Ein Loblied auf den investigativen Journalismus – Die Verlegerin (2018)

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In diesem Jahr veröffentlichte Steven Spielberg gleich zwei Kinofilme, die sich aber diametral gegenüberstehen. Während der eine einen popkulturellen Effektbombast (»Ready Player One«) darstellt, der vor allem eine große Lust zeigt die Spielbergmaschinerie der 80er nostalgisch zu zelebrieren, ist der andere (»The Post«, in Deutschland »Die Verlegerin«) ein historisch grundierter Polit-Thriller, ein seriöser Beitrag zum investigativen Journalismus, den Spielberg mal schnell in der Post-Produktionsphase seines Blockbusters abdrehte, um sich auch im Jahre 2018 für ein paar Oscars zu nominieren. Am 28.06. erscheint der Film nun auf DVD und Bluray. Folglich scheint es noch einmal Zeit zu sein, einen Blick zurück auf diesen Spielbergfilm zu werfen.

Ein Film, der erst noch ins Rollen kommen muss

Der Film beginnt dabei zunächst recht träge, mit einem beinahe überflüssigen Prolog im Vietnam, der nur abgedroschene Kriegsfilm- und Dschungelbilder präsentiert, die Spielberg, hätte er mehr Zeit gehabt, auch wesentlich griffiger inszeniert hätte. Folglich sind die ersten Bilder dieses Films austauschbar, helfen aber um in die Thematik der Pentagon-Papiere hineinzufinden, die enthüllten, dass das amerikanische Volk absichtlich hinsichtlich des Vietnams-Krieges mit falschen Informationen gefüttert wurde, um von dort aus langsam die eigentliche Geschichte von den Charakteren aus zu entblättern.

Spielbergs neuer Film ist ein schlankes Werk, dem man aber auch anmerkt, dass es in kürzester Zeit entstanden ist. Gerade in den Massen- und Außenszenen macht sich das bemerkbar, die provisorisch innerhalb artifizieller Studiokulissen eingerichtet wirken und bestenfalls über stereotype Elemente den Zeitgeist wiedergeben sollen. Dort siegt die Schludrigkeit dieser raschen Produktion über das sonst virtuos kinetische Szenenarrangment von Spielberg. Das ist aber vielleicht auch nur ein Luxusproblem des Films, der sich wahrscheinlich dieser eigenen Schwäche auch bewusst ist. Nicht umsonst scheint der Film Massenszenen zu vermeiden und beschränkt sich auf verdichtete Innenräumen.

Der Film schildert die Verwicklungen der Aufdeckung der Pentagon-Papiere aus journalistischer Sicht. Dabei ist für ihn weniger interessant, was die Pentagon-Papiere letztlich sind. Das klärt der Film bereits im ersten, dem typischen Polit-Thriller nach Alan Pakulas »All the President´s Men« erzählten Drittel, das im Grunde vordergründig die Suche und Jagd nach den Papieren verschiedener Zeitungen beschreibt.

Der warmherzige Blick auf die Figuren zählt

Denn dem Film geht es weniger weniger darum ein Thriller zu sein, also herauszufinden worum es konkret geht, was für Enthüllungen es sind, als um die moralischen Zweifel seiner Protagonisten, die sich entscheiden müssen zwischen journalistischen Werten, der möglicherweise in Verruf geraten könnenden Reputation durch eine Veröffentlichung, mit der sie ihre Zeitung, die Washington Post, aufs Spiel setzen würden; und persönlichen Freundschaften, wie zu Robert McNamara, der dadurch demaskiert werden würden. Diesen Komplex ist der Film bemüht ausführlich auszubreiten, in seinen Facetten behutsam zu beleuchten, um den Konflikt seiner Figuren für den Zuschauer zu verdeutlichen.

