Ein Tag in einer Crime-Redaktion

Da darf man nicht allzu zartbesaitet sein – Yann arbeitet als investigativer Journalist und ist Autor für Kriminalfilme. Der ehemalige Journalismus-Student der DEKRA | Hochschule für Medien dreht und produziert Filme für das ZDF und hat dabei mit echten Morden, Opfern und Tätern zu tun. Gemeinsam mit seinem Kollegen Marco und seiner Chefin Britta widmet er sich den skurrilsten Verbrechen in Deutschland und bereitet die bizarren Storys als Dokumentationen auf.

„Guten Morgen, hier ist Yann Thönnessen ich rufe im Auftrag des ZDF an…“

Yann sitzt an einem von drei chaotischen Schreibtischen in dem kleinen Redaktionsraum vor den beiden Bildschirmen, zwischen den wichtigen Akten und einem riesigen Plastikohr, von dem er selbst gar nicht so genau sagen kann, warum es dort seinen Platz gefunden hat. Um ihn herum hängen mehrere Pinnwände und Tafeln, an denen die Namen von Serienkillern, Rechtsanwälten und Kommissaren aufgelistet sind, sowie amtliche Unterlagen zu diversen Verbrechen. Das mit dem Fotografieren dürfte in dieser Redaktion schwierig werden.

Auf Yanns Handydisplay leuchtet eine Nummer des Bundeskriminalamtes (BKA). Er braucht noch dringend eine Stellungnahme, ein Statement zu einem Kriminalfall, an dem er grade arbeitet. Doch seine Ansprechpartnerin beim BKA ist in einer Besprechung und er wird von der Sekretärin auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen.  „Die hat mich jetzt seit über einer Woche nicht zurückgerufen und meine Mails auch nicht beantwortet“, beschwert er sich bei Marco. Der zuckt nur mit den Schultern. Dass sich die beiden quasi ohne Worte verstehen, wird mir im Lauf des Tages noch bewusst.

„Man muss sehr hartnäckig sein. Die wollen nicht immer mit einem reden, aber es ist wichtig in solchen Fällen alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Ich brauche wenigstens die Aussage, dass sie keine Aussage machen wollen“, erklärt Yann. 

Heute ist ein ganz normaler Arbeitstag für Yann und Marco bei Marks und die Engel Media GmbH. Marks und die Engel Media GmbH bearbeiten echte Kriminalfälle und verfilmen dann die Ermittlungen, oder recherchieren mittlerweile sogar investigativ an Fehlurteilen oder nicht geschlossenen Fällen. Dafür treten sie persönlich mit den Opfern und Tätern (sofern möglich) in Kontakt, holen sich Expertenmeinungen ein, beschäftigen sich mit der Justiz und der Gerichtsmedizin. Hier konkurriert der investigative Journalismus sehr stark mit der Staatsanwaltschaft. Nur etwa drei von zehn angefangenen Projekten werden letztlich auch verwirklicht.

Sie drehen oft auch an den originalen Tatorten. Serienmörder, Kannibalismus-Fälle, mordende Polizisten und Folter: Wenn man glaubt, dass es sowas eigentlich nicht geben kann, beweist Yann mit seiner Arbeit das Gegenteil. Der Bereich Crime hat ihn schon immer fasziniert. Nach eigenen Angaben kennt er die Geschichten der Serienkiller der letzten Jahre besser als die deutschen Bundesländer und ihre Hauptstädte.

Einen „normalen Arbeitsalltag“ haben die beiden und ihre Chefin Britta also eigentlich gar nicht, denn sie recherchieren, produzieren, drehen und schneiden ihre Filme selbst. Jedes Projekt ist anders und bringt sie mit anderen Menschen zusammen. Yann erzählt, dass er manchmal wochenlang für ein Projekt recherchiert und es oftmals schwierig ist, geeignete Protagonisten zu finden. Sorgfältige Recherche sei so wichtig, dass sie zumeist deutlich mehr Zeit in Anspruch nehme, als die eigentliche Produktion. 

Heute steht Postproduktion auf dem Programm. Yann war für den Dreh einer kurzen Doku nach Schweden gefahren und hat mit dem zuständigen Ermittler und der Gerichtmedizinerin vor Ort gedreht. Nun schneidet er gemeinsam mit Marco das Material zusammen.

„Meinen Namen will ich da aber nicht im Abspann haben“, sagt Yann zu Marco, „der Mörder hat seine Strafe abgesessen und die Polizei hat mich schon vor ihm gewarnt.“ Die beiden grinsen sich an. „Wir leben immer gefährlich. Deswegen sind wir ja auch so cool.“, sagt Marco mit einem Augenzwinkern. 

