Kinofavoriten des Kinojahres 2019 | Personal Top 10

Es folgen ein paar persönliche, fragmentarische Gedanken zu meinen Favoriten des Filmjahres 2019. Mit bewusst keinem Anspruch auf Vollständigkeit.

1. The Irishman

(R: Martin Scorsese | USA 2019)

Dieser neuste Film von Regielegende Martin Scorsese, vor wenigen Wochen kurzzeitig in einigen wenigen Kinos, nun exklusiv bei Netflix zu sehen, ist ein wehmütiger Abgesang auf seine eigenen Gangsterfilme und den Mythos, den sie zelebrierten. Am Ende dieses Films bricht Scorsese mit diesen Mythen und nimmt sich viel Zeit nachdem er über drei Stunden eine komplexe Geschichte um Vertrauen und Misstrauen, Macht und Korruption und Männerfreundschaften -- im Hintergrund immer auch immer die Geschichte Amerikas -- aufgeblättert hat, endlich auszuatmen, zu reflektieren und ernüchternde Bilanz zu ziehen. Er raubt seinen Figuren den Glanz und schickt sie in eine Art persönliche Verdammnis, wo sich wieder die Frage von Schuld und Sühne stellt. Im Vergleich zu Scorseses anderen Werken ist dieses Spätwerk wesentlich statischer und konzentrierter, hat oft einen kammerspielartigen Charakter. Man braucht Geduld für diesen Film, wenn man sich diesem in seiner Breite fast romanhaft anmutenden Film offen hingibt, dann entsteht auch ein Sog. Das liegt nicht nur daran, dass der Film durchaus auch Scorseses typischen Witz bereithält, den Drehbuchautor Steven Zaillian genussvoll in seinen Dialogen ausreizt, sondern weil der Film sich auch das Wesentliche konzentriert, nämlich die Reise seiner Figuren, die besonders über die Observierung der markanten Gesichter seiner Darsteller erfahrbar macht. Dadurch wird der Film nicht nur zu einem überraschend kurzweiligen Spätwerk, sondern letztlich auch zu einem kraftvollen Resümee von Scorseses Gangsterfilmen. Oder mit einen anderen Worten gesagt: Mit diesem Film zieht er deutlichen Schlussstrich. 

2. Systemsprenger

(R: Nora Fingscheidt | D 2019)

Man kann sagen, was man will, aber der Film hat einfach Power. Es ist ein impulsives Filmdebüt von Nora Fingscheidt, das keine Kompromisse macht und konsequent seiner aneckenden Protagonistin folgt, die der Film aufmerksam und empathisch beobachtet. Der Film verteufelt die Menschen nie, die dem Mädchen helfen wollen, sondern zeigt sie mit Herzblut an der Arbeit, aber auch in ihrer Verzweiflung, weil sie nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Der Film besitzt formal denkwürdige Augenblicke, wenn er die Wutanfälle des Mädchens versucht audiovisuell fühlbar zu vermitteln. Das schafft der Film in einer originellen Form und kann dadurch Augen öffnen. Der Film gibt dazu keine Antworten hinsichtlich des Umgangs mit diesem Mädchen, dem Systemsprenger, sondern zeigt zwar auch Erfolge, aber zumeist folgen auf diese auch niederschmetternde Niederlagen. Der Film ist folglich ein wuchtiges Wechselbad der Gefühle, das betroffen macht und anregt über dieses System nachzudenken. Es ist ein Film, den man erleben muss, weil er wirklich lebt und atmet. Das heißt: Jungen deutsches Kino at its best. 

3. Sunset

(OT: Napszállta | R: Laszlo Nemes | UNG, F 2018)

