Gewalt in Beziehungen – Was ein fester Handgriff bewirkt

Faust, Gewalt

Nein heißt Nein. Drei große Worte, die jeder in einer sexuellen Beziehung zu einem Menschen einhalten sollte. Jedoch fällt das vielen Frauen gar nicht so einfach. Oft wird aus einem „Nein“ ein „Ja okay, aber mach schnell“, um weiteren Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Aber was passiert, wenn man sich endlich traut, nein zu sagen und der Partner es nicht akzeptiert?

Seit der Metoo-Kampagne wird in der Öffentlichkeit viel mehr über Vergewaltigung geredet, was wunderbar ist bei einem solch wichtigen Thema. Jedoch ist das Thema Vergewaltigungen in Beziehungen viel zu oft ein Tabu-Thema. Viele Frauen wissen alleine schon wie schwer der Weg zu einem klaren, standhaften Nein zu Sex sein kann, oft durch Angst, dem Partner zum Beispiel zu vergraulen.

Viel schwieriger wird es, wenn der Partner partout das nein nicht akzeptieren möchte. Das wird oft nur mit viel Mut unter Freunden angesprochen, wenn man sich verstanden fühlt. Um es jungen Frauen einfacher zu machen darüber zu reden, möchte ich meine eigene Geschichte dazu erzählen:

Als ich gerade 18 geworden bin, habe ich einen jungen Mann aus Norwegen kennengelernt. Er war ein Jahr älter als ich und durch seine tragische Krankheitsgeschichte und seine mit 15 Jahren selbst aufgebaute Firma sehr selbstbewusst, wozu ich mich hingezogen fühlte. Wir hatten ein unverbindliches Tinder-Date, woraus sich eine 6-monatige Fernbeziehung entwickelt hat.

Er wollte über alles die Macht haben

Alleine in den ersten Wochen ist mir aufgefallen, dass er einen sehr starken Willen hatte und es geliebt hat, über alles die Macht zu haben. Das war erst kein großes Problem, da ich das aufregend fand. Jedoch befand ich mich, auch durch meine Hobbys und meinen Erfolg in einer Jugendredaktion, auf der Blüte meines Selbstbewusstseins. Das starke Selbstbewusstsein wurde schnell zum Problem für ihn.

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Wie das manchmal in einer Beziehung so ist habe ich, wenn wir uns lange gesehen haben, auch mal nein zu Dingen gesagt, worauf ich keine Lust hatte. Egal ob das Sex oder andere Sachen waren. Schnell ist er wütend geworden, ausfallend, hat sich jedoch nach einer Weile wieder beruhigt. Umso mehr Zeit wir miteinander verbracht haben, umso wütender ist er geworden und umso stärker war die „Liebe“ die er nach seinen Wutausbrüchen gezeigt hat.

Der Körper als Druckmittel

Ich litt unter diesen Wutausbrüchen sehr. Die Dinge, die er mir an den Kopf knallte wurden immer persönlicher, der Griff immer fester. Nicht lange hat es gedauert, da hatte er meinen wunden Punkt: meine Figur. Das erste Mal als er mich fett genannt hat und nicht aufhörte zu argumentieren, warum ich doch abnehmen sollte, bin ich so sehr in Tränen ausgebrochen, dass ich gar nicht aufhören konnte. Meine Figur war letztendlich für ihn so ein Problem, dass er mich vor die Wahl gestellt hat. Entweder ich nehme ab oder es ist Schluss.

Die Kombination aus den sich häufenden Wutausbrüchen, den festeren Handgriffen in ihnen als auch das ständige rumhacken auf meiner Figur hat mein Selbstbewusstsein Stück für Stück systematisch zerstört. Dazu kommt, dass unser Sexleben sich genauso systematisch verändert hat.

Zu Anfang war alles sehr einvernehmlich, bis zu dem Punkt, als er auch in dem Feld unserer Beziehung seine Macht ausüben wollte. Wir haben uns auf Tinder kennen gelernt und kamen aus zwei unterschiedlichen Ländern, also kann sich jeder denken woraus die ersten Tage unseres Kennenlernens bestanden.

