Kommentar: 9/11 – Terror in der Liveberichterstattung

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Jeder kennt sie, die Bilder und Videos, die so rasant und so unwiderruflich um die Welt gingen: Vom explodierenden World Trade Center, dem Chaos auf den Straßen, den Menschen, die in den sicheren Tod springen.

Völlig unvorbereitet traf der Anschlag 2001 die USA und genauso unvorbereitet die weltweiten Medien. In Berlin hatte jeder Mensch die Möglichkeit, das Geschehen so schnell zu verfolgen, wie die New Yorker selbst. Mit Floskeln wie „offenbar“ und „es lässt die Vermutung zu“ schleppten sich sämtliche Medien durch den Tag. Binnen Minuten war die Welt genauso über die Lage informiert wie George W. Bush höchstpersönlich, und das von Medien, die sich selbst noch in einer Ohnmacht gegenüber den Geschehnissen befanden. Die berichtenden Medien waren mit ihrem Publikum, gemessen an Wissen, Schock und Vorbereitung auf Augenhöhe. Von grauenvollen Bildern und Videos genauso überschwemmt wie von wagen Vermutungen, die zu diesem Zeitpunkt keinerlei sichere Erkenntnis über die Hintergründe oder das Ausmaß der Situation bieten konnten. Das Chaos in Manhattan wurde durch die Medien in Form von fassungslosen Nachrichtensprechern, verwackelten Handyvideos und stotternden Korrespondenten in die Welt getragen.

Der Journalismus hat sowohl die Aufgabe, die Menschen möglichst schnell zu informieren und über aktuelle Situationen aufzuklären, aber genauso auch die bestehenden Informationen für alle anderen auf ein fassbares Maß zu reduzieren und für das Publikum verständlich und aufschlussreich zu verpacken.

An einem solchen Tag war keiner in der Lage, bereits die Konsequenzen dieses Anschlags zu erahnen, nämlich der Beginn des Krieges gegen den Terrorismus, der Patriot Act von George W. Bush etc.

Aber wäre es nicht gerade aus diesem Grund wichtig gewesen, vorsichtig mit den Informationen umzugehen, um die Zeit zu haben, zumindest darüber nachzudenken, was dieser Nachrichtenstrom auslösen, oder auch nur beeinflussen könnte, gerade vor dem Hintergrund, dass er nicht einfach wieder rückgängig gemacht werden kann?

Live zu Übertragen bedeutet die Kontrolle abzugeben, die Kontrolle darüber, was das Publikum sieht oder erfährt und vor allem wer es sieht (kleine Kinder etc.) und das ohne die Möglichkeit, über Hintergründe, Ursachen und Schuldige aufzuklären. In Dauerschleife konnte jeder Mensch über das Fernsehen die Bilder des Terrors verfolgen, ohne dass über die Dosierungen der Informationen bewusst entschieden wurde.

Wir kennen Live-Formate von großen Finalshows und Preisverleihungen, die bis ins letzte Detail geprobt sind, wo die Moderatoren ihren Text können und jeder weiß, was seine Aufgabe ist. Oder wir kennen sie aus dem Sport; eine Mannschaft wird gewinnen, eine verlieren, vielleicht wird sich noch ein Spieler verletzen, aber ansonsten bleiben die Konsequenzen für die Welt doch überschaubar. Es sind emotionale Ereignisse für jeden Teilnehmer und jeden Fan, doch sie dienen letztendlich in erster Linie der Unterhaltung oder auch der kulturellen Bildung, nicht der Information. Sie sind gemacht, um sich zu vergnügen und den Moment besonders empathisch miterleben zu können.

Terror allerdings ist keine Show und wird es auch nie sein, genauso verbietet sich automatisch das Ausnutzen der Situation für Quoten und spektakuläre Schlagzeilen. Doch wenn man den Terror verarbeitet wie eine Show, trägt man dann nicht selbst zum Erfolg bei? Dass der Tag so gut dokumentiert wurde ist zunächst sehr wichtig (Erinnerungskultur, Rekonstruktionen, Lehrmaterial etc.), jedoch war es nicht halb so wichtig, alles auch in Echtzeit zu übertragen.  Bei 9/11 konnte zu den Zeitpunkten der ersten Berichte niemand von sicheren Erkenntnissen sprechen.

Die Echtzeitinformation führte mehr zu irreführenden Berichten und zur Etablierung von Falschmeldungen, so ging beispielsweise der Sender RTL zuerst von ca. 40.000 Toten aus. Zwar stärkten die Bilder ein kollektives Gemeinschaftsgefühl, das den Menschen sicher helfen konnte, die Geschehnisse zu verarbeiten, indem man sie mit anderen teilte. Sich gut informiert zu fühlen, gab den Menschen das Gefühl von Sicherheit, denn Ungewissheit bedeutet Panik in Situationen der Angst. Doch lösten die Nachrichten, die eher durch die Vermittlung von Ungewissheit statt Wissen geprägt waren, nicht genau das aus?

Die Medien gaben dem Schrecken, den unschuldigen Opfern und den trauernden Angehörigen, die es verdient hatten, dass an sie gedacht wird, bedeutungsvolle Aufmerksamkeit, eine mediale Welt, in der für viele Stunden nichts anderes eine Rolle spielte außer diesem schrecklichen Angriff. Es brachte Menschen in der ganzen Welt aus einem gemeinsamen Anlass zum Stillstand. So viel Empathie findet man in der Gesellschaft für die Menschen in Syrien oder im Jemen nicht. Wo in New York Menschen ihre Wohnungen für die evakuierten Menschen aus Manhattan öffneten, wünscht sich ein erschreckend großer Teil der Amerikaner (und auch Europäer) sogar die Schließung der Grenzen zu ihren Ländern, weil sie nichts damit zu tun haben wollen.

