Amnesty: Eine Kerze im Dunkeln, die mehr ist als ein Ideal

Lesezeit: 4 Minuten

„Amnesty behält den Ruf der Objektivität und Seriosität. Das ist unser Plus-Punkt, z.B. im Gegensatz zur Links-Partei, obwohl sie gleiche oder ähnliche Ziele verfolgt“, sagt Henrik Bornemann, Fachreferent Marketing und Kommunikation der deutschen Amnesty Sektion. Doch wie nutzt man diesen „Ruf der Objektivität“ und was sind die Ziele von Amnesty International?

Amnesty International ist eine NGO. Das sind nichtstaatliche und Non-Profit-Organisationen, unabhängig von Regierungen, Parteien, Ideologien, Wirtschaftsinteressen und Religionen. Es erreichen sie Spenden von über 7 Millionen Mitgliedern aus mehr als 150 Ländern weltweit. 7 Millionen Menschen – damit könnte man Berlin zwei mal bevölkern. Auf seiner Website formuliert Amnesty das Ziel, der Schaffung einer Welt, „in der die Menschenrechte für alle gelten“. Für ihre Arbeit erhielt die NGO 1977 den Nobelpreis.

Konkret setzt Amnesty sich beispielsweise für die Freilassung zu unrecht Inhaftierter ein, für verbesserte Haftbedingungen oder den Zugang zu medizinischer Versorgung. Hierbei können sie regelmäßig Erfolge feiern, diese wären ohne „Mitarbeiter auf Lobby-Ebene“, die ihnen „Informationen auch mal zustecken“ nicht möglich, so Henrik Bornemann. Sein Kollege Markus Bickel, Chefredakteur des Amnesty Journals, spricht von „Kontakten im Himmel und in der Hölle“.

Quelle: BEnow
Amnesty International setzt sich für die Freilassung von unrecht Inhaftierten ein (Foto: Bianca Nawrath)

Für die beiden Kollegen ist jedes Etappenziel Grund zu kämpfen. Doch das Feiern im Büro von Amnesty falle trotzdem schwer. „Irgendwas ist immer“ und „wenn Menschenrechte verletzt werden, wird meist nicht nur eins verletzt. Das ist der ständige Kampf“, so Bornemann.

50 Jahre Einsatz für Menschenrechte

Die Arbeit für die NGO habe sich in den letzten Jahren stark verändert, so Markus Bickel. „ Die Zeit, dass Amnesty die Menschenrechte nur hoch hält, ist vorbei. Das reicht nicht mehr“ . Die Lage in der Welt spitze sich zu und Amnesty sei auf die Unterstützung jedes Einzelnen angewiesen.

Ein entscheidender Teil der Arbeit von Amnesty sei es also, das Bewusstsein der Menschen zu verändern. Für eine Kampagne hat Amnesty den Gesamttext der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 auf großformatigen Plakaten an Bushaltestellen, Litfaßsäulen und Häuserwänden abgedruckt. Die 30 Artikel der UN-Charta seien eine unveränderbare Basis der
Arbeit von Amnesty. „Wir bewerben ein Produkt wie Coca Cola – keiner ändert das Rezept. Das ist interessant aus Marketing Perspektive, aber wir müssen auch immer neue Wege gehen, das zeitgemäß zu präsentieren“, erklärt Henrik Bornemann.

Quelle: BEnow
Anhand von Plakaten erklärt Anmesty International die Menschenrechte (Foto: Bianca Nawrath)

Wie vermittelt man ein komplexes Thema wie die Human Rights ansprechend und verständlich? Eine Herausforderung ist, dass die Zielgruppe sich betroffen fühlen soll, obwohl sie persönlich meist nicht von den Problemen betroffen ist. 2018 soll das mithilfe von verstärktem Personenbezug erreicht werden, da das die Aufmerksamkeit der Rezipienten am ehesten weckt. Gleichzeitig soll die Kampagne den Wunsch in uns wecken, zu handeln und das alles obwohl Amnesty International nicht die einzigen sind, die auf sich aufmerksam machen. Wir begegnen Plakaten und anderen Werbemaßnahmen von WWF, unicef, der Welthungerhilfe und weiteren Organisationen.

„Irgendwo bleibt Amnesty Moralapostel, das gehört dazu“, meint Bornemann. Gleichzeitig sei es Amnesty wichtig, den Menschen nicht ständig mit erhobenem Zeigefinger gegenüber zu stehen. Sie wollen auf die Hoffnung verweisen, so dramatisch die Probleme meist auch sind. Wir werden im Alltag mit negativen Nachrichten überschwemmt, doch wenn ständig das Gefühl vermittelt wird, es sei eh alles zu spät, sieht man den Sinn zu Handeln nicht und verliert die Motivation. Genau das dürfe laut Amnesty nicht passieren.

Die NGO verbreitet Informationen nicht nur über Plakatkampagnen. „Soziale Medien sind ein Muss“, sagt Henrik Bornemann und verweist auf über eine Million Menschen, die Amnesty International bei Twitter folgen. Bei Facebook sind es 1,9 Millionen Abonnenten und weitere 121.000 bei Instagram.

Quelle: BEnow
Amnesty International findet man im Internet sowie auf sozialen Netzwerken (Foto: Bianca Nawrath)

Während in den Sozialen Medien und durch Plakate für Themen Interesse geweckt werden soll, geht das Amnesty Journal in die Tiefe. Jedes Mitglied, das einen Förderbeitrag von mindesten fünf Euro im Monat zahlt, erhält dieses alle zwei Monate. „Ein jüngeres Publikum wollen wir beispielsweise durch enthaltene Comic-Sequenzen erreichen“, so der verantwortliche Redakteur Markus Bickel. Der Leser soll hoffnungsvoll bleiben, auch wenn wir ständig mit negativen Nachrichten konfrontiert werden.

Aus diesem Grund werden Schlagzeilen im Amnesty Journal positiv und nicht reißerisch formuliert, zudem werden Personen wie Nadia Murad vorgestellt, die Schreckliches erlebt hat und trotzdem weiter kämpft. Die Jesidin wurde von Kämpfern des Islamischen Staats verschleppt, vergewaltigt und versklavt. Jetzt setzt sie sich unermüdlich dafür ein, dass sich die Dschihadisten dem Internationalen Strafgerichtshof stellen müssen.

Über das Journal rufen Bickel und seine Mitarbeiter_innen auch zum Handeln auf. Sie machen auf Petitionen oder den Briefmarathon von Amnesty aufmerksam. Letzterer ist eine Aktion, bei der Aktivisten_innen überall auf der Welt Protestbriefe an Menschen schreiben, die zum Beispiel gefoltert, zur Heirat gezwungen oder zu unrecht inhaftiert werden. So soll Druck auf die betreffenden Entscheidungsträger ausgeübt und den Betroffenen und ihren Angehörigen Mut gemacht werden.

Quelle: Pixabay
Auch Unterrichtsmaterialien werden an Schulen zur Verfügung gestellt (Foto: Amnesty International)

Auch Unterrichtsmaterialien stellt die NGO zur Verfügung und geht an Schulen, um über Menschenrechte und deren Verletzungen aufzuklären. Die Grundlage für ein Engagement in der Zivilgesellschaft soll schon im Klassenzimmer gelegt werden.

Viele Menschen sind mit Vorsätzen in das neue Jahr gestartet. Ein solcher könnte es sein, ehrenamtliches Engagement zu zeigen. Die Mitarbeiter_innen von Amnesty International freuen sich über jede helfende Hand und auch über jede weitere Spende.