Das waren die Film-Highlights des letzten Jahres

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#1 In den Gängen

(R: Thomas Stuber | D 2018)

Der Film macht ein kleines Universum innerhalb eines Supermarktes auf. Es ist ein leiser und beinahe lakonischer Film, der kaleidoskopartig, von seinem schweigsamen Protagonisten ausgehend, drei Geschichten seiner zentralen Figuren erzählt, Impressionen von der Arbeitswelt liefert, aber auch durch seine lebendigen Figuren besticht. Man fühlt sich wohl in dieser Welt, gibt sich auf eine Reise in eine fremde Welt, die ihre eigenen Regeln zu haben scheint. Der Film ist bedachtsam erzählt und besonnen inszeniert. Der Film ist schlichtweg liebenswert, liebenswert alltäglich. Er pendelt unaufgeregt und empathisch zwischen humorvoller Leichtfüßigkeit, in der der Witz nie zu laut, sondern zwischen den Zeilen entworfen wird und wehmütiger Schwere. Dennoch bleibt es am Ende ein optimistischer, vor allem den Menschen verpflichteter Film, dessen unscheinbare Seele aber Peter Kurth als Mentorfigur ist. Großes, kleines deutsches Kino.

 

#2 Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

(R: Martin McDonagh | USA, GB 2018)

Das ist tatsächlich Martin McDonaghs bis dato reifstes Werk, das vollkommen selbstständig funktioniert. Ich war positiv überrascht! Der Film meistert den Spagat zwischen dreist-vulgärer Komödie und leiser Wehmut. Denn die Übergänge sind fließend. Das eine rutscht ins andere und umgekehrt. Es ist eine tragischkomische Welt, die von ulkigen, aber differenziert betrachteten Figuren bevölkert ist. Es ist ein empathischer Film, der jeder seine Figuren ihren Moment zugesteht, überraschend versöhnlich mit den Figuren umgeht, ihre Fehler verzeiht und es somit versucht allen recht zu machen (das könnte man wohlgemerkt kritisieren). Mich hat der Film beeindruckt, sein Wille verschiedene Ansichten gegenüber und gegeneinander zu stellen. Der Film liefert Diskurs, in dem er sich ständig selbst kommentiert und diskutiert. Für einen Oscarfilm überraschend nuanciert und bewegend.

 

#3 Transit

(R: Christian Petzold | D, F 2018)

Petzold hat mal wieder einen Kinofilm gemacht. Nach Anna Seghers Roman. Muss natürlich hier landen. Der neuste Kino-Petzold macht dein Eindruck einer konzentrierten Versuchsanordung. Es ist wieder ein bisweilen kühl beobachteter und analytischer Liebesfilm, in dem die Gefühle unter der Oberfläche liegen, in kleinen Gesten und Berührungen erkennbar werden. Matthias Brandt führt als sporadischer Erzähler durch die Geschichte, die von Menschen in einem Transitraum erzählt, einem Zwischenraum, wo sie auf das Morgen warten. Es ist ein Film über Geister, die darauf warten, die Brücke zur neuen Heimat zu überstreiten. Der Film entblättert sich vorsichtig, ihn treibt etwas geheimnisvolles an. Der Film vermittelt beinahe etwas traumartiges, ist eine Zwischenwelt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die Petzold nie auflöst. Die Gegenwart und der Text stehen sich gegenüber, nicht immer im Einklang, aber daraus ergibt sich auch das Besondere, das Genuine des Films, der eine einfache Geschichte erzählen will und Petzolds letzte Filme konsequent fortsetzt. Total hypnotisch.

 

#4 Gundermann

(R: Andreas Dresen | D 2018)