Es ist ein gemächlicher und bodenständiger Film, der fast schon zurückhaltend inszeniert ist. Der Film nimmt sein Thema ernst, arbeitet auch – typisch für Spielberg – mit lockerem Humor und den Mechanismen der Spannung, um es zu vermitteln. Daraus entsteht natürlich wieder ein historischer Film, der einen hohen Unterhaltungswert besitzt und der auch, wenn er erstmal Fahrt aufgenommen hat, in konstanter Bewegung bleibt. Die dynamische Kamera von Janusz Kaminski verfolgt die Figuren dabei, stürmt mit ihnen durch die Redaktionsräume. Nichtsdestotrotz verliert der Film aber auch nicht seine kammerspielartige Konzentration.

Besonders eindrucksvoll in diesem Film ist Meryl Streep, die sich als Velegerin Kay Graham zu einer Frau entwickelt, die das Schicksal ihrer Zeitung in die eigenen Hände nimmt. Das Spannende an dieser Figur ist, dass Spielberg sie in Widersprüche und Konflikte verwickelt, die spürbar sind.

Sie ist eine am Anfang unsichere und vorsichtige Frau, die mit dem großen Erbe ihres Mannes zu kämpfen hat und sich dieser Aufgabe in einer Männerdomäne nicht ganz gewachsen zu fühlen scheint, Zweifel hegt und von anderen bevormundet wird, schließlich sich aber davon emanzipiert und am Ende zu ihrer eigenen Stimme findet. Spielberg verdeutlicht vor allem ihren inneren Kampf, ihren Kampf mit sich selbst, der am Ende zu einer Entscheidung führen muss.

Der Film baut auf diesen Figuren auf. Es ist ungewöhnlich für Spielberg, dass er sich so stark seinen Charakteren und einer linearen Wandlung einer Figur hingibt. Denn in seinen meisten Blockbustern mögen diese zwar auch griffig inszeniert sein, aber in den meisten Fällen scheint er sie dort auch nicht bis zu Ende zu erzählen. Eine für die »Heldenreise« typische Wandlung wird eingeführt oder angedeutet, aber zumeist nicht auserzählt. Dieser Film ist dagegen tatsächlich sehr stark auf sie gerichtet und hinsichtlich dieser Figur offenbart Spielberg dann auch wieder einen sehr empathischen Blick.

Lang lebe der investigative Journalismus

Spielberg singt ein Loblied auf den investigativen Journalismus, liefert ein geradezu altmodisch liebenswertes Kino, das seinen Figuren viel Zeit und Raum einräumt, um sich über sich und ihre Situation klar zu werden. Das Reporterteam wird bei Spielberg zu einer kleinen Familie, die an einem Strang zieht für ihre Ideale.

Es ist aber kein üblicher Journalismusfilm, wo Reporter nach etwas ganz bestimmten suchen, Wissende befragen, sondern ein Film der sich mit der Frage auseinandersetzt, was die Journalisten mit ihrem Material tun sollen, wenn sie wissen, dass es sie vor Gericht bringen kann, weil sie den Regierten, nicht den Regierenden dienen wollen.

Dieser Film ist sicherlich keine Großtat in Spielbergs Schaffen, dafür ist er schlichtweg zu holperig erzählt, aber er stellt ein routiniertes Nebenwerk dar, in dem er seinen vertrauten Mitarbeiterstab einigermaßen gewandt und tauglich durch den Film lotst. Das soll aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es sich bei »The Post« für den heutigen Zeitgeist um ein relevantes Werk handelt, das seinen Blick retrospektiv zurückwirft, um auch Parallelen zu unserer heutigen Gegenwart abzuzeichnen und das die Bedeutung des Berufes eines Journalisten in der Gesellschaft zementiert.  Am Ende schließt der Film mit den Ereignissen direkt an den Alan Pakulas Klassiker an, den er als seinen geistigen Nachfolger begreift und dort endet, wo dieser beginnt. Eine gute Gelegenheit also nach »The Post« auch gleich wieder »All The President´s Men« aus dem Schrank zu holen.

 

6.5 / 10