Laszlo Nemes begibt sich in seinem zweiten Spielfilm nach “Son of Saul” auf eine familiäre Spurensuche mit seiner Protagonistin, die uns immer auch ein bisschen distanziert und verschlossen bleibt. Es ist ein rätselhaftes Werk, das nur langsam sich für seinen Zuschauer offen legt. Der Film hat etwas von einer Schnitzeljagd, treibt von Frage zu Frage, die immer wieder sehr konkret von den Figuren gestellt wird und dann das vorläufige Ziel des Films vorgibt. Nemes gießt das, wie schon in dem Vorgänger “Son of Saul”, in eine von Plansequenzen durchzogene und mit der Kamera an seinen Figuren geheftete Form, die zwar ein weiteres Panorama (also hinsichtlich des Blickfelds) als in seinem Vorgänger liefert, aber sich immer noch dicht, eng und verschlungen an ihre Fersen heftet und so das historische Gemälde in einem Budapest 1913, kurz vor dem ersten Weltkriegs, seine Rekonstruktion, erfahrbar macht, weil wir uns mittendrin befinden und keine Distanz zu den Geschehnissen erzeugen können. Das ist besonders im Kino eine fühlbare Erfahrung, ein Erlebnis, welches das Historische aus einem neuen (fragmentarischen) Blickwinkel erzählt. Der Film zieht einen in seinen Sog, bietet mehr betörende Bilder als sein Vorgänger, ist aber ähnlich wie dieser auch schon fast wie ein Thriller gebaut und verweist auf eine Unterwelt, in die wir mit unserer Protagonistin stürzen und die uns am Ende in die Gräben des ersten Weltkrieges führen wird. 

4. Das schönste Paar

(R: Sven Taddicken | D 2019)

Der Film erzählt von einer Beziehung, die durch ein gemeinsames Trauma einer Demütigung und Vergewaltigung, unter Belastung steht. Es ist ein beklemmend intensives Werk, das sich auf die Verarbeitung seiner Protagonisten konzentriert, die Verdrängung und die erneute Konfrontation mit ihrem Peiniger, dem sie Stück für Stück wieder näherkommen. Es ist ein emotional forderndes Werk, das Abgründe, Schmerz und Dissonanzen offenlegt. Sven Taddicken baut in seinem Film immer wieder Momente ein, die man aus bodenständigen Genrefilme kennt und den Thrill für den Film liefern (so die Dämonisierung des Antagonisten, der erst in der zweiten Hälfte ein menschliches und im Vergleich dazu auch wesentlich verletzlicheres Antlitz erhält). Der Film legt es auf eine Konfrontation an, ist ein unangenehmes Werk, zeigt eine Verstörung in der Beziehung auf, die das Paar gemeinsam überwinden müssen. Der Film wirft einen differenzierten Blick auf das Thema des Trauma und der gemeinsamen Bewältigung zu geben und versucht keine Geschichte um Vergeltung und Rache zu Protokoll zu geben, schon eher versucht der Film das Prinzip von Rape-and-Revenge-Filmen zu hinterfragen, dadurch erzeugt der Film auch Realitätsnähe, die ihn letztlich auch so beklemmend, so kraftvoll werden lassen. 

5. Burning

(R: Lee Chang-dong | KOR 2018)

Der Film lädt  den Zuschauer ein sich in seiner hypnotischen Langsamkeit zu verlieren. Denn der Film entwickelt über seine knapp mehr als zwei Stunden ein labyrinthisches Dickicht aus mysteriösen Zeichen und Hinweisen, die immer wieder zu neuen Gedankenspielen einladen. Nichts in diesem Film ist nur eindeutig, sondern stets vage und mehrdeutig. Das macht die Spannung dieses Films aus, der von einer Dreiecksgeschichte zwischen zwei Männern, einer arm, einer reich und einer jungen Frau erzählt, die plötzlich verschwindet. Der Film ist gezielt inszeniert, lebt von eindrücklich langen Einstellungen und von seiner Lust an den Bildern. Der Film spielt mit dem Erwachen seines Protagonisten, fragt oft, was Phantasie und Realität, Schein und Sein (oder nur literarische Kompensierung ist. Das Spannungsfeld des Films ist groß, was zunächst offensichtlich scheint, ist in seinen kleinen Nuancen am Ende gar nicht mehr so klar. Und das macht diesen Film so besonders, der aus einer schon sehr vagen Kurzgeschichte als Ursprungsmaterial etwas sehr eigenes kreiert. 

6. Marriage Story

(R: Noah Baumbach | USA 2019)

Tatsächlich ist dieser autobiografisch gefärbte Film von Noah Baumbach, der von einer schmerzvollen Trennung eines Theaterregisseurs und einer Schauspielerin, ein Höhepunkt in seinem Schaffen. Der Film ist bemüht beiden Seiten dieses Konfliktes gerecht zu werden, obgleich ich das Gefühl hätte, dass emotional Baumbach dann doch eher Adam Drivers Vaterfigur, da sie ihn spiegelt, näher steht. Das tut dem Film aber keinen Abbruch, denn er besitzt genug Reflektion, um über beide Figuren nachzudenken. Erst scheint Baumbachs Aufmerksamkeit Scarlett Johanssons Figur zu gelten, später dann fokussiert sich der Film auf Adam Driver und seinen Leidensweg. Der Film stellt ein Wechselbad der Gefühle dar, das sowohl beißenden Witz (u.a. in Form von Laura Dern oder Ray Liotta), aber auch Zärtlichkeit ermöglicht. Das macht auch die Qualität dieses sorgsam inszenierten Films aus, der seinen Darstellern viel Raum schenkt, um ihre Figuren auszubreiten und sie über sich sprechen und schweigen zu lassen. 

