Alles unter Beobachtung – Interview mit Sylvia Gülle

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Sylvia Gülle ist nicht nur multitaskingfähig, sondern auch eine starke Person, die sich ihren Weg ins Berufsleben hart erarbeitet hat. Schon als kleines Mädchen hat sie sich bereits für Film und Fernsehen interessiert. Durch ein Praktikum ist sie auf den Beruf des Script Supervisors gestoßen. 15 Jahre hat sie sich um die Skript-Überwachung und -Leitung am Set gekümmert und hat bereits bei den Filmen „Die Rache der Wanderhure“ und „Der Kriminalist“ mitgearbeitet. Nach der Teilnahme an der Skript Akademie möchte sie als Drehbuchautorin durchstarten. Im Interview erzählt sie von ihrem spannenden Alltag beim Dreh, ihren vielfältigen Aufgaben und ihrem Weg zum Traumberuf.

 

BEnow: Was macht ein Script Supervisor eigentlich genau?

Sylvia Gülle: Der Beruf als Script Supervisor ist sehr vielfältig. Er schlägt die Brücke zwischen Produktion, Regisseur und Schneideraum. Man macht viele Sachen für die Produktion, schreibt die Zeitabläufe auf – wer wann kommt und wer wann geht, wann gegessen wird, warum sich Abläufe verzögern, welche Bilder abgedreht werden und welches Pensum geschafft ist. Für den Regisseur achtet man mit darauf, dass jede Textpassage im Drehbuch trotz eventueller Änderungen oder Streichungen im Kontext noch Sinn ergibt. Vor allem bei Krimis ist das sehr entscheidend. Was darf wann erwähnt werden? Was weiß der Zuschauer schon? Was darf er noch nicht wissen? Sind häufige Fragen, die dann gestellt werden. Wenn der Regisseur etwas zu einer Szene anzumerken hat, schreibt man das in den Cutterbericht und das wird dann weitergegeben in den Schneideraum.

Jeder kennt den Regisseur, den Kameramann und die Schauspieler, aber von einem Script Supervisor erfährt und weiß man nicht so viel. Woran liegt das?

Ich denke, in aller erster Linie liegt das daran, dass man ja nichts Kreatives macht oder nichts Eigenes schafft, sondern ausschließlich ausführend am Set ist, wie viele andere Positionen auch.

Was nervte Dich eigentlich am meisten im beruflichen Alltag? Was würdest Du sofort ändern, wenn Du könntest?

Am meisten nervte das Achten auf Anschlüsse. Also darauf, dass die Schauspieler auch nach vielen Stunden Dreh und verschiedenen Kamerapositionen immer dieselben Bewegungen ausführen, damit an jeder Stelle optimal geschnitten werden kann. Die inhaltliche Arbeit am Drehbuch dagegen fand ich immer herausfordernd und spannend.

Sylvia Gülle bei der Arbeit als Script Supervisor
Sylvia Gülle bei der Arbeit als Script Supervisor

Du bist in TV-Produktionen wie die Rache der Wanderhure oder auch in den Tatort-Folgen für sehr viele Bereiche zuständig gewesen. War das nicht ganz schön anstrengend?

Es ist nicht körperlich anstrengend, aber es fordert dich trotzdem unheimlich, denn es ist harte Arbeit für den Kopf. Wenn du abends nach zehn Stunden oder mehr nach Hause kommst, bist du einfach platt im Kopf. Du merkst, dass du den ganzen Tag auf hohem Konzentrationslevel warst und bist völlig ausgepowert. Am Set sind alle Abläufe genau strukturiert. Es gibt einen Drehplan und es gibt eine Dispo für den Tag. Du weißt, welche Bilder abgedreht werden müssen und hast das Skript mit den Texten und Bildern als Grundlage. Stressig wird es in dem Moment, wenn sich etwas, aus welchen Gründen auch immer, umstellt. Dann fängt es nämlich an, dass man Textpassagen anpassen, dazu erfinden oder weglassen muss. Und damit beginnt das Graben im Gedächtnis und Blättern im Drehbuch, damit am Ende alles noch wirklich Sinn ergibt.

Du brauchst ein starkes Nervenkostüm und musst Dich um die verschiedensten Aufgaben am Set kümmern. Was machte Dich stark für den Job?

Ich war in dem Job anfangs noch sehr unsicher, bis ich irgendwann gelernt habe, dass meine Arbeit durchaus hilfreich und ein Teil des großen Ganzen ist. Es ist ja eigentlich egal was man beruflich tut, wenn man sich selbst erst mal wertschätzt, kann man sich natürlich ganz anders behaupten und einbringen. Und dann macht alles mehr Spaß. Ist am Ende vermutlich auch eine Sache der Routine.

Was für Voraussetzungen brauchst Du für Deinen Job??

Du musst vor allem Engagement mitbringen! Ich habe keine Ausbildung gemacht, sondern einen klassischen Quereinstieg gefunden. Eigentlich musst du den richtigen Leuten auf die Nerven gehen und denen erzählen, was du machen möchtest oder wo du hinwillst. Wenn Du das mit Leidenschaft verbreitest, wird sich bestimmt irgendjemand irgendwann daran erinnern und Dir einen Einstieg ermöglichen. Also: Dranbleiben und daran arbeiten.

