Eine wehmütige Träumerei – Filmkritik: Mid90s (2018)

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Jonah Hills Debütfilm erscheint wie ein Bruchstück aus den Untiefen der 90er Jahre. Der Film beschwört das Lebensgefühl der Skater-Szene im authentischen 4:3-Format herauf. Es ist ein fragmentarischer Film, der bewusst Leerstellen lässt, einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben eines Jungen gibt, der bei den Skatern eine Gemeinschaft findet, bei denen er sich willkommen führt. Es ist die Geschichte einer Initiation, die Geschichte eines Heranwachsenden, der nach langer Isolation Freunde findet.

Der Film ist offen konstruiert, seine Figuren werden nur angerissen, es wird aber versucht, jeder Figur ansatzweise Charakter oder Profil zu geben und empathisch zu begegnen. Das ein schönes Beispiel dafür ist der von Lucas Hedges gespielte Bruder des Protagonisten, der zunächst als gewalttätiger und grober Macho geschildert wird, unter dessen Repression und Wut sein kleiner Bruder zu leiden hat und doch zu ihm aufzuschauen scheint aufgrund seiner Musiksammlung, aber im Verlauf der Geschichte in Wirklichkeit als einsamer Verlierer ohne richtige Freunde sichtbar wird, der versucht über seine Gewalt etwas kompensieren.

Bei Katherine Waterstons Mutterfigur misslingt das dagegen gründlich, denn sie darf nur hilflos-überforderte Mutter sein, die im Hintergrund irgendwie existiert und sich mit Männern trifft, aber nie ihre eigene Stimme finden darf. Besonders unangenehm wird das dann, wenn Stevie seine Mutter im Auto mächtig unterbuttert und beleidigt, weil sie an seinen neuen Freunden zweifelt und ihn vor ihnen bloßstellte. Sie bleibt eine schwache Figur und hinterlässt einen unschönen Beigeschmack hinsichtlich der Frauefiguren des Films, die sowieso nie das wirkliche Interesse des Films bekommen. Es ist ein ansonsten frecher Film, der seine Figuren frei nach ihrer Schnauze, der Szene und ihrem Workabular reden lässt, das erzeugt Nähe, denn sie dürfen sein. Man taucht in diese Zeit und das Gefühl ein, die Bilder werden mit nostalgischen Soundtrack dieser Zeit beschallt und dadurch Stimmung erzeugt. Der Film beobachtet ruhig die Situationen, die er skizziert, sein Schnitt ist stets prägnant und auf das Wesentliche fokussiert. Das gilt auch für den Film insgesamt, der in seiner Kürze auch überaus kurzweilig verpackt bleibt.

Es ist ein wehmütiges und lebendiges Porträt einer Szene, in der es vor allem um die Dynamik von Freund- und Feindschaften geht. Ein leichtes Augenzwinkern hinsichtlich der Szene schwingt manchmal mit, eine Kritik an deren Lebensstil ergibt sich daraus aber noch lange nicht, dafür sieht der Film die Szene mit einer viel zu rosaroten Brille, auch wenn er einem die Möglichkeit gibt, die Szene kritisch zu sehen. Die einen träumen vom Aufstieg, die anderen nur noch von der nächsten Party. Die einen träumen Teil der Gemeinschaft zu sein, die anderen werden es. Der Film parallelisiert zwei Freundschaften, die einen ähnlichen Verlauf nehmen, namentlich zwischen dem Protagonisten Stevie und Ruben, zwischen Ray und dem klingenden Namen Fuckshit. Der Film stellt auch die Brüchigkeit dieses Traums unter Beweis, ist bemüht auch stets die ungeschönte Seite des Ganzen zu erzählen (wenn auch nicht immer direkt zu zeigen), die sich in Leere, Gefahr und blinden Hedonismus widerspiegelt und die immer wieder angedeutet werden. Diese Perspektive ist dem Film bewusst.

Es bleibt schlussendlich vornehmlich eine Hommage an eine Szene und eine Zeit darstellt. Von der Machart ist ein typisches Coming-of-Drama, das aus der Perspektive seines Neulings in der Szene Stevie erzählt ist, mit dem wir Schönheit als auch Ängste kennenlernen. Das erinnert bisweilen an die Filme von Larry Clark, bloß ist dieses Werk definitiv sanftmütiger, konventioneller (denn die Figuren sind zum Großteil zweidimensional) und ein bisschen seichter, um nicht zu sagen gutmütiger. Der Blick von Jonah Hill ist nie gnadenlos, sondern er mag diese Szene und ihre dreisten Slang. Der Film fühlt sich in dieser Szene wohl, ob es jemanden Zuschauer so geht, steht dabei auf einem anderen Blatt. Das Werk bleibt ein Fragment, das aus der Zeit gefallen wirkt, ein Film, den man vergraben hat und nun schönerweise wieder gefunden hat.

7.0 | 10