Hinter der Fassade: Mein Vater, der Rockerpräsident

Andy B. im Bandidos MC Berlin Clubhaus posiert mit seiner Kutte vor dem ‚Fat Mexican’
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Jeder kennt sie und viele fürchten sich vor ihnen. Die Rockergruppe Bandidos MC. Doch sind sie wirklich nur eine Bande organisierter Krimineller oder trügt das Bild der negativen Medienberichte? Ein privater Einblick in eine gefürchtete Szene.

Freundschaft, Kameradschaft und Familie – die Lebenseinstellung des Rocker Präsidenten Andy B. der Bandidos MC Berlin. Schon in jungen Jahren fesselten ihn die großen und lauten Motorräder. Andy selbst sagt, man muss für diese Leidenschaft geboren worden sein und seine Leidenschaft steht bei ihm an 1. Stelle. Er fährt seine Harley Davidson mit Stolz und nicht des Images wegen. Doch wie wird man Rocker und was verleitet einen dazu? Alles Kriminelle oder doch Vorurteile?

Die Bandidos sind neben den Hells Angels eine der berüchtigsten Rockergruppierungen in Deutschland. Nicht nur deutschlandweit, auch international auf vielen Kontinenten vertreten.

In den Medien wird unter anderem wegen ihrem martialischen Auftritt von den “großen bösen Rockern” gesprochen. Es geht um Gewaltdelikte und man unterstellt ihnen Zuhälterei, Menschen- und Drogenhandel. Immer wieder werden Razzien von der Polizei in den Clubhäusern und in ihrem privaten Umfeld durchgeführt. Seit März 2017 läuft zusätzlich das Symbolverbot, Mitglieder der betroffenen Motorradclubs dürfen seitdem nicht mehr ihre typischen Abzeichen (z.B. der Fat Mexican der Bandidos) an der Kutte in der Öffentlichkeit tragen. Dies basiert auf einer Änderung des Vereinsgesetzes, konkret: Wenn ein Ortsverein eines Motorradlcubs verboten wird, gilt nun das Symbolverbot auch für alle anderen Ortsvereine in Deutschland. Derzeit werden juristische Schritte von den Motorradclubs geprüft bzw. werden eingeleitet.

Die wenigsten Mitglieder des Motorradclubs sind in kriminelle Machenschaften verwickelt. Denn für die meisten, wie für Andy B. auch, zählen Brüderlichkeit, Zusammenhalt und die Liebe zu Harley Davidson und diese bei jeder Gelegenheit auszufahren. Ihre Standorte sind überall auf der Welt verteilt. In den USA, Europa, Asien und Australien sind die Rocker zahlreich vertreten. Der Kontakt wird über Social Media, das Telefon, Partys, Großveranstaltungen und regelmäßige Treffen gepflegt wo sich die Mitglieder aus aller Welt treffen und austauschen.

Seit 17 Jahren sind die Bandidos in Deutschland vertreten und sie werden gefürchtet. Ich traf mich mit zwei Bandido-Mitgliedern. Andy B. der Präsident des “Chapters” Berlin und ein weiteres ranghohes Mitglied, den sie liebevoll den “Schwaben” nennen. Der Schwabe ist schon seit vielen Jahren Mitglied und erzählt von einem normalen Cluballtag.

“Es ist nichts anderes wie in einem Kegelclub”, sagt er. Es werden gemeinsame Ausfahrten und Aktivitäten besprochen sowie gegenseitige Besuche von Events außerhalb Europas und anderen Ortsvereinen. Es gibt wöchentliche Meetings oder man trifft sich für ein paar Drinks und Musik im Clubhaus. Brüderlichkeit ist das, was untereinander zählt und hat oberste Priorität. Man hilft und unterstützt sich in guten wie in schweren Zeiten, egal ob bei familiären Angelegenheiten wie Trauer oder Hochzeit.

Für viele ist der Club ein Familien-Ersatz geworden und man kann 24/7 aufeinander zählen. Gerade in schlechten Zeiten ist dieser Zusammenhalt besonders ausgeprägt. Doch es ist nicht immer einfach, den Club und die Familie/Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Es ist wie eine “Gradwanderung” sagt Andy B., es sei nervenaufreibend und anstrengend, denn die Familie muss in vielen Dingen zurückstecken und einstecken.

