Ein märchenhaftes Dickicht – Kritik: Hanami & Dämonen (2019)

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Im Jahre 2008 feierte Doris Dörrie, die man zumeist mit ihren Beziehungskomödien zwischen Männern und Frauen assoziiert, einen ihrer größten künstlerischen wie auch kommerziellen Erfolgen mit dem Film »Hanami – Kirschblüten«. Dieser, von dem Kino von Yasujiro Ozu inspirierte, Film schildert die Geschichte eines alten Mannes (Elmar Wepper), der sich nach dem Tod seiner Frau (Hannelore Esler) mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert sieht und eine letzte Reise nach Japan, dem umschwärmten Ort seiner Frau, unternimmt.

Nach 10 Jahren, die vergangen sind, kehrt Dörrie mit »Hanami & Dämonen« in dieses Universum zurück und schreibt nun die Geschichte des erwachsenen Sohnes (Golo Euler) fort, den wir zuletzt als Banker in Tokyo erlebten. Sein Leben hat sich seit dem Tod seiner Eltern gewandelt. Er ist zu einem Verlierer geworden, der Frau und Kind verloren hat. Sie will nichts mehr mit ihm zu tun haben und das Kind kann er höchstens sporadisch sehen. Er ersäuft sich  in Selbstmitleid und versucht seinen Kummer durch Alkohol zu stillen. Schließlich steht die junge mystische Japanerin Yu vor seiner Tür. Sie hat schon seinen Vater auf seiner letzten Reise begleitet.

Der Film verhandelt die Suche seines Protagonisten Karl nach sich selbst, ist eine Selbstfindung, die aber komplett überladen erzählt wird, denn der Film ist vollgestopft mit Inhalten und Versäumnissen seines Protagonisten, die aufgearbeitet werden wollen: Es gibt den Verlust der Männlichkeit und die schwere Kindheit unter den patriarchalen Vater, unter dem sich Karl immer als das schwächste Glied der Familie fühlte und mit seiner eigenen Entwicklung als Mann strauchelte. Dies beschwört der Film in seancenhaften Sequenzen in der bayrischen Heimat der Figuren, die im Gegensatz zum Vorgänger, wo dies die japanische Ferne übernahm, das Zentrum des Films bildet und deren eigene kulturelle und spirituelle Geister von Dörrie in verschiedenen Variationen ausgegraben werden. Dazu gesellt sich neben diesen flackernden Geistergeschichten, in denen die Eltern wieder vor den Augen ihres Kindes erscheinen, eine Liebesgeschichte und natürlich auch ein paar gewöhnliche Familienkonflikte von entfremdeten Geschwistern. Das äußert sich relativ dumpfbackig unter anderen für in einem Bruder, der jetzt Mitglied bei der AfD ist (aber die vom Film natürlich anders genannt wird) und Kampagne macht, während sein Sohn sich in sein Zimmer einschließt (vgl. Hikikomori) und aus Protest gegen ihn ein Nazikreuz auf der Stirn trägt.

Der Film erzählt davon, wie das Leben weitergehen kann nach dem Tod der Eltern, alles muss neu geordnet werden in diesem Leben des Protagonisten Karl. Es ist ein Film, der dabei vieles anreißt, kaum aber seine Konflikte zu Ende denkt, sondern sie im Raum stehen lässt. Nur der Weg seines Protagonisten zu sich selbst scheint hierbei zentral und die rote Linie des Films darzustellen, denn der Film bildet ansonsten keine Einheit. Was wir in diesem Film sehen ist ein Auf und Ab, ist ein wankelmütiges Werk, das zwischen humorvollen Einlagen und Schwermütigkeit wechselt. Und ist ein steiniger Weg, den Dörrie vor allem in  der ersten Hälften beschreibt, weil der Film dort immer wieder neue Themen aufmacht. In der zweiten Hälfte ist der Film schon fokussierter, weil er alle Themen aufgemacht hat und sich an ihnen zeitweise abarbeiten kann.

Die Inszenierung des Films ist ebenso wankelmütig wie der Film selbst: Flackernde Dämonen treffen auf mindestens drei sichtbar verschiedene Kameratypen, die Handkamera irritiert, die Darsteller spielen zwischen teilweise gelungen und hölzern, was auch den plakativen Dialogen geschuldet ist, die oft das direkt aussprechen, was die Figuren denken. Das lässt den Film oft platt wirken und eine wirkliche souverän auflösende Regisseurin lässt sich dahinter nicht erkennen. Der Film mag provisorisch, also mitunter improvisiert worden sein, aber der Film stößt dort auch an seine Grenzen. Es geht nicht immer alles ineinander, sondern bleibt meist etwas befremdlich nebeneinanderstehen. Das kann man aber vielleicht auch als eine Qualität dieses holprigen Films sehen, der viel mit Assoziationen und kulturellen Gegenüberstellungen arbeitet, ausufert, sich mitunter verliert, aber immer auf der Suche ist und dessen Blick stets fragend zu sein scheint.

Ebenso es auch schön, andere Geschichten, Geistergeschichten, in deutschen Filmen erzählt zu bekommen. Mir gefällt zwar nicht unbedingt, wie der Film seine Geschichte erzählt, das meint zum Beispiel seine vordergründige Plumpheit, was seine Inhalte und Themen angeht und oftmals einen nuancierten Blick vermissen lässt und stattdessen den Holzhammer Vorzug gewähren lässt, und welche Kurven er hinsichtlich seiner Geschichte schlagen muss, aber mir gefällt was er erzählt. Und auch diesen Film, wie seinen Vorgänger, durchzieht das Gefühl der leisen Melancholie. Die pointiert eingesetzte Musik, die schon »Hanami« durchzog, trägt ihren Teil dazu bei, um dem Film eine zärtliche Stimmung aufzudrücken. Auch Golo Euler gefiel mir, seine Präsenz der Unbeholfenheit und Verlorenheit, mit der er durch diesen Film schreitet, gibt dem Werk etwas, das auch ganz gut zu dem Gesamteindruck passt.

Am Ende bleibt ein selten wirklich zusammenhängend strukturiertes Wirrwarr an kulturellen Symbolen und Zeichen, die der Film für sich vereinnahmt, ein märchenhaftes Dickicht also , durch das man sich kämpfen muss. Ein exzentrisches, oft auch bizarr erscheinendes, manchmal abwegiges Chaos, das sich aber mit Gefühlsleben und Empfinden seines Protagonisten im Moment der Geschichte decken dürfte. Immerhin.

6.0 | 10