Jugend ohne Gott: Ein Film, der sich nicht entscheiden kann

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Bei dem Titel „Jugend ohne Gott“ werden sich einige an ihre Schulzeit zurück erinnern. Die aktuelle, deutsche Verfilmung scheint mit der bei Deutschlehrern beliebten Buchvorlage von 1937 allerdings wenig zu tun zu haben.

Wir lernen eine Gesellschaft kennen, in der ausschließlich Leistung und Effizienz von Bedeutung sind, während moralische Aspekte nicht zählen. Regisseur Alain Gsponer inszeniert den Roman „Jugend ohne Gott“ in einem futuristischen Setting.

Schüler kämpfen in einem Hochleistungscamp um einen Platz an der renommierten Rowald Universität. Leistung und Effizienz sind die einzigen Werte, die zählen. Im Mittelpunkt steht dabei der Schüler Zach (Jannis Niewöhner), der sich gegen den Leistungsdruck wehrt und um seinen Vater trauert, da er sich selbst das Leben genommen hat. Zach verliebt sich in Ewa (Emilia Schüle), die in einer Gruppe von sogenannten „Illegalen“ im Wald lebt.

Die Gruppe widersetzt sich den Zwängen der Gesellschaft ebenso, wie dem Streben nach Reichtum und Erfolg. Außerdem bedeutsam ist Zachs Lehrer (Fahri Yardim). Er erkennt den ungesunden Leistungsdruck, verurteilt ihn jedoch nur im Stillen. Der gleichnamige Antikriegsroman von Ödön von Horváth wurde 1937 von einem Amsterdamer Exilverlag publiziert.

Im Gegensatz zur Verfilmung steht in von Horváths Werk der junge Geschichtslehrer im Mittelpunkt, der seinen Alltag im Dritten Reich beschreibt. Obgleich er gegen die Nationalsozialisten ist, verhält er sich aus Angst systemkonform. Seinem Gewissen stellt er sich erst, als es unter seinen Schülern zu einer schrecklichen Straftat kommt und er dadurch einen Sinneswandel erfährt.

In der Verfilmung wird die Geschichte aus mehreren Perspektiven erzählt, jedoch tritt im Gegensatz zum Buch Zach als Konstante auf und somit als Protagonist. Damit trifft der Regisseur eine entscheidende Wahl, denn der stets widersprechende Zach steht im klaren Gegensatz zu dem obrigkeitshörigen Lehrer. Die Entwicklung der Geschichte im Film wird damit also in eine andere Richtung gelenkt, als die des Romans.

Zwar mag man davon ausgehen, dass Zach durch sein junges Alter eher eine Identifikationsmöglichkeit für die Zielgruppe darstellt, doch gleichzeitig ist die charakterliche Veränderung, die der Lehrer durchläuft eine spannendere. Zachs Handeln als Andersdenker entspricht nicht dem Handeln der meisten Menschen. Die Rolle des Lehrers im Gegensatz zur der Buchvorlage aus dem Mittelpunkt zu rücken, bewirkt den Verlust einer interessanten und fassbaren Bezugsperson.

Durch die Besetzung des Films wird besonders deutlich, dass Gsponer den Film an eine junge Zielgruppe richtet. Mit Jannis Niewöhner in der Hauptrolle hat er einen Mädchenschwarm besetzt. Auch Emilia Schüle hat eine große und junge Fangemeinde. Beide sind ab dem 14. September ebenfalls als verliebte Protagonisten in „High Society“ zu sehen.

In „Jugend ohne Gott“ erscheint die Liebe der beiden sehr oberflächlich, auch wenn man bedenkt, dass sie nur zweitrangig für die Geschichte ist. Als Zuschauer fällt es schwer, mit den beiden mitzufühlen. Die Darstellung ihrer Beziehung ist auf Körperlichkeiten beschränkt, womit die Bedürfnisse der Zielgruppe unterschätzt werden.

Der Lehrer, der für den Widerstand zu feige ist, wird von Fahri Yardim mit glaubwürdiger Ruhe verkörpert. Die Relevanz und Aussagekraft dieser Figur wird dem Zuschauer in einem schleichenden Prozess bewusst, der mehr Raum hätte finden können.

Insgesamt fällt es schwer, mit den Charakteren warm zu werden. Ihre Beweggründe werden einem erst spät oder gar nicht klar und somit fällt eine emotionale Bindung schwer. Die jungen Darsteller fallen jedoch sehr durch körperliche Fitness und Präsenz auf.

Quelle: BEnow

Der Film wird vermutlich von vielen Schulklassen besucht werden. Unterhaltend bilden zu wollen, ist ein sinnvoller und notwendiger Ansatz, doch werden im Film einige Möglichkeiten verschenkt.

Leistungsdruck und das damit einhergehende Verhalten in Gruppen ist ein aktuelles Thema. Die Ursachen werden in „Jugend ohne Gott“ zu wenig aufgearbeitet, was vermutlich daran liegt, dass auch weitere Botschaften von dem Film getragen werden. Die schnelle Digitalisierung ist eine davon. Sie wird angedeutet, doch da den Schülern die Nutzung von Smartphones im Camp verwehrt bleibt, wird auch dieses Thema nicht tiefgehend behandelt.

Hinzu kommen der Konflikt zwischen arm und reich und die Frage nach der Bedeutung der „Illegalen“ – zu viele Botschaften für einen Film. Es entsteht eine Oberflächlichkeit, die womöglich darauf zurückzuführen ist, dass die Zielgruppe unterschätzt wurde. Es wird auf angesagte, futuristische Bilder, sowie eine hohe Dichte beliebter Darsteller gesetzt und dafür Tiefgang vernachlässigt – an Mainstream verschenktes Potential.

Teeniefilm, Gesellschaftskritik, Thriller – ein Film, der sich nicht entscheiden kann

Regisseur Alain Gsponer versuchte das Werk in eine realitätsähnliche, doch futuristische Gesellschaft zu übersetzen. Der Gegensatz zwischen reich und arm wird durch den Kontrast von hellen, sterilen und dunklen, dreckigen Bildern dargestellt. Stilistisch liegt der Vergleich zu der „Tribute von Panem“-Reihe nah.

Die Dreharbeiten in den Alpen sorgen für weite, großartige Ausblicke. Musikalisch bietet der Film keine Besonderheiten und verschenkt damit eine große Chance, die vor allem im Genre Thriller ergriffen werden sollte.

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