Deutsches Kino zum 3: Das ist ein mitreißendes Biopic von Andreas Dresen, der hiermit sein Herzensprojekt verwirklichen durfte. Der Film wandert auf den Pfaden von Walk the Line. Der Film springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, hat dabei eine eher assoziative bis emotionale Struktur. Es ist ein empathisch erzähltes Werk, ein Porträt eines Liedermachers zwischen Poesie und Baggerfahren. Dresen bebildert eine widersprüchliche Figur, die sich für nichts entschuldigt, ihren Idealen treu bleibt und doch sich nichts vergeben kann.  Es ist ein kraftvolles Porträt, dessen Musik einen besonderen Platz einnimmt. Die Musik ist elegant mit eingeworben und wird elektrisierend in Szene gesetzt. Die Empathie Dresens zu seinen Figuren ist ehrlich. Es ist ein wirklich schönes Werk, das vor allem nicht den Mief eines Biopics verbreitet, das nur an Daten und Ereignissen interessiert ist, sondern das Stück für Stück den Mensch Gundermann ausgräbt, auch wenn man ihn nie ganz verstehen kann, lernt man diese Eigenwilligkeit der Figur doch zu schätzen. Der Film ist dabei eine Tragikkomödie, die zwischen frechem Witz und leiser Wehmut wechselt, die auch die Musik von Gundermann durchzieht. Tolles und vor allem sehr vitales deutsches Kino, das auch große Bilder bereithält.

 

#5 Suspiria

(R: Luca Guadagnino | USA, I, D 2018)

Das Original von Dario Argento ist ein Klassiker des Horrorfilms und ein Film, der mich immer wieder in seinen alptraumartigen Bann zieht, ein komplett performatives Werk, das wenig am Plot, sondern vor allem am audiovisuellen Exzess interessiert war. Die Neubearbeitung des Materials von Guadagnino ist nun auch überaus eindrücklich, wenngleich wesentlich unterkühlter und entsättigter als das Original. Guadagnino geht mit diesem Film aber seinen eigenen Weg. Fand ich durchweg hypnotisch, auch wenn ich zwischendurch über so manche ideologische Befremdlichkeit gestolpert bin. Aber das hat dem Film in seiner diffusen Natur keinen Abbruch getan. Es ist eine reizvolle Interpretation des Originals, die ihn die Breite geht, weiter denkt und mit dem Zeitgeist zusammengeschustert ist. Natürlich ist der Film komplett überladen, er fesselt aber in seiner Bruchstückhaftigkeit trotzdem. Der Horror taucht zwar konkret nur an ausgewählten Stellen auf, ist aber durchweg unterschwellig präsent und bricht in drei großen Sequenzen aufs grausamste aus. Wie das Original, ein Erlebnis, aber auch komplett anders.

 

#6 Florida Project

(R: Sean Baker | USA 2018)

Es ist gewiss nicht ganz leicht über Sean Bakers neuen Film so ein klares Urteil zu fällen. Was ich aber weiß, ist, dass Baker eine enorme Empathie für jede seiner Figuren hat. Er verurteilt seine Figuren nie und das gerade bei dem White-Trash-Milieu, das gerne zum Abschuss für Karikaturen im amerikanischen Indiekino freigegeben wird. Das macht den Film besonders. Es ist ein magischer Film, ohne, dass er sich je der Realität verweigern würden. Die Farben des Films mögen knallig anmuten, vor der Realität versteckt sich der Film trotzdem nicht. Der Film folgt seinen jungen Protagonisten, aus deren Perspektive er größtenteils versucht den Alltag zu erleben. Der Film sieht aus der Perspektive der Kinder, aber schafft es auch stets die Krisen der Erwachsenen glaubwürdig und oft sehr pointiert (wie bei Willem Dafoe und dessen Sohn) zu skizzieren. In diesem Film steckt einfach das Leben, ein Hauch Optimismus, den der Film auch am Ende, wo alles zusammenbricht, nicht verliert und sich in eskapistische Welten flieht (dieses Ende ist gleichermaßen mutig wie irririerend, aber es zeigt Sean Bakers Persönlichkeit als Auteur, es zeigt eine eigene Weltsicht und ist folglich dahingehend schon mal wertvoll). Der Film hat Lust mit den Kindern auf Abenteuerreise zu gehen, bewahrt sich seine Neugier, aber auch seinen kritischen Geist (wenn die Kinder immer wieder an riesigen Reklametafeln und Konsumtempeln vorbeiziehen). Der Film skizziert zudem sehr deutlich die Widersprüche eines zerrissenen Landes, eines Amerikas zwischen Armut und Traum.