7. Der Leuchtturm

(OT: The Lighthouse | R: Robert Eggers | USA 2019)

Expressionistischer und bizarr-genussvoll auskostender Seemannsgarn, der sich hinsichtlich seiner Filmrhetorik zurückbesinnt auf Stummfilme und insbesondere den deutschen Expressionismus. Der Film mischt seine verschiedenen Vorbilder, zu denen auch Kubricks “Shining” und Hitchcocks “Die Vögel” gehören, zu einem Dickicht an mythologischen Verweisen, Aufzeichnungen echter Leuchtturmwärter und Filmzitaten an und entwickelt daraus seinen eindringlichen Sog, der seine Figuren langsam, aber sicher komplett am Rad drehen lässt und schließlich sie den Wahnsinn in ihrer Isolation verfallen lässt. Folglich ist der Film eine Studie des Wahnsinns, die sich an zwei Männern manifestiert, die wie Motten vom Licht angezogen werden. Der Film ist dabei stilecht, nimmt sich “Shining” als großes Vorbild, besitzt wummernde Drones und eindrückliche Geräusche, diese zementieren die unheilvolle Stimmung und Willem Dafoe darf dann sogar wie wild geworden mit einer Axt umherlaufen. Die Figuren bleiben dabei distanziert, man weiß nie, von dem, was sie erzählen, was Wahrheit und was Lüge ist, denn wir sind in diesem Kammerspiel mit ihnen gefangen, trügerisch wirken diese Figuren, als hätten sie etwas zu verbergen und so geraten wir einen reizvoll-sagenhaften Strudel, der durch einen durch seine wahnhafte bis wahnwitzige Form nicht mehr loslässt.

8. Mid90s 

(R: Jonah Hill | USA 2018)

[…] Es bleibt schlussendlich vornehmlich eine Hommage an eine Szene und eine Zeit darstellt. Von der Machart ist ein typisches Coming-of-Drama, das aus der Perspektive seines Neulings in der Szene Stevie erzählt ist, mit dem wir Schönheit als auch Ängste kennenlernen. Das erinnert bisweilen an die Filme von Larry Clark, bloß ist dieses Werk definitiv sanftmütiger, konventioneller (denn die Figuren sind zum Großteil zweidimensional) und ein bisschen seichter, um nicht zu sagen gutmütiger. Der Blick von Jonah Hill ist nie gnadenlos, sondern er mag diese Szene und ihre dreisten Slang. Der Film fühlt sich in dieser Szene wohl, ob es jemanden Zuschauer so geht, steht dabei auf einem anderen Blatt. Das Werk bleibt ein Fragment, das aus der Zeit gefallen wirkt, ein Film, den man vergraben hat und nun schönerweise wieder gefunden hat.

Ganze Kritik: https://www.benowtv.de/eine-wehmuetige-traeumerei-filmkritik-mid90s-2018/

9. Ad Astra

(R: James Gray | USA 2019)

James Grays neuer Film ist ein meditativer Science-Fiction-Film über Väter und Söhne, die voneinander Abschied nehmen müssen. Thematisch ist dies folglich ein Film in der Linie seiner vorherigen Werke -- wie dem Abenteuerfilm “The Lost City of Z”. Anstatt sich aber in dem Dickicht des Dschungels zu verlieren, bricht das Kino von James Gray zu den Sternen auf, um abtrünnigen Vater (Tommy Lee Jones) und Sohn (Brad Pitt), der auf eine Mission geschickt wird, um diesen zu suchen, miteinander zu vereinen.

