Andreas Scherlofsky: Der Weisheit vorletzter Schluss

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Ein Diplom in Politikwissenschaften, einen Dr. Phil in Publizistik und Kommunikationswissenschaft und einen Master of Science in Umweltmanagement. Das sind anscheinend die Bausteine, die einen in die Filmbranche treiben. Zumindest war das so bei Andreas Scherlofsky. Im alter von 50 Jahren hat der Quereinsteiger beschlossen mit seiner Management-Karriere zu brechen und hat angefangen zu drehen und zu schreiben. Und das nicht unerfolgreich. Unter anderem veröffentlichte er als Co-Regisseur und Mitglied eines fünfköpfigen Autorenteams 2017 das historische Drama „Lina“ und hat dieses sogar in die österreichischen Kinos gebracht.

BEnow: Wie groß waren die Umwege zum heutigen Beruf als Autor? Sie sind ja Quereinsteiger.

Andreas Scherlofsky: Ich habe in dieser Umstellungsphase natürlich sehr viel recherchiert, nach Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Traditionelle Filmakademien oder Schulen fallen dann gleich raus, weil da ist man dann eigentlich zu alt. Es ist auch nicht möglich, dass ich jetzt zusperre und dann von den Ersparnissen dort hingehe. Das heißt, ich muss schauen, wie ich das modulmäßig, mir zusammen lerne. Dann habe ich einen Post Graduate Lehrgang für TV und Filmproduktion gefunden, Gott sei Dank. Auf die Skript Akademie bin ich dann auch gestoßen. Das erschien mir eine der interessantesten Möglichkeiten zu sein, wo es um Drehbuch und Stoffentwicklung geht und noch dazu war es ein Internet-Modul. Es waren immer so Lektionen und Aufgaben für zuhause. Man hat das wunderbar machen können, denn ich kann auch nicht jeden Tag nach Berlin fahren, leider.

Hatten Sie auch einen Plan B?

Plan B würde ich nicht sagen, obwohl es immer gut ist so etwas zu haben. Man muss natürlich offen sein. Wenn sich rausstellt, dass ich möglicherweise an einen Punkt kommen, wo ich mir denke: „Das schaff ich nicht. Das ist mir too much.“ Dann muss ich mir was anderes einfallen lassen. Dann muss ich eben den Weg variieren, wie wenn ich wandern gehe durch die Berge. Aber im Grunde hatte ich zwei Mal im Leben berufsmäßig so Punkte erreicht, an denen ich in mich reingespürt habe was ich wirklich will.

Das erste Mal mit 20-25 Jahren wo es darum ging, was ich eigentlich studieren will? Publizistik, wozu mach ich das? Was bewegt mich? Was will ich verbessern? Wo liegen die Probleme der Welt? Und das war damals eben die Umweltthematik. Da habe ich mich dann einfach reingearbeitet. Und dann hat mich mein Vater damals gefragt: „Bist du sicher, weißt Du ob du davon leben kannst?“ Gute Frage. Und ich habe ihm gesagt: „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es ein wichtiges Thema ist und jetzt gefragt ist.“ Ich habe dann tatsächlich innerhalb von eineinhalb Jahren ein gutes Angebot bekommen, völlig aus dem Blauen heraus. Ich machte Öffentlichkeitsarbeit für den Umweltschutz und baute eine ganzheitliche Abfallwirtschaft in Niederösterreich auf.

Andreas Scherlofsky (Links) im Gespräch mit Walter Wehmeyer (Rechts)
Andreas Scherlofsky (Links) im Gespräch mit Walter Wehmeyer

Und das habe ich gemacht bis zu dem zweiten Punkt. Ich wollte wieder weg von diesem Abstrakten, und Zahlenmäßigen. Und das hat mich gerade beim Film gelockt, mehr ins Intuitive. Ich habe auch gemerkt, wenn ich in der Gruppe gesagt habe: „Leute ich werde jetzt weniger da sein. Ich gehe in Richtung Film.“, dann habe ich gespürt, dass da schon eine Flamme in mir brennt. Es war wirklich eine Überzeugung da. Es war nicht die Frage: „Naja probieren wir es halt und wenn es nichts wird, dann geht es halt im Amt weiter oder mach doch Umweltmanagementberater oder irgendwas.“ Das konnte ich nicht mehr. Also ich würde schon sagen, wenn einmal dieser weg da ist, diese Überzeugung, dann ist nur die Frage wie weit komme ich.

Können Sie Ihren Film „Lina“ kurz thematisch zusammenfassen?

Lina ist eine sehr junge Frau die in eine Ehe hineingerät, wie viele Menschen sie heutzutage führen. Damals waren ja die Ansichten noch viel starrer. Eine Frau, die in dieser Künstlerpartie, in der sie sich bewegt hat, schon experimentell unterwegs war und viele Beziehungen ausprobiert hat und die sich nicht hat einordnen lassen.

Sarah Born (Vordergrund) als Lina Loos
Sarah Born (Vordergrund) als Lina Loos im Film „Lina“

Also geht es um die Frage der Selbstbestimmung?