 

#7 A Beautiful Day

(OT: You Were Never Really Here | R: Lynne Ramsay | USA 2017)

Lynne Ramsays neuer Film ist ein bedächtiger Neo Noir, der den Konventionen und Sehgewohnheiten des Genres eine Abfuhr erteilt. Der Film konzentriert sich innerhalb seiner Odyssee auf das Innenleben seines Protagonisten, das erforscht wird, über dem aber auch bis zum Ende ein Schleier der Ungewissheit liegt, der nicht aufgebrochen wird. Der Film liefert fragmentarische Eindrücke aus der Vergangenheit seines Protagonisten, Bruchstücke, die der Zuschauer wie bei einem Puzzle zusammensetzen kann. Die eigentliche Geschichte ist dagegen nur eine Skizze, verläuft sehr linear, aber Ramsay ist mehr an einer eindrücklichen Charakterstudie interessiert, die auch Skurriles am Rande zulässt. Es ist ein bewusst enigmatischer Film, der das Genre nutzt, um zu seiner Figur vorzudringen. Es ist ein typischer Autorenfilm, der diese Geschichte auf den Kopf stellt. Das macht aber auch seine Kraft aus.

 

#8 Killing of A Sacred Deer

(R: Yorgos Lanthimos | GB, USA, IRL 2017)

Unterkühltes und architektonisches Lanthimos-Kino, das von Schuld und Sühne erzählt, beruhend auf einer antiken Tragödie, in der ein Vater für den Tod eines heiligen Hirsches seine eigene Tochter den Göttern opfern muss. Es ist eine Versuchsanordnung, die ein weiteres Mal die Dysfunktionalität, die Vergletscherung einer Familie bebildert. Der Patriarch hält das System zusammen, durch einen Eindringling beginnt die Fassade, das Gestellte langsam ins Chaos zu kippen. Der Film ist stilisiert, aber eindringlich und effektvoll. Der Film möchte hinab in die Abgründe springen, die sich hinter der perfekten Artikulation verbergen, hinter den Händen eines Chirurgen. Der Film ist dabei eiskalt und boshaft, sein Antagonist ein beinahe autistischer Dämon, dessen Motivation man zwar kennen mag, dessen Figur aber etwas undefinierbares behält. Den Film umgibt zunächst etwas rätselhaftes, was er aber bald auflöst und vor allem die Abwärtsspirale der Familie an die Oberfläche bringt, den Schmerz und die Verzweiflung, die Gefühle, die versucht werden schmerzlichst unterdrückt zu werden. Ein Blick in die menschlichen Abgründe.

 

#9 Das schweigende Klassenzimmer

(R: Lars Kraume | D 2018)

In diesem Jahr war ich sehr glücklich mit dem deutschen Kino. Sogar zwei DDR-Filme haben es in diese Liste geschafft. Das passiert nicht so häufig (folglich: Sonst gar nicht). Lars Kraume bebildert (nach Fritz Bauer) ein weiteres Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, in der Ideologien aufeinandertreffen, sich voneinander spalten und man nicht mehr weiß, welche Seite nun eigentlich für was steht. Kraume erzählt von der Zeit, in der West gegen Ost ausgespielt wurde und zeigt diese Zeit aus der Sicht der Jugendlichen, die selbst nicht wissen, was eigentlich vorgeht, sondern ihren Gefühlen folgen. Es ist ein traditionell inszeniertes, aber dafür kraftvoll in Szene gesetztes Werk, das man auch als Coming-of-Age-Film lesen kann. Der Film interessiert sich dabei vor allem für die Dynamiken innerhalb der Klasse, wo der Film ganz klare Protagonisten auswählt. Wie viele deutsche Geschichtsfilme ist auch dieser Film einer wahren Begebenheit verpflichtet, er führt viele funktionale Figuren ein, funktioniert aber prächtig und hatte eine enorme affektive Wirkung auf mich. Das ist ein opulentes deutsches Kino, das im Ausland konkurrenzfähig ist und im Kern tadellos inszeniert ist. Da lasse ich an dieser Stelle auch mal meine kleinen, kritischen Fußnoten zum Film weg.