Gerade wegen dieser Langsamkeit und der Ruhe, die der Film innehat, habe ich diesen Film genossen. Der Film besitzt dazu ein nachdenkliches Voice-Over, das seinem Protagonisten nahe kommen möchte, aber dessen Gefühle eher auserklärt und ausformuliert. Ich bin mir fast sicher, dass diese Entscheidung ein Studio-Kompromiss war, der in letzter Minute entschlossen wurde. Die eindrücklichen Bilder, die auch die Zustände seines Protagonisten veräußern, seine Einsamkeit und Abgeschiedenheit von anderen Menschen deutlich machen, reichten dem Studio nicht aus.

Gerade wegen dieser Langsamkeit und der Ruhe, die der Film innehat, habe ich diesen Film genossen. Der Film besitzt dazu ein nachdenkliches Voice-Over, das seinem Protagonisten nahe kommen möchte, aber dessen Gefühle eher auserklärt und ausformuliert. Ich bin mir fast sicher, dass diese Entscheidung ein Studio-Kompromiss war, der in letzter Minute entschlossen wurde. Die eindrücklichen Bilder, die auch die Zustände seines Protagonisten veräußern, seine Einsamkeit und Abgeschiedenheit von anderen Menschen deutlich machen, reichten dem Studio nicht aus. Die Geschichte ist zugegebenermaßen eine dünn entworfene Skizze, die mit symbolischen Bildern aufgeladen wird. Nicht alles an diesem Film ist wie gesagt gelungen. Das beginnt einmal mit dem Voice-Over Brad Pitts, das zu viel gesagt, geht über ulkige Drehbuchideen, wie den wild gewordenen Affen im Weltraum, als Hürde inszeniert, bis hin zum Ende, das eher holprig anmutet, weil es so statisch und gleichzeitig so gehetzt erzählt erscheint. Die Begegnung mit dem Vater am Ende wird schließlich auf das Wesentliche verkürzt, der Film beginnt am Ende brüchig zu werden, beginnt sich aufzulösen.

Das wiederum ist aber auch einer dieser reizvollen Widersprüche, die der Film hat, und womit er sich auch als Film eines Auteurs entpuppt, der versucht seine Vision innerhalb eines Studiosystems umzusetzen. An Brad Pitt kann sich James Gray zum Beispiel gar nicht satt sehen, sein Gesicht wird von Gray nahezu obsessiv gefilmt, immer darauf wartend, dass Geheimnis hinter diesem Gesicht zu bergen. Mich hat Grays stimmungsvoller Film in seinen Bann gezogen, trotz gewisser Abstriche.

10. Le Mans 66

(OT: Ford v Ferrari | R: James Mangold / USA 2019)

Der Film beschwört ein tradiertes Männerbild herauf, ist konservatives und romantisiertes, aber mit viel Liebe für Details erzähltes Männerabenteuer, welches seine beiden Protagonisten im Rausch der Geschwindigkeit zeigt. Diese Männerfiguren leben ihre Passion und scheren nicht um Sieg, sondern brennen für die Arbeit dahinter, für die Möglichkeit hinter dem Lenker zu sitzen und das Auto in seinen besten Momenten zu fühlen. James Mangold ist dafür der richtige Regisseur, um daraus einen traditionellen Hollywoodfilm im Sinne des Classical Hollywoods zu machen, der liebenswert wie auch humorvoll seine Figuren zeichnet und dem ganzen Szenario, das auf einer dünnen Geschichte fußt, Leichtfüßigkeit zu verleihen. Der Witz ist es auch der diesen knapp 150 Minütigen Film so kurzweilig macht. Die Rennszenen, die es in diesem Film auch zu einem Übermaß gibt, sind dazu temporeich montiert und spiegeln das Gefühl der Geschwindigkeit gut wieder. Man wird von diesen Sequenzen mitgerissen. Darum geht es dem Film auch, das Adrenalin -- wenn auch möglichst konventionell -- fühlbar zu machen und ihn damit zu begeistern. Ich bin mir noch nicht ganz im klaren, warum mich dieser eben auch recht konservative und altmodisch erzählte Film so für sich gewinnen konnte, vielleicht, war es die warmherzige Nostalgie des Films, die mich an die goldenen Tage Hollywoods erinnerte, die mir sympathisch waren und die es so selten noch im Kino zu sehen gibt, vielleicht war es die Souveränität eines etablierten Filmemachers wie James Mangold, der sich gerade auf der Höhe seiner handwerklichen Kräfte befindet, die mich in ihren manipulativen Charme einlullte und mich bis zum Ende nicht mehr loslassen wollte. Was soll es. Den mochte ich.