Glosse: Brasilianischer Fußballstar überlebt Massaker-WM

Die WM 2018 ist bis jetzt Schauplatz für den ein oder anderen traurigen Moment gewesen. Allerdings bot der Abend sechsten Juni 2018 den mit Abstand erschütterndsten aller je vorstellbaren Bilder. Der Ausnahmespieler Neymar Jr. schied aus der WM aus. Wer jetzt sagen will, dass ganz Brasilien und nicht nur Neymar ausgeschieden sind, der versteht den Sinn nicht.

Neymar ist Brasilien.

Ein ganzes Tunier lang trug der junge Weltstar die ganze Nation auf seinen Schultern. Hin und wieder erlaubte Neymar Teamkollegen wie Philippe Coutinho auch zu zeigen, wieso diese in der Kabine seine Schuhe putzen dürfen, aber alles in allem war es die Show des Neymar. Jr. Nicht zuletzt wegen der fast lebensgefährlichen Attentate auf das Fußballsternchen.

Ein brutales Bild. Ein Mann auf dem Boden, eine Menschentraube um ihn herum. Er windet sich vor Schmerz. Sein Gesicht zeigt knochenmarkerschütternde Pein. Nein es geht nicht um den neuen John Wick Film, aber um das nächst bessere.

Neymar wurde auch im Achtelfinale Brasiliens gegen Mexico grässlich verstümmelt und erfuhr sein wohl schlimmstes Nahtoderlebnis dieses Wettbewerbs.

Der mexikanische Außenstürmer Layún hatte Neymar leicht berührt. LEICHT BERÜHRT. Eine klare rote Karte, mit anschließender Jahre langen Sperre für den Verursacher wurde nicht gegeben. Vier Minuten brauchte der 222 Millionen Mann um seinen durch etliche Physiotherapeuten gestählten Körper wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Unter den Pfiffen von tausenden Zuschauern kraulte Neymar heroisch zurück auf den Platz.

Er hat es halt erkannt. Die Zeiten wo Weicheier sich ewig wegen nichts auf dem Feld herumrollen, wie tollwütige Hunde, ist vorbei. Die Leute wollen endlich richtige Verletzungen sehen und dazu die harten Kerle die ein gebrochenes Schienbein behandeln wie einen Unfall mit einer Bastelschere.

Diese Marktlücke füllt Neymar mit seinen unübertriebenen Schauspielaktionen und lenkt gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf die wachsende Grausamkeit im Fußballsport. Immerhin hätte Neymar sich bei manchen der an ihm begangenen Fouls glatt die pedikürten Fingernägel abreißen können und Zeit um zum Nagelstudio zu gehen, hat man als teuerster je getätigter Transfer der Sportgeschichte nicht immer.

Ja dieser Spieler ist das zweifellos Vorbild, dass sich jeder junge Mensch nur wünschen kann. Seine Zurückhaltung ist bemerkenswert und auch im Interview nach dem Spiel gegen Mexiko zeigte der gezeichnete Kriegsheld ein hohes Maß an angebrachter Schadenfreude und zurückhaltender Überheblichkeit. Ein Recht der bei einer Leistung wie seiner auf der großen Bühne, mehr als angebracht ist.

Alles in Allem muss Brasilien zu tiefst erschüttert und gleichzeitig unheimlich stolz sein, dass einer ihrer Helden ein kriegsähnliches Gebiet wie die WM 2018 lebend verlassen darf. Auch wenn Neymars Team es nicht geschafft hat auch nur ein wenig zu helfen, damit der Mann mit den Stahlbeinen nicht alles alleine machen muss kann man darauf hoffen, dass Neymar in diesem Fall Gnade walten lässt.

Eines ist jedoch sicher. Die WM des Neymars bestätigt die wohl wichtigste Regel des heutigen Fußballs „Was man in den Beinen hat, steigt einem manchmal in den Kopf.“