Im Schnitt merkt man, was für ein eingespieltes Team sie sind. Sie verstehen sich ohne viele Worte. Während Britta eigentlich an ihrem Schreibtisch arbeitet und nur Wortfetzen der beiden anderen aufschnappen kann, scheint ihr das zu reichen, um immer genau zu wissen, worum es geht. Genauso verständigen sich Yann und Marco nahezu ausschließlich mit Blicken und besagten Halbsätzen und schneiden die Videos in einem unglaublichen Tempo. Schnell entscheiden sie, was ihnen gefällt und was nicht.

Kein Wunder: Die drei produzieren selbstständig im Jahr ca. 20 zehnminütige Dokumentationen für „hallo deutschland“, zwei große 45 Minuten-Dokus und noch weitere Folgen für ihre Ermittlerserien. Insgesamt schaffen sie ungefähr 600 Sendeminuten im Jahr, erzählt Britta. Um das stemmen zu können, muss man eben genau so schnell sein.

Dadurch, dass das Team so klein ist, trägt jeder einzelne natürlich eine besonders große Verantwortung. Gerade als so junger Journalist und Berufsanfänger wurde Yann da ganz schön ins kalte Wasser geschmissen. Er wirkt allerdings wie ein erfahrener Investigativ-Journalist und nicht wie jemand, der bis vor kurzem noch studiert hat. Den gesamten Tag über spürt man keinen Funken Unsicherheit im Umgang mit den Themen, seinen Aufgaben oder den Beamten. 

Gegen 13:00 Uhr werden die Jungs hungrig und es wird die erste Pause eingelegt. Die „Redaktionsküche“ wird tatsächlich nahezu täglich genutzt und erinnert an die Küche in einer Wohngemeinschaft – ebenso wie das Bad übrigens, das voll mit Zahnbürsten, Duschgel usw. ausgestattet ist und so wirkt als würden sie dort nicht nur arbeiten, sondern auch leben. „Ja, der Gedanke ist auch gar nicht so abwegig.“ Geben die beiden lachend zu.

Die Redaktionsmitglieder verbringen unglaublich viel Zeit zusammen, aber auf die Frage, ob sie sich nicht irgendwann auf die Nerven gehen, antworten alle unabhängig voneinander mit „Nein“. Für ihre Arbeit ist Vertrauen sehr wichtig, sie kennen sich mittlerweile unglaublich gut und wissen genau das auch zu schätzen. Und die Arbeit wird ihnen so schnell nicht ausgehen: Kriminalität fasziniert nämlich nicht nur Marco und Yann, sondern sehr, sehr viele Menschen. Das ZDF erzielt mit solchen Filmen gute Quoten. „Es gibt einfach keine Generation, die das nicht irgendwie spannend findet. Wir haben eine riesige Zielgruppe – Kriminalgeschichten ziehen immer.“

Yanns Handy klingelt. Den Mann, der anruft, ist einer der Protagonisten in seinem aktuellen Projekt. Er hat vor vielen Jahren ein falsches Geständnis abgelegt, weswegen er Jahre lang unschuldig im Gefängnis saß. Yann plaudert kurz mit ihm und verabredet sich auf einen Kaffee. Bei einem Kaffee in der Redaktionsküche erzählt mir auch Britta, dass manche Angehörige von Opfern, über die sie berichtet haben, ihnen noch Weihnachtskarten schreiben.

Ich möchte wissen, ob sie sich emotional vor dem überhaupt verschließen können, womit sie sich täglich beruflich beschäftigen. „Du musst es auch emotional an dich ranlassen, allein aus Respekt den Menschen gegenüber, mit denen du sprichst. Nur, wenn du emotional dabei bist, kriegst du das auch von deinem Gesprächspartner zurück. Und das ist ja letztendlich auch das, was du für den Film brauchst, dass sich die Menschen öffnen“, stellt Marco klar und Yann nickt zustimmend: „Alles, was mit Kindern zu tun hat, ist immer das Schlimmste. Das geht einem schon nah.“ Vor allem auch am Tatort zu drehen sei deutlich intensiver, als im Büro zu sitzen. Trotzdem schafft Yann es nahezu immer, den nötigen professionellen Abstand zu halten. Es ist eben seine Arbeit und er begeistert sich dafür. Das Ziel sei es schließlich zu berichten.

Die Frau vom BKA ruft im Lauf des Tages nicht zurück, doch Yann ist sich sicher, dass er seine Aussage schon bekommt. Man muss nur dranbleiben.