Er erzwang Sex ohne Verhütung

Er wollte es an einem Punkt ohne Verhütung, also ohne Kondom machen, was ich, als selbstbewusste, aufgeklärte junge Frau verneint habe. Ihm gefiel dies offensichtlich nicht und er hat, mit einer bestimmten Methode, die, wie er mir im Nachhinein erzählte, er schon bei anderen One-Night-Stands gemacht hat, das Kondom absichtlich reißen lassen. Meiner Meinung nach eine absolut widerliche Praxis.

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Nach und nach war in solchen und anderen Aktionen seine Gier nach Macht über alles, was ihm in den Weg kommt immer mehr sichtbar. Das ging so weit, dass er mich nur nach wenigen Wochen während dem Sex ohne meines Willens gewürgt, geschlagen, gefesselt oder einfach nicht aufgehört hat. Einmal sogar so sehr, dass ich Atemnot hatte und danach ins Krankenhaus musste. Für ihn und für die Schwestern im Krankenhaus war es mein Kreislauf, der nicht mitgespielt hat, weil ich mich nicht getraut habe, geschweige denn realisiert habe, was passiert ist. Er war sogar ein wenig stolz drauf.

Die Kombination aus den Dingen, führte eines Abends zu folgendem Geschehen: Ich habe ihn gerade in Norwegen besucht und es war unser letzter Abend zusammen bevor ich wieder nach Hause fliegen musste. Ich war sehr traurig, weil ich nicht zurück wollte, worauf er meinte, dass wir einen großartigen Abend zu zweit haben sollten. Er holte einen speziellen Wein aus einem Schrank und hat zwei Gläser eingeschenkt.

Nach zweimal nippen habe ich gemerkt, wie mir sofort schwindelig geworden ist und mir ganz anders wurde. Ich konnte nicht mehr richtig sprechen und hab die ganze Zeit gekichert ohne jeglichen Grund. (Zumindest zu dem Zeitpunkt) Das einzige woran ich mich danach erinnern kann ist, dass er mich in sein Zimmer geführt hat, dann gingen in meinem Kopf die Lichter aus. Absoluter Filmriss und das nach kaum Alkohol. Das nächste woran ich mich erinnern kann ist, wie ich ohne jegliche Kleidung und mit Kopfschmerzen aufgewacht bin.

Mein Ex hat mich vergewaltigt

Ich konnte mich erst nach zwei Jahren an den Abend erinnern. Ich war auf Arbeitsreise in Kanada, war also komplett weg von dem Thema. Ich hatte die Nacht vorher schlecht geträumt und musste daran denken. Deswegen rief ich eine gute Freundin an, die eine der ersten war, mit denen ich über Unterdrückung in Beziehungen generell geredet habe. Sie hat ähnliches wie ich erleben müssen.

Die Nacht darauf kam im Traum die Erkenntnis, was die Nacht und vor dem Abend passiert ist: Ich wurde von meinem Ex-Freund vergewaltigt. Diese Erkenntnis hat gedauert, jedoch hat sie dabei geholfen das Geschehene zu verarbeiten und Tag für Tag mehr damit klar zu kommen. Drei Jahre nach unserem Kennenlernen habe ich immer noch sehr große Probleme mit meinem Selbstbewusstsein, in meinem Essverhalten, in meinem Verhältnis zu anderen Männern oder Menschen generell. Doch es wird Tag für Tag besser.

Ich möchte mit meiner Geschichte darauf aufmerksam machen, dass es wichtig ist, auf den eigenen Instinkt zu hören um gewalttätige Beziehungen, egal ob physisch oder psychisch, rechtzeitig zu erkennen und zu beenden. Familie und Verwandte, achtet beim nächsten Mal vielleicht auch etwas genauer auf eure Liebsten und auf Anzeichen dafür, ob sie in einer solchen Beziehung stecken. Wenn dir so etwas passiert ist habe keine Scham mit anderen drüber zu reden. Egal wie du reagiert hast, es ist niemals, wirklich niemals deine Schuld.

 

Sind Sie betroffen von psychischer, körperlicher oder sexueller Gewalt? Hilfe bekommen Sie rund um die Uhr beim Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen” unter 08000 116 016 oder im Internet auf www.hilfeportal-missbrauch.de

Unsere Autorin erreichen Sie über folgende Mailadresse: patricia.neumann@benowtv.de