A-Maze: Realitätspornos und orangene Jogginghosen

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Wenn man die Kombination aus den Wörtern „Gaming“ und „Messe“ hört, schlägt das Herz eines jeden Zockers höher. Dieses Gefühl der Freude tobt auch in mir, als ich das diesjährige Spielevent „A-Maze“ in Berlin besuche.

Freitagmorgen, es ist gutes Wetter, die Sonne scheint und ich warte voller Vorfreude auf meine zwei Kollegen Marvin und Kai, mit denen ich mich an der Jannowitzbrücke treffe, um zusammen zur Veranstaltung „A-Maze“ zu gehen. Punkt 10:00 Uhr trudeln die Beiden ein. Wir checken kurz unsere Tickets und laufen zur angegebenen Adresse, Holzmarktstraße 25.

Während wir der Spielemesse immer näherkommen, philosophieren wir über unsere Erwartungshaltungen. „Ich hoffe es wird so wie bei der Gamescom“, sagt Marvin in euphorischem Ton. Kai betont: „Mir ist’s eigentlich egal, ich hoffe nur, es wird nicht langweilig.“ Ich bin ähnlicher Ansicht wie Kai, ich habe keine großartigen Erwartungen, ich will eigentlich nur zocken und Spaß haben. Wenn ich dabei etwas Neues lerne, dann nennt man das wohl eine klassische Win-Win-Situation.

Kaum haben wir unsere Wünsche definiert, da sind wir auch schon an der genannten Adresse angekommen. Aber irgendwie stimmt etwas nicht. Vor dem Gebäude steht ein schwarzer Van, um ihn herum lungern Bühnenbauer. Das kuriose ist, dass sie Gerüste nicht in, sondern aus dem Haus heraustragen. Kai tritt an einen der Arbeiter heran und fragt: „Sind wir hier richtig bei A-Maze?“. „Ne, die haben umverlegt, das findet da am RAW-Gelände statt. Warschauer Straße,“ entgegnet der gut gebaute, verschwitze und etwas genervte Mann. Offenbar sind wir nicht die Einzigen heute, denen er die Frage beantwortet hat. Wir seufzen alle einmal. „Na das geht ja gut los,“ bemerkt Marvin mit ironischem Unterton. „Ich versteh das nicht. Da stand doch Holzmarktstraße 25.“, wundert sich Kai. „Egal Jungs, ist jetzt halt so.“, sag ich und wir laufen zu dritt im Gänsemarsch zur S-Bahn.

Nach circa zwanzig Minuten S-Bahn-Fahrt und Fußweg, stehen wir nun am RAW-Gelände und tatsächlich hängt ein schwarzes Banner über dem Eingang, auf dem in weißen Buchstaben „A-Maze“ steht. An der Einlasskontrolle gibt es die erste von vielen Überraschungen. Alle sprechen ausschließlich Englisch. Ok, kein Problem, die Englisch-Skills ausgepackt und rein in den Laden.

Nachdem wir im Inneren des Geländes angelangt sind, muss ich erst einmal die Umgebung auf mich wirken lassen. In der Mitte gibt es einen großen Platz mit Bänken und Tischen. An dessen Ende befindet sich eine hölzerne Bar. Latinojazz hallt über das Gelände und es riecht überall nach Marijuana. Links vom Getränkestand ist ein Gebäudekomplex, in dem bisher jedoch nichts los ist. Gegenüber steht eine erhöhte Plattform mit weiteren Sitzmöglichkeiten. Dahinter sind zwei Lagerhallen mit Planen überzogen.

Es sind noch nicht viele Besucher da. Wir setzen uns auf eine der zahlreichen Bänke. Wir überlegen, wie wir den Tag weiter verbringen. In einer der Lagerhallen findet in zwanzig Minuten eine Podiumsdiskussion über virtuelle Realität statt. Das ist der erste Punkt auf unserer heutigen Agenda.

Eine Zigarette und einen Politikdiskurs später, nehmen wir in der Halle in der hinteren Reihe platz. Die Diskussion beginnt und uns ist sofort klar; das Mikro und die Lautsprecher haben ungefähr die Qualität eines Toasters. Man versteht kaum ein Wort. Selbst Marvin, der von uns allen das beste Englisch spricht, versteht nichts. Auch das Gesagte ist eher semiinteressant. Nach circa zehn Minuten gehen wir.

Draußen wieder angekommen, gehen wir zum Tagesplan über, um uns etwas Interessanteres rauszusuchen. Und Bingo, um 11:45 Uhr gibt es im Nachbarzelt ein Vortrag zu virtueller Realitätspornographie. Der Redner: Vladimir Storm. „Geil!“, denken wir uns.

