Verlerntes Flirten | Kolumne

Frosch mit Krone
Lesezeit: 3 Minuten

Ihr wird abwechselnd heiß und kalt. Die Pupillen weiten sich, sie lächelt verführerisch und plötzlich durchfährt sie ein intensives Kribbeln am ganzen Körper – vor allem aber an einer Stelle.

Im Zeigefinger.

Wisch.

Möglicherweise werden so die Erotikromane der Zukunft aussehen: 50 Shades of Tinder.

Dramatischer Wendepunkt: Der Akku ist leer.

Aber warum machen wir es uns eigentlich so schwer?

Gestern Abend klingelte es an unserer Tür. Ich erblickte aufgeschürfte Knie, ein Minion auf dem Cap und Reste vom Schokoladeneis im Gesicht. So wie man das von einem Gentleman erwartet.

„Habt ihr ein Kind?“, der kleine Mann ging direkt ans Eingemachte.

„Wieso?“

„Na zum spielen“, sagte er und schaute mich dabei verärgert an, zumal es doch ganz logisch sein müsste.

Leider konnte ich nur verneinen, doch den Casanova der Nachbarschaft störte das nicht. Er zog weiter, ohne zu Schrumpfen unter der Last des Misserfolges. Ein echter Mann eben.

So pragmatisch wie der Held der Nachbarschaft neue Spielgefährten für sich und die anderen Kids im Innenhof gesucht hat, könnten wir Großen das doch auch mal ausprobieren. Einfach klingeln und ein bisschen spielen wollen. Na gut, das hat dann zwar was von Russisch Roulette, aber im Internet wissen wir schließlich auch nicht, ob sich hinter Anna, 29, Grundschullehrerin nicht in Wirklichkeit Norbert, 58, Roberto Blanco-Fan versteckt.

Man muss ja auch nicht gleich übertreiben und bis an die Wohnungstür vordringen. Aber wie oft wird Frau denn noch von jemandem nach der Telefonnummer gefragt, der nicht mit einem eigenartigen Verständnis von Lässigkeit behauptet, seine eigene verloren zu haben?

Und wie oft werden Männer von klugen, charmanten Frauen angesprochen, anstelle von Busenmonstern, die den Herren zur Begrüßung bloß ihre Titten vor den Latz knallen?

Die Smartphones machen uns das Verstecken zu leicht. Zwar kenne ich selbst Paare, die erfolgreich online zueinander fanden, nur sind da leider ein paar mehr, deren Balzverhalten fernab vom Bildschirm ordentlich eingerostet ist.

Die Betreffenden könnten sich einiges von dem 10-jährigen Knirps abschauen. Wie er von Tür zu Tür geht mit einer Selbstverständlichkeit, die er mit den ersten Pickeln verlieren und mit dem ersten Bartflaum zurückgewinnen wird.

Er ist Teil der angeblichen „Kopf runter“-Generation. Vertreter dieser Art kennzeichnet ein im 90° Winkel abknickender Nacken zur bestmöglichen Fokussierung des mobilen Endgerätes in ihrer Hand, sowie ein vorsichtiger Gang. Letzterer dient der Prävention vor Zusammenstößen mit Laternen, Bäumen etc.

Ihr Existenz möchte ich nicht leugnen, doch scheinbar habe ich bei ihrer Betrachtung einige andere Individuen übersehen. Die anderen, die so sind wie unser Innenhof-Party-Planer hier.

Man muss natürlich beachten, dass er bei seiner Wahl kaum etwas bedenken muss. Eine laute Stimme zum „Klippo“ rufen, sowie ein vorhandener Süßigkeitenvorrat werden der Bewerberin/dem Bewerber allerdings als Pluspunkte angerechnet.

Wir Großen hingegen müssen einberechnen, dass die beste Freundin über Segelohren lacht, der Bruder Raucher verachtet und die Mutter Wert auf ein abgeschlossenes Studium legt.

Wie hat Oscar Wilde es noch gleich formuliert? „Wer eine gute, verständige und schöne Frau sucht, sucht nicht eine, sondern drei“ Und ich sag euch, bei den Männern sieht das nicht anders aus. Wie gut also, dass wir nur einen schönen suchen. Hoch lebe Tinder!

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