Sylvia Gülle hat auf einem Dreh alles im Blick
Sylvia Gülle hat auf einem Dreh alles im Blick

Wie bist Du auf den Beruf gekommen?

Als 15-Jährige wollte ich unbedingt Regisseurin werden. Ich habe leidenschaftlich gerne Filme geguckt und Bücher gelesen, war aber von vielen Verfilmungen tief enttäuscht. Ich dachte mir, das könnte ich viel besser machen. Na klar. Und so war die Motivation geboren, Regie zu studieren. Da man für die Filmhochschule ein Praktikum am Film-Set braucht, habe ich mich nach dem Abi bei allen nur möglichen Filmproduktionsfirmen beworben und Praktika begonnen. Mir hat das Set-Leben dann zu gut gefallen, die Abläufe fand ich hochspannend. Jeder Tag bot etwas Neues. Ich habe unheimlich viel gelernt und konnte mir bald nicht mehr vorstellen, diese Welt wieder zu verlassen und auf die Hochschule zu gehen. Und ich hatte sehr viel Glück, weil es damals noch viele Praktikantenplätze im Bereich Script Supervisor gab. Ich habe durch die Arbeit am Set für mich herausfinden können wo es hingehen soll. Und jeder Schritt war gut und wichtig. Ich finde es sehr sinnvoll, sich erst mal anzugucken, wie die Abläufe und einzelnen Berufsbilder beim Film beschaffen sind und nach ein paar praktischen Erfahrungen durch eine Ausbildung einfach nachzurüsten.

Was gefiel Dir ganz besonders an dem Beruf?

Die Möglichkeit, mit vielen unterschiedlichen Berufsfeldern in Kontakt zu kommen. Die Tatsache, dass du links und rechts wahnsinnig viel mitbekommst von allen Abteilungen. Ich habe daraus für mich erkennen können, dass die Arbeit mit und am Drehbuch meine Leidenschaft am stärksten trifft. Aber auch von Inszenierung und Schauspielführung bekommst du viel mit, was für die Arbeit als Drehbuchautor/in auch wertvoll sein kann.

Du warst produktionsbedingt in Südafrika, Italien, Dänemark, Österreich, Frankreich und in der Tschechischen Republik. Was hast Du durch Deinen Auslandsaufenthalt mitgenommen?

Das war super, weil es teilweise Orte waren, an die ich selber nicht gekommen wäre. Zum Beispiel Triest in Italien. Da wäre ich vermutlich nie hingefahren. Die Umgebung ist unheimlich schön, weil man direkt an der Staatsgrenze ist. Du kannst nach Slowenien rein- und am Meer bis nach Kroatien runterfahren. Bei dem Film „Die Rache der Wanderhure“ waren die Drehorte in Tschechien sehr besonders. Wir haben nur auf Burgen und Schlössern gedreht, von denen es sehr viele dort gibt. Ein Film spielt ja manchmal in vergangener Zeit. Da bekommt man irgendwann selbst das Gefühl, sich irgendwo im Mittelalter aufzuhalten.

Foto: Pixabay
Als Script Supervisor notiert Syliva Gülle die Änderungen einer Szene im Drehbuch

Du bist aktuelle Kursteilnehmerin an der Skript Akademie. Was für einen Kurs besuchst Du zurzeit? Warum und was versprichst Du Dir davon?

Ja, ich besuche zurzeit den Kurs „Autor, Lektor, Dramaturg“. Auch als ich als Script Supervisor gearbeitet habe, habe ich selbst geschrieben. Aber das war eher für die Schublade. In dieser Ausbildung bekomme ich Eindrücke von einer ganz anderen Seite der Branche und erlerne das professionelle Handwerkzeug, das nötig ist, um selbst drehfähige Geschichten zu erschaffen. Wir lernen hier von Autoren/innen und Dramaturgen/innen, die selbst seit vielen Jahren in dem Beruf arbeiten und haben viele Gastdozenten, die weitere Bereiche vermitteln.

Hast Du noch vor andere Kurse nach der Skript Akademie zu besuchen? Wenn ja, welche?

Unbedingt. So viele wie möglich. Ich arbeite im Rahmen dieser Ausbildung gerade an einem eigenen Drehbuch- Projekt. Alles, was ich mir an Wissen aneignen kann, wird mir dabei helfen. Die Skript Akademie bietet eine Vielzahl an interessanten Seminaren.

Was ist Dein Lebensmotto?

Bloß nicht stehen bleiben, in Bewegung sein. Ausruhen ist natürlich immer erlaubt.

Kannst Du Dein Privatleben dem Job ausblenden?

Auf jeden Fall. Aber wenn ich mit Freunden zusammen im Café sitze und jemand fragt sich, wo er sein Portemonnaie hingetan hat, kann ich da meist sofort helfen. Ich beobachte alles, oft ganz unbewusst. Beim Filmegucken bin ich übrigens die Letzte, der Anschlussfehler auffallen.

Was möchtest Du in deinem Leben noch erreichen?

Ich würde mir unheimlich gerne Geschichten ausdenken, Filme schreiben und damit finanziell über die Runden kommen. Ich brauche nicht viel, aber davon Leben zu können, das ist ein Ziel.