Vielleicht würde man anders reagieren, wenn über die Kriege genauso berichtet werden würde, wie es bei 9/11 der Fall war, wenn man Bilder zum Terror in diesen Ländern hätte und die Nachrichten dauerhaft davon berichten würden. Andererseits bot die Berichterstattung auch den Terroristen genau die Aufmerksamkeit, die sie sich von ihrer Tat erwünscht hatten. 19 Attentäter und ein bewusst visuell symbolträchtig inszeniertes Drama reichten aus, um eine ganze Welt anzuhalten und den Namen Islamischer Staat zu etablieren. Die Aufmerksamkeit, die die Anschläge vom 11. September erhielten sind medial quasi unvergleichlich. Laut einer Repräsentativstudie der TU Illmenau waren in Deutschland binnen einer Stunde mehr als 70% der Bürger über 16 Jahren über die Anschläge informiert. Die Bürger einer demokratischen Gesellschaft haben das Recht, durch die Presse informiert zu werden; daran gibt es keinen Zweifel. Doch ist dabei die Schnelligkeit das entscheidende Qualitätsmerkmal?

Ein so einschneidender Anschlag darf den Menschen in einer Demokratie nicht vorenthalten werden. Natürlich besteht in einem solchen Ausnahmezustand fast schon ein Zwang, laufend darüber zu berichten, aber war der Schockfaktor in der ersten Tagesschau nicht höher als der Informationsfaktor? Konnte man wirklich die Lage besser verstehen oder nur den Horror sehen?  Was in dieser ersten Stunde übermittelt werden konnte, waren keine überlebenswichtigen Informationen, sondern eher ein Gefühl von Macht- und Schutzlosigkeit.

Es konnte allein die reine Tatsache, dass Flugzeuge ins World Trade Center und in das Pentagon geflogen sind, berichtet werden und das auch nur unter dem Risiko, dass das Ereignis mit all seinen politischen und historischen Zusammenhängen im Nachhinein gar nicht mehr verstanden werden kann, da die ersten Bilder einen zu vereinnahmenden Platz eingenommen haben. Die Konsequenzen sowohl des Attentats als auch der Berichterstattung waren zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise absehbar und doch wurden die Informationen ungefiltert an die Bevölkerung weitergegeben. Ein Umstand der sicherlich zu den vielen Verschwörungstheorien beiträgt. Jeder hat Zugriff auf die entscheidenden Bilder des Attentats und die Stellungnahmen diverser Persönlichkeiten und kann sich die Einzelteile nach Belieben zusammenfügen, ohne auf den ersten Blick auf handfestes Gegenmaterial zu stoßen.

Was live übertragen wird, leistet zudem automatisch Überzeugungsarbeit. Wenn man mit Bildern konfrontiert wird, die an einen fiktiven Actionfilm erinnern, man sie aber im Kopf unter „Realität“ verbuchen muss, hinterlässt das bei jedem Eindruck. Nach diesen Erlebnissen, die beispielsweise schon als Beginn des dritten Weltkrieges proklamiert wurden, schien wohl niemandem ein Angriff auf den Irak ein zu großes Mittel zu sein, um den Terrorismus zu bekämpfen. Der Krieg gegen den Terrorismus erschien nach diesen Bildern, die belegen konnten, was der Terror in Amerika verursachen kann und der Tatsache, dass in den Medien von Anfang an das Wort „Krieg“ oder „Kriegserklärung“ genutzt wurde, weltweit so logisch.

Gerade Journalisten sollten um die Macht einzelner Begriffe wissen und sie demnach nur mit Bedacht verwenden.  Denn was die Menschen letztendlich mehr beeinflusste, war kein rationales Denken oder das ausgeprägte Wissen über den IS und den Terrorismus, sondern ihre Emotionalität in Bezug auf das live Miterlebte und die Angst, dass es noch einmal passieren könnte. Niemand in Amerika konnte oder wollte ernsthaften Widerstand gegen den Patriot Act leisten, denn es wäre einem Widerstand gegen die Grausamkeit von 9/11 gleichgekommen. Es war als hätte der Krieg nicht durch die USA, sondern am 11.September begonnen.

Erst Jahre später wachen die USA aus einem Traum auf und merken, dass sie einen Krieg begannen, der bis heute noch nicht gewonnen ist und der sich durch Osama bin Ladens Tod nicht beenden lässt. So wird auch Europa immer wieder von Terroranschlägen erschüttert.

Die Medien waren gezwungen sich weiterhin mit der medialen Bearbeitung dessen auseinanderzusetzen. Es ging also zurecht darum, angemessene Strategien zu finden, über solche unvorhergesehenen Verbrechen zu berichten, ohne zu verwirren oder die Ermittlungsarbeiten zu gefährden, was in den letzten Jahren auch immer besser gelang. Der mediale Umgang mit Krisensituationen ist eine klassische Dilemma-Situation für Journalisten:

Man muss schließlich darüber berichten und zwar ohne die Konsequenzen dessen zu kennen – das ist immer eine Gradwanderung und eigentlich gibt es keine perfekte Lösung dafür.  Trotzdem geht es darum, die Balance zwischen einer schnellen, wahrheitsgemäßen und einer durch Fakten, Veranschaulichungen und die gewählte Sprache hilfreichen und deeskalierenden Krisenberichterstattung, zu finden.