Eine postmoderne Schnitzeljagd – Filmkritik: Under the Silver Lake (2018)

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Nach seinem Independent-Horrorfilm-Hit »It Follows« (2014) hat David Robert Mitchell mit seinem folgendem Kinofilm »Under the Silver Lake« ein Werk vorgelegt, das sich von dem Stil seines vorherigen Films stark unterscheidet, denn in diesem Film beherrscht nicht der Horror, sondern das Element der Groteske vor.

Wo »It Follows« ein ernsthaft orientierte Rückbesinnung zu dem Horrorkino des John Carpenter und seinen Synthesizerklängen darstellte, ist sein neuester Film ein augenzwinkernd postmoderner und verspielt inszenierter Neo Noir, in dem Andrew Garfield sich als unbeholfener und oft notgeiler Hobbydetektiv auf die Suche nach seinem verschwundenen Schwarm begibt und damit in ein irrsinniges Netz an Verschwörungen driftet.

Die Präsenz der Kinogeschichte

Was beide Filme aber eint, das ist die Liebe zum Kino, die beide Werk durchströmt. In »It Follows« adaptierte Mitchell ein Horrorkino, das sich auf die Ikonen des Genres, Wes Craven und John Carpenter, beruft, die ihre Jugendlichen in den Suburbs dem vermeintlichen Bösen in verschiedenen Gestalten aussetzten, aber im Kern Geschichten über das Erwachsenwerden waren. Mitchell tat es ihnen mit seinem Film nach. Sein neuer Film, mindestens ähnlich souverän arrangiert, stellt eine ulkige Reise durch Los Angeles/Hollywood dar, einem Ort der Mythen und der Ort des Kinos, das eigentlich in diesem Film immer wieder präsent wird – vor allem über die verschiedenen Plakate, die unter anderem im Apartment des Protagonisten hängen (u.a. findet man dort Hitchcocks »Rear Window«, den der Film sehr augenzwinkernd zu Beginn zitiert).

Immer wieder schleichen sich aber auch in dieses Folgewerk Momente, die an »It Follows« erinnern, wenn zum Beispiel der von Andrew Garfield verkörperte Protagonist Sam vor einer unbekannten männlichen Gestalt in der Nacht flieht, von der wir nur einen großen Schatten erhaschen, der an das Monster aus dem Vorgänger angelehnt ist. Oder wenn eine mystische Eulenfrau – die wir durch einen Schauercomic im Film kennenlernen – gespenstisch durch Häuser und Appartments streift, eine Gestalt, die am Ende  aber auch wiederum sehr ironisch gebrochen wird.

Eine Geschichte über das Ende der Unschuld?

So könnte man dann weiterhin mutmaßen, dass es auch hier zumindest um eine Coming-of-Age-Geschichte geht, so wie in Mitchells vorhergehenden Filmen. Garfield spielt eine Twens, der einem Apartement lebt, einen schicken Wagen fährt, aber eigentlich nie zu arbeiten scheint (auch wenn die Frage immer im Raum steht) und mit der Miete im Rückstand ist. Seine Figur ist ein Herumtreiber, ein Nichtsnutz, jemand, der nichts tut, in den Tag hinein lebt und es vor allem zu lieben scheint, auf die Hintern der Frauen zu starren. Seine Mutter ruft ständig über Telefon an, um Janet Gaynor an zuhimmeln. Er liest Comics. Draußen geht ein irrer Hundekiller um. Mehr bewegt sich in seiner Welt aber auch nicht. Man könnte also auf die Idee kommen, dass es sich bei ihm hierbei schlichtweg um eine Verliererfigur handelt.

Bis eines Tages im Pool seines Apartment-Komplexes eine junge Frau mit ihren Hund auftaucht, in die er sich schlagartig verliebt. Der Film wird zu einer Boy-Meets-Girl-Geschichte. Es kommt zu einem ersten Kennenlernen, das aber jäh unterbrochen wird als ihre Zimmergenossinnen nach Hause kommen und an dessen Ende eine erste Irritation gesetzt wird (ein Mann in Piratenuniform).

Am nächsten Tag ist die Angebetete verschwunden und es beginnt für ihn eine Odyssee durch die geheimen Seiten der Stadt der Träume, in denen er Schauermärchen, verrückte Piratenmänner, Stinktieren, wahnhaften Schriftstellern, James Dean und Newton, Obdachlosenkönigen, Jesusanbetern, satanischer Popmusik, Mitchells eigenen »Myth of an American Sleepover«, dem greisen King der Popmusik und vor allem vielen verschiedenen Frauenfiguren begegnet und man bisweilen in geheimen Gängen oder Bunkern landet, die unter Hollywood schlummern. Erzählt in innerhalb von überrascht kurzweiligen 140 Minuten.

In diesem Film wird alles in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt. Eine skurrile Idee folgt auf die nächste Idee und das oft, obwohl der Film mit der vorherigen Idee nochmal nicht mal ganz fertig war. Der Film berauscht sich an seinen Ideen und verliert sich in seinem Kosmos an Verschwörungen.

Verloren in der mythischen Stadt der Träume

Dieses Werk ist wahrscheinlich am ehesten als ein comichaft-originelles Spiel in poppigen Farben gedacht, das ausufernd mit popkulturellen Referenzen hantiert und daraus seine Faszination zieht. Der Film unterläuft ganz bewusst die Erwartungen seiner Geschichte, spielt mit Zeichen und Symbolen, die sein Protagonist entdeckt und mit denen er sich auf seine mysteriöse Schnitzeljagd begibt, die am Ende auch irgendwie eine Kreisbewegung ist.

Der Film denkt vieles nicht zu Ende und hat einen Hang zur surrealen Verschlüsselung. Frauenfiguren assoziiert der Protagonist mit Hunden. Da geht es dann um den männlichen Blick, den Mitchell überaus ironisch parodiert. Ob das darüber hinaus noch mehr sagt und vielleicht ein Schlüssel zur Identität des Hundemörders ist, der den ganzen Film am Rande durchzieht, das bleibt ein Geheimnis des Films, der es ganz besonders am Ende in Gestalt des Obdachlosenkönigs noch einmal deutlich machen will.

Die Frage dabei ist auch inwieweit der Film aus der Subjektiven seines Protagonisten erzählt, also im Grunde auch ein unzuverlässiger Ich-Erzähler vorhanden ist, der uns seine eigene Realität präsentiert. Hinsichtlich der surrealen Einschläge des Films und der Affinität des Protagonisten für Verschwörungstheorien würde solche Einstellung durchaus Sinn machen. Und es wäre nicht der erste Noir, der mit solchen Mitteln arbeitet. Aber auch das wird nie selbst vom Film verifiziert.

Schließlich lässt Mitchell seine ulkige Detektivgeschichte irgendwann zu einem Abschluss kommen in einer Welt, in der wir am Ende wissen, dass nichts mehr ist wie es scheint, alles in Frage zu stellen ist und wir am besten über das Gesehene schweigen sollten. Auch das bringt ihn wieder in die Nähe von »It Follows«, denn wie dieser, kann man auch dieses Folgewerk als eine Art Paranoiakino kennzeichnen, wenngleich es Mitchell es in diesem Fall in Groteske, bisweilen Absurde übersteigert. In der Welt von »Under the Silver Lake« wirkt abschließend nichts mehr real. Wir haben uns mit dem Protagonisten in einem Dickicht der Fiktion verloren. Es war aber eine reizvolle Reise, die man wahrscheinlich auch gerne öfters antreten wird.

7.0 / 10