Ja, aber ich sage jetzt, das haben wir anfangs der Diskussion über die Figuren nicht so einseitig besprochen. Sie macht auch ihre Fehler und ungute Sachen. Ich würde nicht unbedingt sagen sie ist eine Heldin. Aber sie erkennt was sie nicht will und lernt zunehmend „Nein“ zu sagen. Das ist für mich das Wichtigste. Es war sicher nicht so, dass wir gesagt haben: „Wir machen jetzt einen Film über Selbstbestimmung oder zur Frauenthematik.“, so aufgesetzt. Wir hatten eine Gruppe die sich auch an der VHS zusammengefunden hat, wo öfter auch einige von uns mit Produzenten und Kursleitern zusammengearbeitet haben. Und es gab ein paar davon, die wollten einen Film machen, einen Kurzfilm. Da waren ein paar Ideen, die der Walther Wehmeyer, unser Produzent und Projektleiter, vorgeschlagen hat. Und wir haben dann recherchiert und sind einstimmig und recht schnell dazu gekommen zu sagen: „Hey, dass mit der Lina Loos ist interessant. Was war denn da genau?“ Und dann haben wir wieder recherchiert.

Andreas Scherlofsky (links) bei den Dreharbeiten zu „Lina“ (Foto: Peter Louis)
Andreas Scherlofsky (links) bei den Dreharbeiten zu „Lina“ (Foto: Peter Louis)

Würden Sie sagen, dass der Job stressig ist oder eher weniger stressig, weil man es so gerne macht?

(lacht) Stressig ist es nur dann, wenn man einen Drehtermin hat und dann mit 20 Leuten was organisieren muss, weil dann wird es unvermeidlich stressiger. Auch, wenn man es gut organisiert. Aber anstrengend kann es schon sein. Es ist also dann nicht so, dass man da wie ferngesteuert sich in sich selbst setzt und sich selbst dadurch kutschiert, oder auf eine Wolke setzt, auf der man dann glücklich dahingleitet. Man kommt schon immer wieder in so einen Stream, in dem man fast nicht loslassen kann. Man muss das ja jetzt so machen, wenn es dann heißt: „Jetzt passen die Sonne und das Wetter und die Stimmung: Das muss ich jetzt aufnehmen!“ Also es ist schon auch anstrengend.

Braucht man ein dickes Fell?

Auf Dauer schon.

Kamerateam bei den Dreharbeiten zu „Lina“
Kamerateam bei den Dreharbeiten zu „Lina“. Andreas Scherlofsky in der roten Jacke (Foto: Peter Louis)

Für was, Menschen oder Aufgaben?

Beides. Man braucht auf jeden Fall Geduld, weil es ist ja ein Ziel mit einer Menge Hindernissen, die man nach und nach nehmen muss. Man muss das lernen. Es ist alles sehr technisch, man muss sich mit den Formaten der Kamera auseinandersetzen, mit dem Internet und und und. Auch mit Menschen muss man umgehen. Zum Beispiel waren wir sechs Leute, die am Drehbuch gearbeitet haben. Das ist nicht wenig. Das war bei vielen Professionellen oder Institutionen und Förderstellen schwierig, wenn die das gehört haben. Da entsteht bei denen ein großes Fragezeichen, ob das gehen kann. Aufgrund der Geduld und der Entschiedenheit, die wir alle hatten, hat das letztlich funktioniert. Auch wenn es ganz schöne Streitigkeiten gegeben hat. Wir haben uns über sechs Monate hinweg einmal in der Woche getroffen und jede Szene durchgeschaut. Es kommt ja auch drauf an, wie die Bereitschaft der Leute ist, auf Kompromisse einzugehen und sich die Sachen gut einzuteilen. Und das hat dann weitgehend gut funktioniert.

“Um einen Job kämpfen heißt im Filmbusiness eigentlich um Fördergeld kämpfen.”

 

Haben Sie schon Erfahrungen mit Konkurrenz gemacht?

Um einen Job kämpfen heißt ja im Filmbusiness eigentlich um Fördergeld kämpfen. Rennen. Man hat ja eine Idee und sucht einen Weg wie man das umsetzt und das geht entweder über einen Produzenten der sagt: Ok, ist interessant, gib das her, ich schau wo ich das Geld bekomme.“, oder man muss sich selber engagieren und Förderung einreichen. Der Topf ist klein und viele wollen auch etwas. Das ist dann die Konkurrenz.

Helfen Sie mir abschließend bitte mal. Ich habe gelesen, Sie produzieren gerade einen Haiku-Film. Was kann man sich darunter vorstellen?

(Lacht) Das ist etwas, wo ich gemerkt habe, das hat mir Spaß gemacht. Da habe ich Naturaufnahmen gedreht und dann ist mir was eingefallen, einfach ein paar Zeilen über das Leben. Kein Reim, aber fünf sechs Zeilen, die eine Stimmung ausdrücken. Eine Situation über das Leben, wie es aufploppt und auf einmal ist es wieder weg. Also so besondere Momente. Aber ich bin noch nicht wirklich dazu gekommen, dass ich das zusammenschneide in der Form, wie ich das möchte. Das ist dann was Kurzes. In dieser Form vielleicht drei, vier Minuten. Vielleicht auch 10 Minuten. Einfach über lebensphilosophische Dinge. Haiku ist ja auch ein Text zu Momenten und Erkenntnissen oder Gefühlen die man ausdrückt. Wie ein weiser Spruch. Das ist aber eher eine Werkstatt-Idee. Es ist nicht das nächste Projekt, aber es ist in der Warteschlange im oberen Bereich. Es ist eine schöne Sache. Auch weil man bei solchen Kurzfilmen und Kurzgeschichten viel lernen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Am 30. Dezember geht es weiter mit Script Supervisorin Sylvia Gülle im Interview.