Es ist 11:15 und wir nehmen wieder auf einer der Bänke platz, diesmal allerdings auf dem erhöhten Plateau. Im linken Komplex gibt es Fortschritte, Computer werden im Inneren aufgebaut. „Vier Euro für ein Red-Bull, was für eine Abzocke“, beschwert sich Marvin, der sich ein Getränk gönnen wollte und setzt sich leicht angesäuert auf die Bank. Zeit für ein kleines Zwischenfazit: Kai resümiert: „Das Ganze wirkt eher wie ein Hippie-Festival auf mich.“ „Woodstock für Arme,“ ergänzt Marvin und auch mir ist die Alternative-Aura des Ortes nicht entgangen. Wir lachen. Dazu passt auch das Hinweisschild an der Toilette „Für alle Geschlechter“.

Aber nun zur Realitätspornographie:

Diesmal haben wir einen Platz in der vordersten Reihe ergattert. Kurz danach kommt der Redner, Vladimir Storm, auf die Bühne. Ein eher schmächtigerer, junger Mann. Er ist genauso skurril gekleidet wie sein Präsentationsthema. Er hat kurze, hellblonde Haare, offensichtlich gefärbt. Er trägt ein weißes T-Shirt mit schwarzen Ärmeln und orangenem Muster auf der Brust. Eine orangene Jogginghose und weiße Sneaker bekleidet seine Beine und Füße. Dabei musste ich irgendwie an Karl Lagerfeld denken, der mal gesagt hat: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“. Jetzt erahne ich was er damit meint.  

In gebrochenem Englisch beginnt er uns etwas über „virtual reality porn“ zu erzählen. Und ich war überrascht, weil es tatsächlich ziemlich interessant war von etwas zu hören, womit man sonst nie etwas zu tun hat. VR-Pornosspiele werden meist von Männern für Männer produziert, die sich ein Fetisch teilen oder bestimmte Fantasien ausleben möchten. Die Entwicklung ist wohl nicht viel weiter als in den 1990er Jahren. Das Angebot reicht von japanischen „Hentai“-Pornos, bei denen die animierten Mädchen doch recht jung erscheinen, bis hin zu Hybriden aus Pferden und Menschen.

Die Entwickler der Spiele finanzieren sich dabei aus Spenden und kostenpflichtigen Premiuminhalten. Es gibt eine Internetplattform für VR-Pornos, ähnlich wie Kickstarter, auf denen sich Projekte über Crowdfunding finanzieren lassen. Teilweise erzielen manche Spiele Spenden in Höhe von ca. 36.000€ pro Monat. In Tokio finden zudem regelmäßig Events statt, die bis zu 100.000 Besucher anlocken. Es scheint also einen rentablen Markt dafür zu geben.

Während Vladimir seinen Vortrag hält, müssen immer wieder Leute im Publikum lachen. Kaum verwunderlich bei den Spielenamen wie „Monster Girls Island“ und „Club vixxxen“.

Am Ende der Präsentation stellt ein junger Mann eine ironische Frage: „Warum macht man kein Spiel, bei dem man jemanden vergewaltigt und dann tötet?“ „Mach du doch eins.“, antwortet Vladimir mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Leute lachen. Und ich muss wieder an Karl Lagerfeld denken.

Die Präsentation ist beendet.

Amüsiert kommen wir aus dem Zelt raus. Wir wissen auch nicht so recht, was wir da gerade gesehen haben.

Endlich hat auch das Gebäude offen, in dem vorhin die Computer aufgebaut wurden. Kurze Raucherpause und nichts wie hin. Drinnen angekommen, erwarten uns viele verschiede Spiele von unabhängigen Spieleentwicklern, die man ausprobieren kann.

In einem Spiel muss man Menschen mit Zügen überfahren, dabei muss man bestimmte Entscheidungen treffen. Überfährt man z.B. eine schwangere Frau oder ein junges Pärchen. Während unter meiner Lok gerade fünf Menschen zerquetscht werden, erklärt die Entwicklerin Marvin und Kai, dass das Spiel an moralische, soziale und ethische Werte appellieren will. Ich hoffe nur sie hat nicht gesehen, was ich gerade getan habe. Oder ich sollte mir eine orangene Jogginghose zulegen.

Weiter geht’s zu einem jungen Mann, der uns ein Party-Übersetzungsspiel für das Smartphone präsentiert. Dabei vernetzt man sich über die App und kann dann zusammen Wörter übersetzen. Eher langweilig, als ein Partyspiel.

Als nächstes schaue ich mir ein Spiel an, bei dem man mit einer VR-Brille und zwei Controllern in den Händen, sich selbst die Zähne ziehen muss. Dabei hat man diverse Werkzeuge wie Bohrmaschine, Betäubungsspritze und Zangen zur Verfügung. Ich muss darauf achten, dass ich nicht verblute, sonst werde ich bewusstlos und sterbe. Ich drücke es mal so aus: Ich werde in diesem Leben wahrscheinlich kein Zahnarzt mehr.

Damit endet mein Tag auf der Gamemesse „A-Maze“. Und Dank Karl Lagerfeld kann ich viele der Anbieter mit ihren Ambitionen richtig verstehen, statt nur virtuell.