Alles eine Frage der Zeit: Rewind – Die zweite Chance (2017)

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Nach seinen beiden essayistisch-dokumentarischen Reisen durch die deutsche Genrelandschaft der 60er und 70er Jahre, die er mit Dominik Graf zusammen verwirklichte, liefert Johannes Sievert mit seinem Spielfilmdebüt “Rewind” nun seinen ersten eigenen Beitrag zum deutschen Genrefilm ab. Der Film dürfte dabei einen der ersten deutschen Genrefilme darstellen, der sich dem Thema Zeitreisen verschrieben hat und den der Film mit einem konventionellen Kriminalplot verzahnt.

So treffen sich hier Science-Fiction und Kriminalfilm. Zunächst behält aber der Kriminalfilm die Oberhand, die Suche nach einem mysteriösen Mörder, dessen Identität von Anfang an bewusst verschleiert wird. Der Film erzählt von Kommissar Lenders (Alex Brendemühl), der seine Frau bei einem Banküberfall verliert und sich auf die Suche nach einem Serienmörder begeben muss. Eines von dessen Opfern behauptet in einer Videoaufnahme von sich, es wäre in die Vergangenheit gereist.

Sieverts Film ist auf den ersten Blick schwer zu fassen, denn der Plot bildet zwar einen traditionellen Topoi des Genrekrimis ab, aber Sievert erzählt diese Geschichte verstrickt, voller Nebentüren, in die sich der Film stürzt. Doch das schöne an diesem Genrefilm ist damit unter anderem auch, dass Sievert versucht, sich auf seine Figuren einzulassen, dass er sich Zeit für sie nimmt, um ihr alltägliches Leben zu skizzieren, dem Zuschauer eine Ahnung von ihren Träumen und ihren Plänen für die Zukunft zu geben. Der Film ist also bemüht, seinen Figuren eine Geschichte zu geben.

Auch die Nebenfiguren haben ihre Geschichte

So leidet der Kommissar auch unter dem Verlust seiner Frau, was der Film auch bewusst intensiv schildert und am Ende zu seiner Motivation werden lässt. Es ist eine Figur, die schließlich niemanden mehr verlieren möchte. Aber auch den Nebenfiguren versucht Sievert eine Geschichte aufzudrücken. So gibt es natürlich einen jungen Kollegen (Max von Pufendorf), dessen Freundin ein Kind erwartet, sich nach ihrem Mann sehnt, der immer nur spät nach Hause kommt und gar nicht so recht weiß, was er da eigentlich für ein Glück hat. Sein Freund Lenders weiß es. Folglich schildert das Werk eigentlich banales, was vielleicht sogar vom linearen Kriminalplot wegführt, aber am Ende für das dramatische Potenzial der Geschichte tragend wird, um die Gefühle der Figuren und ihre Seelenleben zu verstehen. Der Verlust seiner Figuren bedeutet Sievert etwas.

Auf der anderen Seite könnte man dahingehend auch kritisieren, dass der Film dadurch sehr überfrachtet erscheint, denn er versucht jede zentrale Figur wirklich in dieser Hinsicht unter Dach und Fach zu bringen. Das betrifft auch die antagonistische Kraft im Film. Diese Figur ist eine zunächst schattenhafte Figur, die in Genretradition als eine Art Übermensch inszeniert wird, die keine Skrupel hat, ihre Ziele zu verfolgen, aber nur vage im Bild erscheint.

Diese Figur ist eine diffuse Energie im Film, weil Sievert zwar im Verlauf der Geschichte auch ihre Beweggründe darlegt, aber sie als Figur trotzdem nie wirklich greifbar, sondern undefiniert bleibt. Man glaubt diese Figur irgendwie nicht in diesem Film. Es ist eine Figur, die irritiert, weil sie innerhalb des Films irgendwie widersprüchlich erscheint.

Es ist eine funktionale Figur, die ihren Zweck erfüllt und die Sievert auch versucht markant darzustellen, aber dieser Bösewicht bleibt eine Kinofigur, anders als die meisten anderen Figuren in dem Film kann man sie sich nicht in einer Wirklichkeit beziehungsweise der Wirklichkeit des Films vorstellen, denn es ist eine Figur, die nur der Phantasie eines Autors entspringen kann und so ist sie doch ein bisschen befremdlich innerhalb dieses Films, der vor allem seine Figuren über ihre zwischenmenschlichen Beziehungen beiläufig skizziert, wenngleich sie theoretisch als ein antagonistischer Stereotyp des Genrefilm durchaus Sinn macht. Sie gehört somit eher zu den ulkigen Phantastereien dieses Films, der sonst – klammert man mal das Thema der Zeitreise als zentrales Element aus – oft überraschend bodenständig erscheint.

