrika, die WM mit Schmiergeldern ins Land geholt zu haben. Und Brasiliens Unternehmer und Funktionäre haben sich schamlos an der Fußball-WM bereichert. Von den Umständen, unter denen Leiharbeiter Stadien errichten mussten, will ich jetzt nicht auch noch anfangen. Fifa-Chef Sepp Blatter musste im der Gesamtfolge aller Vorwürfe und Verdächtigungen schließlich aufgegeben, doch der Skandal setzte sich fort. Das FBI und Interpol schalteten sich in den Ermittlungen gegen die Fifa-Funktionäre ein. Da wurden Sport-Märchen zu Alpträumen.

Apropos Märchen: Erinnern Sie sich noch an das „Sommermärchen 2006“? Bei der damaligen Heim-WM ging es letztlich doch nicht mehr (nur) um den Sport, sondern um das Image der Deutschen. Die Welt erkannte, dass wir nicht nur Krauts, Nazis, oder feierunfähige Fleißarbeiter sind. Und dann der Skandal! Welche Schmiergelder wurden da von wem an wen gezahlt? Der kommt den Deutschen Fußball-Bund jetzt teuer zu stehen. Der Weltmeisterverband soll im Zuge der steuerrechtlichen Ermittlungen rund 19,2 Millionen Euro nachzahlen. Das Finanzamt Frankfurt am Main spricht dem DFB für das Jahr des “Sommermärchens” den Status der Gemeinnützigkeit ab. Selbst Lichtgestalten bekommen bei der Sache leichte Kratzer ab, und Heldengeschichten geraten ins Wanken.
Apropos Helden: Der 27.06.2018 ist bekanntlich auch so ein „historischer“ Tag. Die Löwsche Nationalmannschaft scheidet erstmalig bei einer Fußball-WM-Vorrunde aus: 0:2 gegen Südkorea! Fällt ihnen zum Anfang des Textes was auf? Korea scheint das verbindende Glied zwischen den geschichtsträchtigen Momenten zu sein. Und die Halbwertszeit des Fußballheldentums ist ohnehin auf ein einziges Spiel geschrumpft. Was wäre denn gewesen, wenn Kroos uns zuvor nicht mit seinem Freistoß zum 2:1 gegen Schweden gerettet hätte? Und jetzt das: Da sind Ex-WM-Helden von 2014 zu Total-Versagern mutiert, die dafür aber jetzt mehr Zeit für den Dreh von Werbeclips und die Sorge um ihre Frisuren haben. Und bei der Rückkehr nach Deutschland sollte irgendjemand den Mut aufbringen, unter all den „kreuzigt sie!“-Rufe der depressiven Menge unserem „Jogi“ – der alle Schuld auf seinen Schultern tragen wird – bilblisch zurufen: Ecce homo! Aber wahrscheinlich erweitert Horst Seehofer noch schnell sein neues Abschiebungsgesetz um einen 64sten Absatz und lässt sie gar nicht erst wieder ins Land. Da wird Angela Merkel aber dann echt sauer sein. Obwohl, vielleicht war es ja auch ihre Schuld, denn schließlich war sie diesmal nicht im Stadion, um die Jungs moralisch zu unterstützen. Und das nur, weil sie das Image Putins nicht polieren wollte, mit der Schwesterpartei ein wenig Ärger hat und Europa retten will.

Apropos Merkel-Einmischung: Sollte sie sich schützend vor allem vor Gündogan und Özil werfen? Die haben sich ja im Vorfeld der WM auch noch für politische Propagandazwecke vom umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan instrumentalisieren lassen. Vielleicht können wir die beiden jetzt ja noch psot-WM hauptverantwortlich dafür machen, dass Erdogan-Anhänger in Deutschland so passgenau für den jetzigen Alleinherrscher der Türkei stimmten. Löw versaute das damals jedenfalls schon sichtlich die Stimmung. Alles nur Missverständnisse und zu viel medial aufgeblasene Hysterie? Und die Fans, die jetzt noch mehr Grund haben, ihre (a)sozial-media Hatespeeches über alle zu schütten? Immerhin scheint das jetzt ausnahmsweise gesamtgesellschaftlich legitimiert zu sein: Der aufgestaute Frust muss sich ja mal entladen können. Hier geht es doch längst nicht mehr um den Sport, sondern um vielschichtige Ressentiments. Und wen soll man denn sonst für den Mißmut im Lande verantwortlich machen, wenn nicht diese tätowierten Möchtegern-Beaus?

Apropos Fans: Im Sat 1 „Frühstücksfernsehen“ wurde jüngst ein Beitrag gesendet, in dem ein deutscher Hooligan „auspackt“. Der mit einer billigen Strumpfmaske und dunklem Kapuzenpulli anonymisierte Mann äußert sich darin zur Frage, ob ein „Hooligan-Krieg“ bei der WM in Russland zu erwarten sei. Minutenlang kann er sich darüber auslassen, dass eine internationale Szene brutaler Hooligans sich intensiv auf „Schlachten“ vorbereite. Die Ausschreitungen von Marseille – hier lieferten sich bei der Fußball EM 2016 russische und englische Hooligans schwere Straßenschlachten – solle man sich mindestens verzehnfacht in der Brutalität vorstellen. Man nehme alles mit: Messer, Baseballschläger und andere Schnitt- und Schlagwaffen. Ziel sei es, die Gegner möglichst schwer zu verletzen. Das Motto sei: Je drastischer und langwieriger die Verletzungen, desto besser. Je mehr Verletzte, desto besser. Außerdem wundere er sich ein wenig darüber, dass die Medien nicht öfter über die Toten berichten, die dabei billigend in Kauf genommen werden. Wenn das nicht mal ein Skandal sei! Doch der eigentliche Skandal liegt hierbei in einen quotengeilen Boulevardfernsehen, das auf moralische Empörung setzt und dabei nicht zu bemerken scheint, dass es gerade einem asozialen Schläger und potentiellen Straftäter eine Plattform bietet, auf der er die Gewalt unter den extremen Hooligans verherrlichen und schlicht „Werbung“ dafür machen kann. Dagegen ist das extrem redundante Fachgefasel eines Oliver Kahns mit gefühlt einem Duzend witzelnder und übermäßig gut gelaunten Moderatoren um ihn herum und der extrem bemühten Paulina Rojinski auf Russland-Trip echtes Qualitätsfernsehen.

Wie viel Politik verträgt der Sport? Die Antwort scheint eventuell recht einfach. Wir sind doch ohnehin politikverdrossen. Ignorieren wir das doch einfach alles und lassen uns durch solche Randerscheinungen nicht die WM-Laune verderben. Aber ein Problem bleibt trotzdem: Was geschieht jetzt bloß mit all den deutschen Fan-Artikeln, die ja weit vor dem WM-Start zur Karnevalisierung des Sports führten? Und davon ist auch noch viel zu viel aus Plastik! Bei der Vermüllung sollten wir also wenigstens gut sortieren. Nicht, dass das am Ende noch vor der Einführung einer Plastiksteuer illegal ins Meer entsorgt wird, denn die dort schwimmenden Flüchtlinge haben schon ganz andere Sorgen. Oh, Verzeihung! Ich habe mich gerade selbst dabei erwischt, dass ich mich über die falschen Dinge empöre. Tut mir leid.