Das Clubleben ist nicht nur eine Frage von Geld, sondern vor allem zeitintensiv. Oft sind die Mitglieder an den Wochenenden auf ihren Motorrädern unterwegs. Eine Frau zu finden, die all diese Strapazen mitmacht, ist oft schwer, da auch sie aufpassen, muss wo sie hingeht und mit wem sie verkehrt. Der beste Einstieg sei als Single. Andy erzählt mir, die Polizei sei bei einem Kollegen aus Perleberg “eingeritten”, habe Türen eingetreten und dessen Kinder mit einer Pistole bedroht. “Oft werden wir wegen Kleinigkeiten auf dem Motorrad oder im Auto von der Polizei angehalten.” Es ist sogar die Rede von einem “organisierten Verbrechen” gegen die Bandidos von Seiten der Polizei.

Nicht jeder Bandido spielt mit offenen Karten und sagt seinem Arbeitgeber, was er in der Freizeit macht, da dies schon zu Problemen in der Firma geführt hat und die Polizei sich gegen sie stellt. Durch die unzähligen Vorurteile gibt es auch Probleme bei der Vermietung von Clubhäusern oder Eventlocations und es werden immer wieder Steine in den Weg gelegt. Viele Eigentümer wollen nicht mehr Vermieten sobald sie hören, dass es sich um eine Rockergruppierung handelt oder sie wenden sich direkt an die Polizei. Diese dürfen durch das Terrorgesetz unangekündigt Razzien durchführen.

Aber auch das Kuttenverbot (Symbolverbot) bringt viele Probleme mit sich. Rockergruppierungen tragen mit Stolz ihre Abzeichen und ihre Zugehörigkeit, doch damit ist jetzt Schluss. Für den Schwaben ist dies jedoch nicht rechtens und verstößt gegen das Grundgesetz, Versammlungsrecht, freie Meinungsäußerung und die Sippenhaft, denn andere Gruppierungen dürfen ihre Symbole auch uneingeschränkt zeigen und tragen.

Die Symbole auf den Kutten sind nicht zufällig angebracht. Jeder Patch hat seine eigene Bedeutung. Die Clubzugehörigkeit erkennt man hinten auf dem Rücken, wo meist ein großes Logo prangt. Für vorne gibt es Jubiläumspatches (5 Jahre,10,15,20…) oder auch Patches für Amtsträger, die nicht jeder hat. Es sind mehr als nur Symbole, sie zeigen wie viel ein Bandido geschafft oder sogar “erreicht” hat und spielen eine besondere Rolle.

Das Jubiläumspatch für 15 Jahre als MemberQuelle: Samantha Rettig
Das Jubiläumspatch für 15 Jahre als Member

Eine besondere Rolle spielen die Patches auch für Andy B. auf dessen Kutte das Wort “Präsident” steht. Seit mittlerweile 15 Jahren ist er nun dabei. Schon vor seiner Zeit als Bandido war er in der “Bikerszene” unterwegs und fuhr mit seiner Harley Davidson. Diese Leidenschaft und auch die Leidenschaft des gemeinschaftlichen Fahrens brachte ihn und auch den Schwaben zu den Bandidos. Es ist wie ein “Virus, von dem man nicht mehr weg will wenn es passt.” Andy hat herausgefunden, dass das was er tut sein Lebensinhalt ist und er bis zum Ende diesen Weg einschlagen wird. Als Präsident hat er eine Führungsposition und ist verantwortlich für alles, was in Berlin passiert. Er hält das “Chapter” zusammen, ist für die Organisation zuständig und natürlich überall Anwesend. Er selbst gibt zu: “Man ist das Mädchen für alles.”

Das Leben eines Bandidos. Es ist nicht immer leicht, aber das ist das Leben nie. Sie sind wie die stillen Nachbarn von nebenan, vor denen man sich fürchtet, weil sie “fremd” sind. Ihre Tattowierungen schrecken ab und sie sind von Vorurteilen gezeichnet. Aber auch diese “harten Jungs” haben ein Herz und eine weiche Schale, die nicht jeder sieht, der nicht einmal wagt über die Fassade zu schauen.

Andy B. – nicht nur Rockerpräsident sondern mein Vater und mein Held.