Vom Krimi zum Science-Fiction Film

Daneben gleitet der Film dann Schritt für Schritt vorsichtig in das Science-Fiction-Genre über, das der Film dann mit großer Überzeugung versucht zu verkaufen, ist sich aber dabei der Absurdität seines Szenarios der Zeitreise stets bewusst, wenn er seinen Kommissar Lenders kommentieren lässt, dass sie diesen Irrsinn erstmal für sich behalten sollten, als sie eine Festplatte mit dem Video des Mannes finden, der anscheinend mit Hilfe eines Chips durch die Zeit reisen kann.

Der Weg des Kommissars führt schließlich an eine Universität, wo ihm ein junges Team an Teilchen-Physikern helfen soll, der Erkenntnis einen Schritt näher zu kommen und ihm vielleicht sogar die Chance gibt Vergangenes neu zu konstruieren. Dazu ist der Film bis zum Ende verschlungen erzählt. Er ist atemlos und vor allem sehr zeichendicht, was sich besonders in einer raffinierten Montage zu Beginn zeigt, in der das Werk sein erstes Highlight liefert und Sievert den Schmetterlingseffekt eindringlich über die Montage dem Zuschauer nahe bringt (überhaupt zählt die einfallsreiche Montage des Films, die komplexen Science-Fiction-Themen zu performativen Sequenzen gestaltet, zu einem der großen Kunststücke dieses Films). Überhaupt setzt setzt sich der gesamte Film Stück für Stück zusammen.

Man hat ein bisschen den Eindruck, als würde Sievert innerhalb dieser oft noirartig erscheinenden Versuchsanordnung zum Thema Zeit eine Art Puzzle für den Zuschauer kreieren, in dem der Zuschauer seinen eigenen Weg durch den Film finden muss. Das macht auch einen großen Reiz des Films aus.

Sievert macht dabei, trotz bedächtig beobachteter Momente des Stillstandes seines Protagonisten, der in der Einsamkeit seiner Wohnung um seine Frau trauert, oder wenn Sievert, fast wie in einem Michael Mann Film, seinen Helden durch die nächtlichen Straßen von Köln fahren lässt, keinen Halt.

Der Film traut seinem Zuschauer viel zu, denn, auch wenn die Geschichte geradlinig auf ein Ziel hinsteuert, wechselt Sievert immer wieder zwischen den persönlichen Dramen seiner Figuren, dem Science-Fiction-Bruchstücken (deren zentrale Blade-Runner-2049-Darstellerin Sylvia Hoeks als nach Antworten suchende Physikstudentin ist) und den beinahe schon standardisiert aufgesagten Elementen des Kriminalfilms, die der Film etwas unmotiviert routiniert abspult. Die Szenen, die der Film innerhalb des Polizeiapparates baut, sind die schwächeren, denn dort bewegt sich der innerhalb eines allzu redlichen Tatort-Kosmos, dem der Film aber auch oft genug eine Abfuhr erteilt, in dem der Film auch eine große Lust am kraftvollen, visuellen Erzählen zeigt.

Im Stil der 70er-Jahre

Dahingehend kann man dann auch eine Nähe zum Kino der 70er Jahre erkennen, wenn Sievert versucht das Stilmittel der Splitscreen wieder aufzufreifen (was bei einem Film, der von der Möglichkeit von mehreren Realitäten erzählt, durchaus Sinn macht). Ein bisschen wirkt der Film damit also auch so, als würde er uns auf eine Zeitreise in der Filmgeschichte nehmen, denn trotz der Tatsache, dass der Film in der Gegenwart spielt, hat der Film auch irgendwie einen unscheinbaren, aber trotzdem fühlbaren Retrolook inne.

Der Film hat dazu natürlich auch – wenig überraschend –  die Schwingungen eines Dominik Graf Films in sich, wenn er einen kurzen Panoramablick über die Stadt Köln liefert oder er versucht aus der visuellen Energie des Mediums Films eigenwilliges oder irritierendes zu kreieren. Überhaupt ist der Film immer dann am besten, wenn er nur über das Visuelle erzählt, wenn er nicht wie eine öffentlich-rechtliche Produktion wirkt, in der man in mancher Sequenz mit reichlich unmotiviert aufgesagten Texten konfrontiert wird. Denn das Visuelle gelingt Sievert virtuos.

Seine düster-unterkühlten Bilder sind eindrücklich. Sie fesseln an diesen Film. Gleichzeitig durchzieht den Film durch sie aber auch stets eine gewisse Wehmut und zum anderen kommen die Bilder so dem eigentlichen Kern des Films näher, der zwar Genrefilm ist, aber dabei auch stets ein Gedankenspiel über das Thema Zeitreise und die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, die Vergangenheit zu verändern, bleibt. Ein Blick wert ist dieser stilvoll inszenierte Kinofilm also auf jeden Fall, denn er bietet nicht nur viel Reibungsfläche, sondern zeigt auch, wie man auch schon in den letzten Jahren zunehmend feststellen konnte, dass sich das deutsche Genrekino endlich wieder bewegt.

7.0 / 10

 

Dieser Artikel erschien zuerst bei: Drei Cineasten