 

#10 Lean on Pete

(R: Andrew Haigh | USA, GB 2017)

Hat wahrscheinlich bis auf mich kaum einer gesehen, deshalb der Verweis auf diesen Film jetzt erst recht! Es ist ein feinfühliges Coming-of-Age-Drama, das um einen Jungen kreist, der einen Halt im Leben finden muss. Er ist auf der Suche nach einer Vater od. Mutterfigur, die ihm das geben kann. Der Film spielt in dieser Hinsicht verschiedene Variationen durch. Der Film ist episodenhaft strukturiert, ein langsames Road-Movie, das mit der Freundschaft zu einem Pferd beginnt, das Charlie nicht aufgeben möchte. Dennoch ist es nie die Geschichte über einen Jungen und sein Pferd, sondern ein Film über das Heranwachsen, der sich ganz vorsichtig und zärtlich entfaltet. Es ist ein unaufgeregtes und sozialrealistisches Werk, das vielleicht gerade wegen diesem Fokus auch der beste Pferdefilm ist, den ich kenne. Ansehen!

 

Highlights aus der TV-Landschaft:

 

#1 Polizeiruf 110: Tatorte

(R: Christian Petzold | D 2018)

Dieser TV-Polizeiruf von Christian Petzold stellt den Abschied der Matthias-Brandt-Ära und seiner Figur Hanns von Meuffels, die Petzold neben Dominik Graf oder Leander Haußmann bereits zweimal belebt hatte. Es weht ein zarter Wind der Melancholie durch diesen letzten Fall, der weniger am eigentlichen Kriminalplot interessiert ist als denn am Abarbeiten seines Protagonisten, der mit dem Trennungsschmerz seiner Kollegin klarkommen muss. Es ist folglich ein wehmütiger Abschied, in dem Brandt so grantig und eigenwillig ist wie in keinem anderen Fall. Es ist ein Film, in dem von Meuffels mit sich selbst konfrontiert wird, von seinen Gefühlen getrieben wird und dadurch Wutanfälle erleidet. Die Figur ist hier ambivalent, für den klassischen Zuschauer sperrig angelegt. Im Zentrum ist dieses Werk eine Charakterstudie über die Einsamkeit und den Schmerz des Verlassenseins, den das Werk prägnant, aber in seiner Einfachheit eindringlich formuliert. Der Film lässt der Figur viel Raum.Es ist ein bodenständiges und gemächliches Ende. Ein schöner emotionaler Abschluss, der berührt.

 

#2 Kruso

(R: Thomas Stuber | D 2018)

Nochmal Stuber: Der Film ist eine Retrospektive im Schaffen Stubers. Es geht zurück zu dem Fundament vieler seiner Filme, dem Leben in der DDR. Der Film spielt auf dem Nichtort Hiddensee, auf dem die Stasi offen überwacht, aber auch ein Platz für Außenseiter und Gestrandete gefunden ist. Der Film zeichnet sich durch seine konzentrierte und feinfühlige Inszenierung aus. Der Film erzählt von dem Träumen einer Utopie bis die Realität diesen Ort einholt und die Gemeinschaft, die bei Stuber im Fokus liegt, zerfällt. Utopie und Zerfall stehen gegenüber. Der Film zeigt sehr ruhig eine kleine Gemeinschaft an Leuten, an kleinen Leuten, für die Stuber etwas übrig hat. Der Blick von Jonathan Berlin ist neugierig, so auch der des Filmes. Notiz am Rande: Von der saublöden Einführung des Films in das Thema sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn dann verpasst man einen wirklich gut erzählten deutschen Fernsehfilm, der zwar nicht so großartig ist wie Stubers Kinooutput, aber auf jeden Fall einen Blick wert bleibt.

Lobende Erwähnung:

#1 Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road

(R: Asteris Kutulas | D, GR 2017)

[…] Schließlich ist das also ein ambitionierter Film, der erschöpft, weil er konsequent sein Programm bis zum Ende durchzieht und der auf ersten Blick ein schwer greifbares Werk ist, das seinen Zuschauer mit seiner audiovisuellen Performanz erschlägt. Es ist ein wuchtiger Essayfilm, eine gewaltige und hypnotische Collage, die nicht das Konkrete sucht, sondern versucht die Poesie von Theodorakis’ Schaffen zu durchdringen. P.S.: Ein bisschen Vorwissen zu Theodorakis dürfte dennoch nicht schaden. Nur um sicher zu gehen.

(Vollständige Kritik unter: https://www.benowtv.de/unterwegs-mit-mikis-theodorakis-eine-einzigartige-filmcollage/)