“Die Welt ist so reich” – Ein ganz normaler Tag am Ostkreuz

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“Ich spende für den Krieg!” brüllt der glatzköpfige Mann und gestikuliert wild mit den Armen. Der Promoter vor ihm, dessen Spendensammeln der Auslöser der Aufregung war, bleibt ruhig, aber lässt nicht locker.

Für den Krieg will der Mann, der sich hier im Eingang zum Ostkreuz so fürchterlich aufregt, keineswegs spenden. Seine Aussage war wohl eher ironisch gemeint. Als Teil einer abstrusen Gedanken-Konstruktion, in der eine Spende an eine Hilfsorganisation, Kriegstreiber bestärkt. 

Rentner, Pärchen, Schüler, Mütter mit Einkauf und alle anderen gehen vorbei, als wären die beiden Streithähne Luft. Als wäre das lautstarke Gebrüll am Nachmittag hier völlig normal. 

Ein Zeitungsverteiler versucht wenige Meter weiter unbeirrt, seine Exemplare loszuwerden und selbst die Kollegen des Promoters lassen sich nicht vom Strom der Fahrgäste abbringen. Sie haben eine strategisch gute Stelle ergattert, hier kommt niemand unbehelligt vorbei. 

Mehr als 1500 Züge halten täglich am Ostkreuz, 100.000 Menschen sind hier jeden Tag unterwegs. Damit ist es der meistfrequentierte Bahnhof Deutschlands. Mit dem laufenden Ausbau kommen noch mehr S-Bahn-Linien und eine Anbindung an den Fernverkehr hinzu. 

“Wir haben alle so viel Geld. Weißt du wie viel Geld es auf der Welt gibt!?” brüllt der bärtige Schreihals und schüttelt den Promoter an den Schultern. Dieser legt seinen Finger auf die Lippen, versucht sein Gegenüber zu beruhigen. Gar nicht so einfach. 

Es sei doch so viel Geld da. Warum man für krebskranke Kinder erst spenden müsse, fragt der Mann aufgebracht. Er will nicht spenden, das System nicht unterstützen. “Die Welt ist so reich” wiederholt er immer wieder. Die Welt ist so reich. 

Nach über sechs Minuten Diskussion und Gebrüll verliert auch der Spendensammler die Geduld. Der Glatzkopf geht wild gestikulierend seines Weges, während der junge Promoter sich bei einem Kollegen auslässt: “Das geht einfach nicht”. Verständnisloses Kopfschütteln. 

Einen Moment später scheint jedoch alles schon wieder vergessen. Um Spenden wird gebeten, Zeitungen werden verteilt, Menschen betreten und verlassen den Bahnhof. Es herrscht eine regelrechte Stille. Nicht mal von der Baustelle ist etwas zu hören. Nur die S-Bahnen fahren ein und aus. 

Ein Pärchen mittleren Alters begrüßt sich überschwänglich. Es wird wild geknutscht. Ein Junge verlässt mit zwei Mädchen den Bahnhof. Er wollte neulich im Laden einen Zauberstab von Harry Potter kaufen, erzählt der Lockenkopf. “Da hat die Kassiererin gesagt: Bist du wirklich sicher, dass du so einen Scheiß kaufen willst?” Ungläubiges Lachen. 

Das Ostkreuz hat viele Facetten: Neben Promotern sind hier regelmäßig auch Straßenmusiker und Bettler zu finden. Morgens prägen Schüler und Berufstätige das Bild, abends betrunkene Partygänger. Zum Alltag gehört aber auch die Kriminalität: Seit 2012 sind die registrierten Straftaten um 43 Prozent gestiegen. 

Hier kreuzen sich nicht nur die S-Bahnen: Am Ostkreuz trifft der Bänker auf den Bettler, der Tourist auf den typischen Berliner, der konservative Rentner auf den jungen Punk und alle zusammen auf die lauernden Promoter. 

Am Ostkreuz trifft sich Berlin, könnte man sagen. Auch wenn die Treffen oft nur einen Augenblick dauern und nicht selten mit Konflikten verbunden sind. Wer das Ostkreuz kennt, kennt Berlin. Das ist so vielleicht nicht ganz richtig. Was aber stimmt: Wer in Berlin wohnt, kennt das Ostkreuz. Und das Ostkreuz kennt alle Berliner. In all ihren Facetten.